Gossliwil
Im über 200-jährigen Mühlestöckli wohnen heute elf Personen

Das Mühlestöckli in Gossliwil gehört zum kantonalen Kulturgut. Vor über zwei Jahrhunderten wurde es gebaut. Heute leben darin elf Personen aus verschiedenen Generationen.

Urs Byland
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Otto Mollet und Enkel Christian bewohnen das Mühlestöckli der ehemaligen Mühle in Gossliwil.

Otto Mollet und Enkel Christian bewohnen das Mühlestöckli der ehemaligen Mühle in Gossliwil.

Urs Byland

Eingangs Gossliwil, zuhinterst im Bucheggberg – wenn man sich dem Dorf von Solothurn nähert – ist von weitem der Hof der Mollets am Waldrand zu sehen. Gross ist der Bauernhof mir der Mühle. Aber er steht leer. Die Letzte, die das riesige Gebäude mit der Jahreszahl 1819 und dem stilisierten Mühlrad im Türsturz über dem Eingang bewohnte, war Otto Mollets Schwester.

Einen Winter lang wurde das Haus nicht bewohnt und nicht beheizt. In dieser Zeit richtete die wochenlange Kälte grosse Schäden im Haus an. «Sogar das Gussrohr der Mühlturbine barst», berichtet Otto Mollet.

Die Turbine löste 1924 das Mühlrad ab, das früher an der südwestlichen Stirnseite des Hauses drehte. Das geplatzte Rohr versuchte Mollet mit gelbem Klebeband zu flicken. «Wir konnten das Rohr nicht dichten. Jetzt haben wir den Kanal gesperrt.» Trotzdem mahlt er noch etwas Mehl, aber mit einem Elektromotor, für eine Frau im Dorf und für den Eigengebrauch. «Aber auch das endet bald.»

Gemahlen wird seit 1613

Das grosse Bauernhaus dürfte 1819 an die bestehende Mühle gebaut worden sein, vermutet Otto Mollet. Denn bereits 1613, so ist verbrieft, wurde das Gesuch gestellt, eine Mühle zu betreiben. Das Wasser wurde vom nahen Bach in einem Kanal abgeleitet, zur Mühle geführt und stürzte von zirka vier Metern Höhe aufs Mühlrad hinab. Dieses dürfte etwa acht Meter hoch gewesen sein. «Ich habe es leider nie drehen sehen», sagt der 80-jährige Otto Mollet mit Bedauern.

Das Bauernhaus mit der Mühle steht nicht unter Schutz, dafür nebenan das Mühlestöckli. Darin wohnt im zweiten Stock, wo früher die Säcke mit dem Mahlgut gelagert wurden, Otto Mollet mit seiner 72-jährigen Frau Martha. Seit ihrer Hochzeit wohnen sie im Stöckli. «Jetzt einfach zuoberst. 1994 haben wir hier eine Wohnung reingebaut», berichtet sie.

In den unteren beiden Stockwerken lebt ihr Sohn Otto Mollet, dessen Frau und deren sieben Söhne. Ein Generationenhaus. «Das ist ganz schön. Es gibt auch viel Arbeit. Aber wir helfen gerne und haben eine Beschäftigung», sagt Martha Mollet. Die Bauernfamilie ist gerade mit den vier Jüngsten in die Ferien gefahren. Der Drittälteste, Christian ist nun der Bauer und bewirtschaftet den Hof in der Abwesenheit der Familie.

Das Mühlestöckli ist ungewöhnlich gross und wurde 1809 gebaut. Auffallend ist nicht nur die Grösse. Das Mansardendach ist leicht nach innen gewölbt (konkav) und insgesamt mit fünf Lukarnen bestückt.

Hinter dem Stöckli ist eine Sandfluh, in die mehrere Keller gehauen wurden. «Hier lagerten im Winter die Kartoffeln und dort die Zuckerrüben», berichtet Mollet und zeigt im grössten Keller mit der Hand, wo er jeweils das Gut holte. «Aber auch das ist vorbei», sagt Mollet und wirkt dabei erstaunlich gefasst.

Seit 225 Jahren im Besitz der Mollets

1788 ersteigerten die von Schnottwil kommenden Mollets die Mühle. Seither werden Hof und Mühle von der Familie betrieben. Otto Mollets Grossvater mahlte und bewohnte das grosse Wohngebäude mit der Mühle. Dessen Bruder Ferdinand handelte mit Pferden, bauerte und bewohnte mit seiner Frau und vier Töchtern das Stöckli. «Stocktante wurde sie genannt, und eine der Töchter Stockbertha.»

Von den vier Kindern des Grossvaters übernahm Otto Mollets Vater die Müllerei. Anfangs wurden die Säcke noch mit den Pferden herumgekarrt. Später kaufte sein Vater einen Opel Blitz. Otto Mollet wurde Bauer, sein Bruder Ferdinand übernahm die Mühle bis 1991.

Damals starb der Gemeindepräsident im Amt und Otto Mollet betrieb neben dem Bauernhof fortan die Mühle. «Bis 1985 mussten die Bauern bei uns mahlen, das war unsere Sicherheit. Wir wussten, jeder Bauer lässt pro Person zirka 120 Kilo Mehl mahlen. Ich bin der Letzte, der mahlt.»

Das Mühlestöckli hat einen Doppelgänger in Schnottwil. Dieses sei aber nicht ganz so gross wie das in Gossliwil, weiss Martha Mollet. Sie muss es wissen, denn sie ist in der Mühle Schnottwil aufgewachsen. «Meine Eltern haben nicht gemahlen, dafür wurde jemand angestellt. Sie waren Bauern.» Und Otto Mollet: «Ich war zuerst Bauer. Müller habe ich erst nach dem Tod meines Bruders gelernt.»