Wiedlisbach

In der Wiedlisbacher Kirche gibt es eine Gewaltorgie

Spitze Dornen bohren sich durch Oberschenkel und Schultern kräftiger Männer, eine Kaiserin wird enthauptet, im siedenden Öl kocht eine Märtyrerin. Es ist brutal, was im beschaulichen Wiedlisbach zu sehen ist. Nur wenigen sind die gewaltigen Fresken in der Wiedlisbacher Katharinenkapelle bekannt

Im nordöstlichen Winkel des historischen Stedtli liegt etwas versteckt die Katharinenkapelle. Dort haben sich schaurig-schöne Fresken aus dem 15. Jahrhundert erhalten. Über Jahrhunderte waren sie verborgen. Eine dicke Holztüre gibt den Zugang zur Kapelle frei. Drinnen ist es düster. Nur ein Fenster auf der Ostseite lässt Licht herein. Früher gab es nicht mal das: Die Wand, in der heute das Fenster eingelassen ist, war einst Teil der mittelalterlichen Stadtmauer.

Im Innern der Kapelle verwirft Susanne Gehrig die Hände. Durch das Fenster fallen einige Sonnenstrahlen auf die Fresken und die Stühle. Die quirlige Präsidentin der Wiedlisbacher Museumskommission und Stadtführerin ist der Gegenpol zu den düsteren Darstellungen. Wenn sie begeistert über die Geschichte Wiedlisbachs und des Bipperamts, das in alten Zeiten zwischen Solothurn und Bern hin und hergeschoben wurde, erzählt, wird es lebendig. «Es ist brutal», sagt Gehrig vor den Fresken. «Wie ist man da miteinander umgegangen, auch wenn nur die Hälfte stimmt?»

Siedendes Öl, Geisselung und Fesseln

Teppichartig ziehen sich die Malereien über die vier Wände. 57 Bildfelder gibt es, ein ockerfarbener Rahmen umgibt diese. Neben Heiligen- und Aposteldarstellungen stechen insbesondere die Schicksale zweier Frauen hervor. Als Märtyrerinnen gaben sie ihr Leben für den Glauben. Als Schutzpatroninnen konnten sie von den Gläubigen angerufen werden. «Diese Nothelfer-Legenden zeigen, wie die Leute für ihre Sache kämpften. Sie hatten keine Angst», sagt Gehrig, die nicht zuletzt wegen der starken Frauen von den Malereien fasziniert ist.

Auf der Nordseite der Kapelle ist es die Geschichte der heiligen Dorothea. Als gläubige Christen flohen ihre Eltern ums Jahr 300 aus Rom nach Caesarea. Dort verweigert die hübsche Frau dem heidnischen Provinzstatthalter die Heirat. Auch den heidnischen Göttern zu opfern, lehnt sie ab. Sie wird sie ins Verlies gesteckt und gefoltert. In Wiedlisbach werden ihr Bad im siedenden Öl, die Geisselung der Gefesselten und ihre Hinrichtung dargestellt. Auf der gegenüberliegenden Seite wird die Geschichte der heiligen Katharina gezeigt. Auch sie wird gequält, gerädert und stirbt der Legende nach um 300 schliesslich für den christlichen Glauben.

An allen vier Wänden

Nicht weniger gewalttätig geht es in der Bilderreihe unter der heiligen Dorothea zu: Dort werden der heilige Achatius und seine 10000 Soldaten in die Dornen geworfen – der römische Heerführer war um 140 mit seinen Soldaten zum Christentum übergetreten, was dem Kaiser Hadrian missfiel. Schergen schlagen die Glieder der Märtyrer an den Dornen fest. Durch Oberschenkel, Brust und Waden spriessen die Dornen.

An allen vier Wänden der Kapelle, die seit über 150 Jahren der Einwohnergemeinde gehört, befinden sich Fresken – heute zum Teil nur noch deren Reste. Nicht alle Darstellungen sind voller Gewalt. Bei der Eingangstüre muss sich eine monumentale Darstellung des Jüngsten Gerichts befunden haben. Es gibt Marien-Darstellungen.

Fresken werden restauriert

1469 wurde die Kapelle gebaut. Die Malereien stammen wohl aus dieser Zeit. Doch bereits kurz nach dem Entstehen waren sie nicht mehr sichtbar, denn mit der Reformation in Wiedlisbach 1528 wurden die Bilder übertüncht. Jahrhunderte blieben sie verborgen. Erst 1880 wurden sie freigelegt. 1892 gab es eine erste Restauration, ab 1951 die zweite. Beide Restaurierungen haben die Substanz der Wandgemälde jedoch beeinträchtigt.

Jetzt sollen die kostbaren Fresken restauriert werden. Denn über die Jahre haben sich Risse gebildet, Schmutz hat sich auf den Malereien abgelagert und der Verputz weist Hohlstellen auf. Im September soll mit den Arbeiten begonnen werden, über vier Jahre ziehen sie sich laut Susanne Gehrig hin. Ganz in die neue Zeit will Gehrig die Fresken mit einer App retten. Besucher sollen, wenn das Geld zusammenkommt, auf ihrem Handy einen elektronischen Kunstführer abrufen können. Damit dürften die Fresken in den nächsten 500 Jahren nicht mehr vergessen gehen.

Literatur: Irene Bruneau: Die spätmittelalterlichen Wandmalereien der Katharinenkapelle, Seminararbeit, Bern 2010.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1