Ein anonymes Flugblatt in Lüterkofen-Ichertswil, Leserbriefe mit sehr persönlichen Vorwürfen in Kriegstetten, eine Gemeindeversammlung mit Polizeischutz. Noch nie waren Wahlen so umstritten wie diesen Sommer. Die Hemmschwelle, Kandidierende persönlich und auch ungerechtfertigt anzugreifen, scheint kleiner. Hat sich der Tonfall in der Politik verändert? Wir wollten es von drei altgedienten Gemeindepräsidenten wissen.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie vom anonymen Flugblatt gegen Roger Siegenthaler hörten?


Hans Ruedi Ingold: Ich fand die Sache ziemlich würdelos und fragte mich, wie Roger Siegenthaler jetzt reagiert. Die Vorwürfe waren insofern ja haltlos, als es Beschlüsse waren, die vom Gemeinderat und von der Gemeindeversammlung abgesegnet waren.

Hans-Peter Berger: Das ist genau so. Die Gemeindeversammlung hatte Ja gesagt zum Budget und damit zu den Verlusten. Aber so funktionieren wir heute. Wir haben die Möglichkeit, solche Sachen einfach und anonym zu verbreiten.

Gilbert Ambühl: Mir hätte man ja solche Vorwürfe auch machen können. Zuchwil hat ein Minus von
15 Mio. Franken zu verkraften. Ich musste mir auch schon anhören, dass der Gemeindepräsident schuld ist an der Misere. Aber anonyme Vorwürfe gab es in Zuchwil noch nie.

Sie sagen dies alle eigentlich recht distanziert.

Ingold: Als Gemeindepräsident ist man halt von Amtes wegen oft der Überbringer schlechter Botschaften.

Ambühl: Und als solcher bin ich auch im Gemeinderat schon heftig attackiert worden.

Und wie verhalten Sie sich dann?

Ambühl: Immer sachlich und immer respektvoll bleiben. Wenn ich finde, dass ein Votant mich persönlich angreift und das ungerechtfertigt ist, dann sage ich das auch.

Ingold: Das ist so. Auch ich habe schon schwierige Situationen erlebt an Gemeindeversammlungen. Da muss man einfach souverän und sachlich bleiben. Etwas anders ist es im Gemeinderat, der ein viel kleineres und damit auch intimeres Gremium ist, in dem man sich kennt. Da bin ich auch schon mal etwas lauter geworden.

Scheint es nur von aussen, oder hat sich der Tonfall verändert?

Ingold: Ich habe manchmal das Gefühl, dass es zum Volkssport geworden ist, einander Steine in den Weg zu legen. Unsachlich zu argumentieren und Behauptungen in die Welt zu setzen, ist heute absolut gesellschaftsfähig. Ich erlebe manchmal auch eine gewisse Respektlosigkeit, und zwar von Leuten, die mich nicht persönlich kennen oder mir nicht Auge in Auge gegenübersitzen. Der Ton in der Politik hat sich ganz eindeutig verändert.

Berger: Ich erlebe die Situation, und ich spreche hier vom Gemeinderat Langendorf, genau umgekehrt. Bei uns hat sich der Ton in den letzten vier Jahren sehr zum Positiven verändert. Vielleicht hängt das auch mit der Einführung des Ressortsystems zusammen. Die Gemeinderäte sind damit mehr in der Verantwortung Müssen sich auch besser auf eine Sitzung vorbereiten.

Sie erleben also diese Respektlosigkeit nicht?

Berger: Nein. Ich habe nicht das Gefühl, dass der Respekt einander gegenüber weniger wurde. Was sich aber definitiv verändert hat, ist die Art der Kommunikation. Heute wird schnell im stillen Kämmerlein im Frust mitten in der Nacht ein Mail, oder ein SMS geschrieben und losgeschickt. Die heutigen medialen Möglichkeiten setzen wirklich die Hemmschwelle herunter. Das Beispiel mit dem Arealverbot in Oensingen ist genau ein solches. Man hat nicht miteinander gesprochen und den Frust per Mail und via Facebook rausgelassen. Habe ich eine Person vis-à-vis und kann eine Sache ausdiskutieren, hatte ich noch nie Probleme mit fehlendem Respekt.

Ambühl: Ich finde doch, dass eine gewisse Respektlosigkeit Mode geworden ist. Nehmen wir einmal den Ausländerbereich. Es gibt hier oft diskriminierende Äusserungen. Aber die haben keine Folgen. Viele dieser Aussagen werden anonym per elektronischer Medien verbreitet. Und diese Haltungen wurden in diversen Volksabstimmungen bestätigt.

Sind es nicht oft einzelne Personen, die Meinungen machen und denen gefolgt wird?

Ambühl: Das denke ich schon. Das habe ich auch bei mir im Gemeinderat erlebt. Vor vier Jahren kam mit der SVP eine neue Kraft dazu. Diese Partei hat einen neuen Tonfall in den Rat gebracht und damit begonnen zu polarisieren.

Ingold: Im direkten Gespräch mit jemandem habe ich eigentlich nie Probleme. Aber denken wir doch einmal an die SMS-Spalte in dieser Zeitung. Hier kann jemand ohne irgendwelche Konsequenzen und anonym einfach Falschheiten verbreiten. Jeder, der frustriert ist, kann sich auslassen, ohne Folgen befürchten zu müssen.

Ambühl: Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das nicht nur mit der Politik zu tun hat. Autoritäten und die staatlichen Institutionen werden heute viel mehr hinterfragt. Weist man jemanden zurecht, beispielsweise, weil falsch parkiert wird, bekommt man oft noch eine aggressive Antwort hintennach. Ich erlebe es auch, dass sich Einzelne in der Gruppe stark fühlen und sich dort viel mehr trauen, als wenn sie alleine sind. Deshalb trauen sich manche nicht mehr, etwas zu sagen, weil sie Angst haben, schikaniert zu werden. Es passiert dann auch, dass sie finden, die Gemeinde sollte etwas tun dagegen.

Ist das nicht manchmal etwas
mühsam?

Berger: Nein. Ich denke manchmal auch, muss das jetzt sein. Aber: Ich muss auch sagen, dass ich sehr viel Schönes erlebe.

Ist das so?

Ingold: Das ist so. Die negativen Auswüchse sind ein Teil des Gesamten. Aber auch ich habe mehr positive
Erlebnisse als negative. Sonst könnte ich diese Arbeit gar nicht mehr
machen.

Ambühl: Für mich gibt es ehrlich gesagt keinen schöneren und vielfältigeren Beruf. Ich bin übrigens während meiner Amtszeit grosszügiger geworden. Es gibt Sachen, die lasse ich heute einfach beiseite und grenze mich davon ab. Ich setze meine Energie lieber da ein, wo ich Einfluss habe und etwas bewegen kann.

Berger: Es ist halt einfach so, dass es in einer Gemeinde Geschäfte zu erledigen gibt, die man sich nicht aussucht, die einfach kommen. Bevor ich Gemeindepräsident wurde, habe ich in einer Firma gearbeitet, wo alle mit Freude bei der Sache waren. In der Gemeinde habe ich das nicht immer so erlebt. Man kann sich beispielsweise auch seine Gemeinderatskollegen nicht aussuchen – die werden vom Volk gewählt. Man muss sich mit allen auseinandersetzen und man muss sich tatsächlich auch abgrenzen können.

Ingold: Viele Politiker wachsen auch in ihr Amt herein. Diejenigen, die das nicht schaffen, verschwinden meist sehr schnell wieder. Gemeindepräsident ist man zudem nicht nur während der Bürozeiten, sondern sieben Tage in der Woche. Wenn man aber unfair attackiert wird, stehen oft auch ganz persönliche Geschichten oder Machtgelüste dahinter. Und man braucht ein gutes Umfeld, um mit solchen Geschichten umgehen zu können.

Ambühl: Die Wähler sind ja auch nicht dumm. An der Urne entscheiden sie meist alles richtig. Roger Siegenthaler – um beim Beispiel zu bleiben – ist ja auch wieder gewählt worden. Aber eine solche Situation belastet einen natürlich schon.

Gibt es vielleicht einfach auch Personen, die mehr Angriffsfläche bieten als andere?

Ambühl: Es ist wohl schon so, dass eine Person, die durch ihre Art polarisiert, auch eher angegriffen wird. Wenn ich selbst glaubwürdig handle und vorlebe, was ich sage, dann bin ich weniger angreifbar.

Das Patentrezept heisst also in erster Linie in jeder Situation ruhig und sachlich bleiben?

Berger: Genau. Sachlich bleiben.

Ingold: Das Verhalten von Einzelnen kann man allerdings nicht steuern. Eine einzige aggressiv argumentierende Person kann beispielsweise die Stimmung in einer Gemeindeversammlung so zum Kippen bringen, dass sich andere gar nicht trauen aufzustehen und auch etwas zu sagen. Aber auch in einem solchen Fall gibt es nichts anderes, als sachlich und ruhig zu antworten.