Kraftwerk im Kuhstall

Im Schwarzbubenland steht einer der modernsten Milchbetriebe der Schweiz

Zwei innovative Milchbauern, zwei vierbeinige Stromlieferanten: Josef (links) und Thomas Vögtli in ihrem Stall in Hochwald.

Zwei innovative Milchbauern, zwei vierbeinige Stromlieferanten: Josef (links) und Thomas Vögtli in ihrem Stall in Hochwald.

Auf dem Hof der Familie Vögtli in Hochwald gibt es eine eine 4000 Quadratmeter grosse Solaranlage und eine Biogasanlage. «Um in Zukunft als Landwirt bestehen zu können, braucht es Innovation», ist Josef Vögtli überzeugt.

«Mit zwei Kühen kann man einen Schweizer Haushalt mit Strom versorgen», sagt Josef Vögtli. Der 39-Jährige ist aus Überzeugung Milchbauer, sieht die Zukunft der Lebensmittelproduzenten jedoch in Kombination mit der Herstellung von Ökostrom. Auf dem Dach seines riesigen Freilaufstalls hat der Bauer aus dem Schwarzbubenland eine 4000 Quadratmeter grosse Solaranlage montiert, was knapp der Fläche eines Fussballfelds entspricht. Die Anlage wird von der Swiss Solar City betrieben und kann über 1200 Einwohner mit Strom versorgen – also theoretisch ganz Hochwald. Zudem hat Vögtli auf dem Hof eine Biogasanlage gebaut, mit der er Pionierarbeit leistet.

Die Biogasanlage liess er von Mitarbeitern der ETH Zürich untersuchen und verewigte die Werte auf einem Plakat am Eingang seines neuen Stalles. «Die Leistung einer Kuh liegt bei 5,7 Kilowatt pro Tag und damit doppelt so hoch, wie vorher in der Theorie angenommen worden war», führt Vögtli aus. Seine Anlage verwertet nur Gülle von Kühen und nicht wie andere Anlagen Gras oder Mais. Das Mikrobiogas wird in einem Motor verbrannt, der dabei gewonnene Strom wird in das Netz der EBM eingespeist.

Die Abwärme, die bei der Stromerzeugung entsteht, wird für die Beheizung der Büro- und Wohnräume sowie für das Warmwasser genutzt. Einziger Wermutstropfen: Vögtli ist erst auf der Warteliste der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV), somit bekommt er derzeit nur 4 Rappen anstelle der möglichen 40 Rappen. Dennoch ist er überzeugt davon, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. «Um in Zukunft als Landwirt bestehen zu können, braucht es Innovation.»

Auf die Probe gestellt

Der Milchpreis lag früher bei rund einem Franken, mittlerweile bekommt ein Milchbauer 50 Rappen pro Liter ausbezahlt, in guten Monaten liegt der Preis bei 58 Rappen. Die seit langem vom Bauernverband geforderten 70 Rappen als Existenzsicherung seien Wunschtraum, räumt Vögtli ein. Dies hat in den letzten Jahren einige Milchbauern dazu veranlasst, die Melkmaschine endgültig abzustellen. «Ich könnte mir ein Leben ohne Kühe nicht vorstellen», stellt dagegen Vögtli klar. Er sei mit Leib und Seele Bauer. Wenn eine Kuh kalbert, zögere er nicht, die Nacht im Stall zu verbringen.

Vögtli versorgt mittlerweile Tausende von Konsumenten mit regionaler Milch. Davon produziert er im Jahr 1,5 Millionen Kilo. Zum Vergleich: Kantonsweit betrug 2015 die Milchmenge 96 583 Tonnen, 2016 waren es 95 744, wie die Statistik von «Treuhand Milch» zeigt.

Josef Vögtlis Durchhaltewillen wurde indes bereits in der Planung auf eine harte Probe gestellt. «Das war ein vierjähriger Marathon durch die Amtsstuben.» Letztlich musste jedes einzelne Amt – vom Raumplanungsamt über den Gewässerschutz bis hin zum Heimatschutz – den Bewilligungsstempel auf sein Baugesuch drücken, ehe er loslegen konnte. Doch für Vögtli waren diese Investitionen seine Antwort auf den Strukturwandel, «den man halt einfach zu meistern anstatt zu verfluchen hat».

Vorbildcharakter

Zusammengeschlossen zu einer Betriebsgemeinschaft hat er sich mit Bauer Thomas Vögtli – ebenfalls aus Hochwald. Mit der vollautomatischen Melkanlage mit einer Kapazität für 180 Kühe gelingt es dem Betrieb, die Produktionskosten zu senken und gleichzeitig das Tierwohl zu steigern. Während es mancherorts sogar noch Anbindehaltung gibt, geniessen die Holsteiner Kühe von Vögtli die grösstmögliche Freiheit in der Tagesstruktur. Sie leben in einem Freilaufstall und können selber entscheiden, wann sie zum Melken gehen, wann sie fressen, wie viel Zeit sie im Strohbett verbringen und wie oft sie sich bewegen. Ab Frühjahr steht den Kühen auch das angrenzende Grasland zur Verfügung, «im Winter lasse ich meine Tiere auch auf die Weide», erklärt Vögtli, der seine Stalltür offen hat für interessierte Konsumenten.

Nachgefragt beim Amt für Landwirtschaft in Solothurn sagt Urs Kilchenmann, dass die moderne Anlage und die Gründung einer Betriebsgemeinschaft in Hochwald Vorbildcharakter habe. Doch die Vergrösserung sei nicht die einzige Strategie für Bauern im Schwarzbubenland. «Es gibt auch die Möglichkeit, mit Nischenproduktion, Nebenerwerb, Veredelung der Produkte und der Direktvermarktung einen Betrieb modern auszurichten.» Die Landwirtschaft im Schwarzbubenland werde vielseitig bleiben, ist Kilchenmann überzeugt.

Meistgesehen

Artboard 1