Bettlach
Im Parisli gedeihen die Artischocken prächtig

Doris Wingeier pflanzt in Bettlach seit Jahren mit Erfolg Artischocken an – ein gesundes und genügsames Gemüse: Sie müssen nicht gegossen werden, können Hitze und Trockenheit ertragen.

Ornella Miller
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Doris Wingeier freut sich an den mannshohen Artischocken-Pflanzen, die sie seit Jahren in ihrem Garten hegt und pflegt. Unten eine erntereife Artischocke.

Doris Wingeier freut sich an den mannshohen Artischocken-Pflanzen, die sie seit Jahren in ihrem Garten hegt und pflegt. Unten eine erntereife Artischocke.

Ornella Miller

Öppis Gäbigs» habe sie gesucht, als Doris Wingeier nach der Pensionierung mehr Zeit für den Garten hatte. Eine Gemüsesorte, die pflegeleicht ist. Die in die Problemecke passt, dort am Rand, entlang der gemischten Hecke.

Denn die üblichen Arten gedeihen da nicht, die Hecke stiehlt zu viel Wasser. «Die ist wirklich genügsam, ich muss sie nie giessen», fährt die 70-Jährige mit einer Mischung aus Stolz und Erstaunen fort.

Die Bäuerin steht inmitten ihres Gartens, hoch droben in Bettlach. Sie posiert neben gigantischen Artischocken. Die Pflanzen hat sie vor 5 Jahren im Fachhandel entdeckt. Seither gedeihen die 9 Schönheiten prächtig. Nur vor ein paar Jahren haben einige den kalten Winter nicht überlebt. Die hat sie aber gleich wieder ersetzt.

Jede benötigt knapp einen Quadratmeter Fläche. Sie werden mannshoch. Wenn man im Juni die ersten Blütenknospen erntet, wachsen sie dann nicht mehr so empor, aber immerhin noch auf 70 Zentimeter Höhe bis zur zweiten Ernte im Spätsommer. Pflegeleicht ist die Gemüseart auch deswegen, weil sie im Gegensatz zu andern Sorten mehrjährig ist. Im Frühling entfernt Wingeier das alte Laub, verteilt strohigen Mist und hofft, dass auf einmal ein Trieb hervorguckt. Und tatsächlich: «Ja, die Triebe stossen hervor!», freut sie sich jedes Mal.

Die Stängel verzweigen sich, so ergeben sich laufend viele Köpfe zum Ernten. Dazu gebraucht sie eine Gartenschere, denn die Stängel sind sehr kräftig, da reicht ein Messer nicht. Erntereif sind sie, wenn die äusseren Blätter abstehen. Zum Schutz vor starkem Frost bringt sie im Herbst Strohmist aus und legt Tannäste darüber. Sie schneidet das Laub absichtlich nicht, denn es schützt vor Kälte. Nicht geerntete Blütenknospen entwickeln eine schöne violette Röhrenblüte.

Warum braucht eine solch üppige und fleischige Kulturpflanze keine künstliche Bewässerung? Die zähen Gewächse sind Tiefwurzler, welche wie Rosen das Wasser tief unter der Erde anzapfen. Wie praktisch: Das Gemüse versorgt sich selbst. Die Artischocken sind ursprünglich mediterran, somit sonnenhungrig, an Hitze und Trockenheit gewöhnt.

Durch langjährige Kultivierung hat man aus einer Distel eine Delikatesse gezaubert, die nur noch wenige Stacheln hat. Hier bei Wingeiers ragen die fünf Zentimeter grossen Köpfe wie Königskronen in die Höhe. Es duftet nach Kräutern, betörend nach Lindenblüten und Rosen. Die über 30 Grad heisse Junisonne lässt das graugrüne Laub der Artischocken silbrig leuchten.

«Früher kannte man in der Schweiz ja auch nicht einmal Lavendel, Fenchel oder Tomaten», meint Doris Wingeier. In der angenehm kühlen Bauernküche schenkt sie erfrischend kalten Kräutertee ein. «Vielleicht kommen auch immer mehr ungewöhnliche Gemüsesorten zu uns, wenn das Klima sich wandelt», fügt sie bei. Sie kenne sonst niemanden persönlich, der Artischocken anbaut.

Italiener pflanzten sie noch gerne, auch Spanier. In Sizilien habe sie einmal ganze Felder gesehen, schwärmt sie. Was tut man bloss mit so vielen Artischocken, die da draussen baumeln? «Essen!» sagt sie lächelnd. Manche verschenke sie, aber sonst koche sie sie einfach.

Die Artischocke ist leicht bitter – ein Anzeichen dafür, dass sie gut für die Verdauung ist. Sie ist eine Heilpflanze, der Bitterstoff heisst Cynarin. Der Likör Cynar wird aus Artischocken gemacht. Man könnte sogar aus den Blättern Tee herstellen. Davon weiss der jüngste Enkel der Wingeiers noch nichts, der kürzlich hier war. Die Bäuerin freut sich, dass selbst er dieses Gemüse mag.

«Der flippt fast aus, wenn es Artischocken gibt», freut sie sich. Wieder draussen, schneidet sie einige reife Kelche ab. Auf Schädlinge oder Pflanzenkrankheiten angesprochen, meint sie: «Nein, Pilzbefall hatte ich noch keinen.» Ab und zu gebe es schwarze Läuse, wie jetzt bei dieser heissen Witterung. Aber spritzen würde sie deswegen nie. Praktisch ist auch, dass man zwischen den Pflanzen nicht Unkraut jäten muss. Denn die Artischocke verteidigt ihr Revier.

Auf einem Schild am Strassenrand steht der Name ihres Hofes: Parisli. Es wachsen also Artischocken im Parisli. Klingt fast so, als ob es hier ein mediterranes Paradies gäbe.

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