Peter-Lukas Meier
In Biberist verschwindet mit der «Dorf-Zytig» eine kritische Stimme

Biberist steht bald ohne Dorfzeitung da. Nach 22 Jahren erscheint die «Dorf-Zytig» im März zum letzten Mal. Peter-Lukas Meier, der die Zeitung herausgegeben hat, hört auf. Ihm fehlt das Geld.

Christof Ramser
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Peter-Lukas Meier mit der Biberister «Dorf-Zytig»

Peter-Lukas Meier mit der Biberister «Dorf-Zytig»

Rahel Meier

Peter-Lukas Meier hat sich oft geärgert. Über die ehemals dreckige Luft im Biberister Schachen, über die Informationspolitik der Behörden - und immer wieder über die Culturarena. Der ehemalige Flösserhof lieferte mit jedem neuen, unrühmlichen Kapitel Stoff für zahlreiche Zeitungsspalten für die Biberister «Dorf-Zytig». «Daheim ist man dort, wo man seinen Ärger hat», lautet denn auch eine Devise des Journalisten. Und daheim ist Peter-Lukas Meier in Biberist.

Für ihn Motivation genug, während mehr als zehn Jahren die Biberister «Dorf-Zytig» in seinem Rothus-Verlag herauszugeben, um sich den Ärger von der Seele zu schreiben. Alle zwei Monate landete das Blatt in sämtlichen Briefkästen von Biberist und Lohn-Ammannsegg. Doch nun ist Schluss: Im März erscheint die «Dorf-Zytig» nach 22 Jahren zum letzten Mal. Wie eine Umfrage in der Dorfbevölkerung zeigt, die das Blatt für seine letzte Ausgabe durchgeführt hat, dürfte es einigen fehlen.

Peter-Lukas Meier stellt die Publikation, die von Bruno Blum ins Leben gerufen wurde, nur ungern ein. Denn Themen, so glaubt er, bietet das Dorf trotz der abnehmenden Identifikation seiner Bewohner nach wie vor viele. «Eigentlich hätten wir genug zu tun.» Doch wie so oft fehlt es am Geld. «Im letzten Jahr gab es enorme Einbussen auf dem Inseratemarkt», sagt Meier. Allein im letzten Jahr gingen die Einnahmen um 6000 Franken pro Ausgabe zurück. Damit war die Schmerzgrenze unterschritten. «Aufwand und Ertrag hielten sich nicht mehr die Waage», sagt der Herausgeber und äussert es im Editorial der letzten Ausgabe noch konkreter: «Das Defizit droht mit 36 000 Franken jährlich ein Ausmass anzunehmen, das bei aller Liebe zum Dorf nicht mehr zu verantworten ist.»

Lädelisterben, Fabrikschliessung

Die Einbussen begründet er zum einen mit dem Lädelisterben in Biberist. Viele Geschäfte und Firmen machten dicht; als letztes Jahr auch die Papierfabrik geschlossen wurde, die der «Dorf-Zytig» das Papier gratis zur Verfügung stellte, schien das Schicksal besiegelt. Schon länger sei man auf dem Zahnfleisch gelaufen. Durch unentgeltliche Leistungen, etwa des Layouts, die Meiers Rothus-Verlag erbrachte, konnte das Ende stets hinausgezögert werden. Doch jetzt sieht der Herausgeber keine Zukunft mehr.

Gemeindepräsident Martin Blaser spricht von einem Verlust für Biberist - auch wenn die Redaktion den Behörden oft auf die Füsse getreten ist. Das war offenbar so schmerzhaft, dass der Gemeinderat den Beitrag der ersten Jahre aus dem Budget gestrichen hatte. «Dummerweise haben wir unsere Aufgabe als Journalisten ernst genommen und kritische Beiträge verfasst», sagt Meier mit ironischem Unterton. Trotzdem: «Für die Vereine, aber auch für die Politik, war die ‹Dorf-Zytig› ein wichtiges Mitteilungsorgan», findet Martin Blaser. Nun müsse man neue Wege finden, um die Bevölkerung ausführlich zu informieren. Den Verlust werde man in Biberist wohl erst richtig bemerken, wenn die Zeitung ab Mai nicht mehr zugestellt werde.

Subventionen, Abhängigkeiten

Eine finanzielle Unterstützung seitens der Gemeinde, wie sie in den ersten Jahren ausgerichtet wurde, ist für Martin Blaser kein Thema. Zumal nie eine entsprechende Anfrage von der «Dorf-Zytig» gekommen sei. Auch Peter-Lukas Meier selbst hält nicht viel von einer Subventionierung. Eine Zeitung, bei der die Unabhängigkeit von der Politik nicht gewährleistet sei, interessiere ihn nicht.
«Ehrlicherweise muss ich zugeben», sagt Meier, «dass sich nach
22 Jahren vieles wiederholt.» Für ihn sei die Zeit gekommen, das Heft nun aus der Hand zu geben. Dass dabei kein Nachfolger zur Verfügung steht, sei nur allzu gut verständlich. «Das Risiko, draufzulegen, ist sehr gross.» Geld habe man ohnehin nie wirklich verdient. Und falls doch jemand das Werk weiterführen wolle, sei das kaum möglich ohne Defizit-Deckungsgarantie. So handelt Meier nach dem Sportler- und Künstler-Credo: Man soll aufhören, solange man noch vermisst wird.

Enthüllung, Medienpreis

Höhepunkte gab es für Peter-Lukas Meier fast in jeder Ausgabe. Besonders hebt er die Enthüllungsgeschichte in der zweiten Ausgabe hervor. Unter dem Titel «Dicke Luft in Biberist» publizierte das Blatt vertrauliche Messresultate des kantonalen Amtes für Umwelt, aus denen hervorging, dass im Biberister Schachen kein Gemüse mehr angepflanzt werden sollte (siehe Foto). Für seinen Artikel über die lieblose Gestaltung der Biberister Abdankungshalle 2003 wurde Meier mit dem Medienpreis Aargau/Solothurn ausgezeichnet.

Schon bald dürfte der Hinweis auf die Biberister «Dorf-Zytig» am Eingang zum Rothus-Verlag verschwinden. Die frei werdende Energie will Peter-Lukas Meier in neue publizistische Projekte stecken. Und noch lieber, sagt er, werde er die gewonnene Freizeit in den Bergen geniessen.