In der so genannten Landi-Halle, dem einstigen Zelluloselager der Borregaard, ist neues Leben eingekehrt. Ein Dutzend Güterwagen stehen aufgebockt da, die Drehgestelle abmontiert. Auf Paletten fein säuberlich aufgeschichtet stehen Berge von Bremsklötzen («Sohlen»), Gestänge, Puffer, Spiral- und Blattfedern. Dazwischen Arbeiter, die mit schwerem Gerät hantieren. Die blaue Flamme eines Schweissgerätes flackert unter dem Bauch eines Kiestransportwagens hervor.

«Dieser Wagen wird gerade repariert. Ein Verstrebung ist gerissen und muss ersetzt werden.» Guido Beer, Verwaltungsratspräsident und Geschäftsführer der CT-X Mobil Service AG, hat auf dem Rundgang durch das ausgedehnte Gelände allerhand zu zeigen. «Wir bieten das ganze Spektrum an Wartungs- , Reparatur- und Umbauarbeiten für Güterwagen an», erklärt Beer nicht ohne Stolz.

SBB baute Kapazitäten ab
Nach der weitgehenden Schliessung des Industriewerkes Biel durch die SBB gab es in der Schweiz zu wenig Kapazitäten für den Güterwagen-Service. Beer und die zwei weiteren Teilhaber der CT-X Holding AG sahen eine Chance für die Entwicklung dieses Geschäftsfeldes als Privatanbieter. Guido Beer (54) hat selber 10 Jahre lang in der Direktion des SBB Güterverkehrs gearbeitet.

Zur 2007 gegründet Holding gehört auch die Firma ACTS-AG, (Abroll-Container Transport Service) die seit einigen Jahren schon mit 300 eigenen Güterwagen schweizweit Transporte von und zu Kehrichtverbrennungsanlagen anbietet. Dazu kommt eine Firma, die mit Ersatzteilen für Güterwagen handelt sowie ein Handel mit Altholz. Die Güterwagen-Werkstätte in Luterbach, in der inzwischen 30 Personen arbeiten, wurde 2010 eröffnet. Es sind Mechaniker, Metallbauschlosser, Schweissfachleute, Maschineningenieure, Lackierer etc. sowie Hilfskräfte und Büropersonal.

An der Decke beginnt eine Signallampe zu drehen. Eine gelbe Rangierlokomotive schiebt einen vierachsigen Zement-Transportwagen in die Halle. «Jura Cement», steht auf der bauchigen Zisterne. Die meisten Güterwagen in der Schweiz gehören nicht SBB Cargo, sondern Privatfirmen.

Grosses Gelände
Das riesige, 23 000 Quadratmeter grosse Gelände mit Gleisanschluss, ist gemäss Beer sehr gut für seine Zwecke geeignet, weshalb man es am liebsten von Borregaard erwerben würde. Zwar muss man auch etwas improvisieren. Weil die Halle keinen Laufkran hat, behilft man sich für das Abheben der Wagen von den Drehgestellen mit einem grossen Gabelstapler, wie man ihn von Containerhäfen kennt. Auch sonst wurden an der Landihalle einige bauliche Veränderungen vorgenommen.

Die Büroarbeitsplätze, dazu gehört auch eine eigene Konstruktionsabteilung, sind in Containern untergebracht. In der abgetrennten Lackiererei hat ein ganzes Güterwagen-Chassis Platz. Und in einer weiteren Ecke der Halle befindet sich ein computergesteuerter Prüfstand für Bremszylinder eines tschechischen Herstellers, für den CT-X die Generalvertretung übernommen hat. Praktisch alle Ersatzteile für die Güterwagen kommen heute aus dem Ausland.

Wie kommt es, dass in der Schweiz das Unterhaltsgeschäft doch noch rentabel betrieben werden kann? Durch das Leerwagenregime der Firmen sind lange «Auslandabsenzen» oft unerwünscht. Und: «Wir haben zudem schlanke Strukturen und überzeugen unsere Kunden durch Leistung.» So lege man bei CT-X Wert darauf, dass man den Güterwagen äusserlich auch ansehe, wenn sie aus der Revision kommen. Will heissen: die oft mit Graffiti «verzierten» Wagen werden gereinigt und oft auch ganz frisch gestrichen. Immer mehr private Wagenbesitzer wollen das verbreitete, schmuddelige Erscheinungsbild der Güterwagen nicht mehr akzeptieren. Wenn schon ein Firmenlogo auf dem Wagen steht, soll dieser auch etwas hermachen.

Nachholbedarf bei Lärmsanierung
Ein weiterer Faktor, der das Geschäft der Luterbacher Werkstatt zum florieren bringt, ist der grosse Nachholbedarf bei der Lärmsanierung von Güterwagen. Bis Ende 2015 müssen 3800 inländische Güterwagen saniert werden. In der Schweiz immatrikulierte Wagen, die nicht saniert werden, dürfen in der Schweiz ab 2019 definitiv nicht mehr verkehren. Den Grossteil der Sanierungskosten trägt der Bund über den Finöv-Fonds.

Zwar gilt das nicht für ausländische Wagen, die durch die Schweiz rattern. Und manche Eigentümer lösen das Problem auch einfach, indem sie die Wagen im Ausland einlösen. Doch einerseits kommt die Lärmproblematik auch im dort allmählich aufs Tapet und anderseits beschert der Pool an einheimischen Wagen Firmen wie CT-X in den kommenden Jahren reichlich Arbeit. «Für nächstes Jahr, auch für 2013 und 2014 sind wir gut ausgelastet», sagt Beer

Denn auch ohne Sanierungen brauchen die Güterwagen regelmässigen Unterhalt, vom Achsschmier-Service bis zur Generalüberholung nach jeweils sechs Jahren. Die Wartungen werden entsprechend dokumentiert. Damit ist ein generalüberholter Wagen sozusagen «ab MfK». Für einen Güterwagen-Service werden 40-45 Stunden (reine Arbeitszeit) veranschlagt.

Ausbau geplant
Beer könnte sich jedenfalls vorstellen, einmal bis 120 Angestellte zu beschäftigen und weiter in den Standort Luterbach zu investieren. Die Lärmsanierung umfasst nämlich den Austausch des gesamten Bremssystems. Die Bremsbeläge aus Grauguss werden durch solche aus Kunststoff ersetzt.

Weil die Kunststoffbacken geringere Anpressdrucke benötigen, werden auch die Bremszylinder und weitere Teile ersetzt. «Ein sanierter Güterwagen ist nicht lauter als ein neuer Wagen mit Scheibenbremsen», meint Beer.