Ein Blumenkasten schmückt das Ortsschild, Hüniken begrüsst seine Besucher mit roten Geranien. Gerade jetzt, im Frühling, ist die Kleinstgemeinde im äusseren Wasseramt ein ländliches Idyll. Vor den alten Bauernhäusern spenden Obstbäume reichlich Schatten.

Ein Holzschild weist den Weg zur Mosterei, wo im Herbst kistenweise Äpfel verarbeitet werden. Im oberen Dorfteil dominiert helvetische Architektur nach Mass: Giebeldachhäuser, davor ein Sitzplatz, rundherum ein Rasenstreifen. Gebaute Träume von Nestwärme und finanzieller Sicherheit. Dann die kleine Kapelle: Viele Brautpaare geben sich hier das Ja-Wort.

Auf unserem Spaziergang begegnen wir zwei älteren Damen mit Walkingstöcken und einem Altersgenossen, der auf dem Mofa durchs Dorf saust. Hell begeistert folgern wir: Die Hüniker Rentner sind rüstig und ziemlich unternehmenslustig.

Kinder treffen wir an diesem schulfreien Nachmittag allerdings keine. Zufall? Wohl kaum. Schliesslich liegt dieses Dorf fest in den Händen der Rentner: In keiner anderen Solothurner Gemeinde leben anteilsmässig mehr Senioren als in Hüniken.

Über ein Viertel der 87 Einwohner sind 65 Jahre oder älter. Die Alterspyramide macht den Kopfstand, immer mehr Alte stehen immer weniger Jungen gegenüber. Und die einwohnermässig zweitkleinste Gemeinde im Kanton Solothurn wird immer kleiner: Allein im letzten Jahr ist Hüniken um sechs Bewohner geschrumpft.

Ein düsterer, wenig optimistischer Gedanke: Wird Hüniken da etwa gerade zum Opfer des demografischen Wandels? Gemeindepräsident Jürg Schibler mag so etwas nicht hören. «Wir wissen, dass unsere Bevölkerung nicht die jüngste ist», sagt er, «aber das wird sich bald ändern.»

Für dieses Jahr rechnet Schibler nämlich mit einem Bevölkerungswachstum. Hüniken hat jüngst acht Bauplätze eingezont, ein Teil davon soll noch in diesem Jahr bebaut werden - und zwar von Familien mit Kindern.

Jürg Schibler, hauptberuflich Leiter der kantonalen Sportfachstelle, ist kein Mann der Übertreibung. Seine Stimme ist unaufgeregt, Worte wägt er sorgfältig ab. Und so spricht der Gemeindepräsident lieber von einem «moderaten Wachstum im sanften Rahmen», statt die grosse Keule zu schwingen. Tatsächlich ist es unwahrscheinlich, dass sich seine Gemeinde weiter ins Umland frisst. Zu eng ist das raumplanerische Korsett geschnürt.

Im Internet ist Hüniken eine kleine Nummer, die Gemeinde hat nicht mal eine eigene Website. Statistiken untermauern das Bild des ländlichen Idylls: In der Gemeinde besitzt jeder Bürger den Schweizer Pass, der Ausländeranteil beträgt 0,0 Prozent. Sozialfälle? Gibt es bis heute keinen Einzigen. Kriminalität? Null Delikte im vergangenen Jahr.

Gemeindepräsident Schibler sagt: «In Hüniken kennt eben jeder jeden.» Man hilft, vertraut und misstraut sich. Die soziale Kontrolle greift mit allen Vorzügen und Widrigkeiten. Ein fremdes Auto im Ort wirkt schnell verdächtig.

Unsere These lautet: Hüniken ist ein Dorf, wie man es sich vorstellt. Ein bisschen Siedlung, viel grüne Natur. Zwar ohne Schule, Laden oder Beiz - aber herausgeputzt und heimelig. Eine heile Welt also? Jürg Schibler, der im Ort aufgewachsen ist, hadert mit diesem Vergleich. Gewiss, auch er spreche manchmal von heiler Welt. «In Hüniken ist es halt schon schaurig schön.»

Trotzdem will der Gemeindepräsident jegliche Anzeichen von Isolation vermeiden. Hüniken will kein Paradies der Abschottung sein. «Bei uns sind alle willkommen», betont der Gemeindepräsident. Dass es bisher keine ausländischen Familien hierhin verschlagen hat, erklärt sich Schibler mit der Grösse seines Dorfs und dem Fehlen von Mehrfamilienhäusern.

Tatsächlich gehört Hüniken auch nicht zu den Dörfern, die einen Phantomschmerz bekämpfen; zu den Dörfern ohne Ausländer, die sich heftig gegen die Zuwanderung wehren: Hüniken hat die SVP-Initiative «Gegen Masseneinwanderung» am 9. Februar als eine von wenigen Gemeinden im Kanton abgelehnt. Man politisiere unideologisch und «möglichst vernünftig», sagt Jürg Schibler, freilich auch ein wenig stolz. «Parteien gibt es bei uns keine.»

Noch können in Hüniken alle politischen Ämter besetzt werden, noch steht der Ort finanziell auf gesunden Beinen. Allerdings hat Hüniken bereits heute eine Altersstruktur, wie sie in zwanzig Jahren im ganzen Land die Regel sein könnte. Wer wird dann für Wohnnachfrage sorgen? Mit dem demografischen Wandel der Bevölkerung droht nämlich ein Leerstand der Einfamilienhäuser. Auch Gemeindepräsident Schibler weiss: «Wie Hüniken in ein paar Jahrzehnten aussieht, steht in den Sternen.»