Solothurner Exklave

Im Künstlernest am Ende der Welt – die Reportage aus Kleinlützel

Die Gemeinde Kleinlützel liegt in einem Talkessel.

Die Gemeinde Kleinlützel liegt in einem Talkessel.

In der Solothurner Exklave Kleinlützel leben ausserordentlich viele Kulturschaffende. Auf einem Rundgang durch die abgelegene Gemeinde an der Grenze zu Frankreich wollten wir herausfinden, weshalb das so ist. Bei unserem Besuch erhielten wir Antworten und ungewöhnliche Einblicke.

In der Dorfgeschichte von Kleinlützel aus den Siebzigerjahren finden sich gerade einmal zwei Seiten über kulturelle Errungenschaften der Gemeinde. Vor allem listet der damalige Bürgerschreiber auf, in welchen Jahren die zahlreichen Ortsvereine gegründet wurden.

Würde man heute eine Neuauflage des Buches veröffentlichen, müsste man das Kapitel deutlich verlängern. In den vergangenen Jahren siedelten sich in der Solothurner Exklave an der französischen Grenze ausserordentlich viele Kulturschaffende an. Sie alle wirken in der abgeschiedenen Gemeinde mit 1250 Einwohnerinnen und Einwohnern. Wir besuchten einige der KünstlerInnen und gingen der Frage nach, weshalb sie ausgerechnet Kleinlützel als Schaffensort wählten.

Die Zöllner staunten über die Gäste aus dem Ausland

«Bauland zu verkaufen» steht auf einem Schild entlang der Laufenstrasse, die mitten durch das Dorf verläuft. Die grüne Wiese, auf der dereinst vielleicht einmal ein Haus stehen wird, ist eine von vielen in der Gemeinde. Auf einer anderen blöken eine Handvoll Schafe vor einer Schreinerei. Ein Ausflug nach Kleinlützel ist eine Reise aufs Land. Von der bereits ländlichen Baselbieter Nachbargemeinde Röschenz sind es nochmals knapp zehn Autominuten bis nach hier hinten.

Trotz der überschaubaren Einwohnerzahl verfügt die Ortschaft über eine stattliche Grösse. Nur fünf Prozent der gesamten Fläche des weit verzweigten Dorfes mit den beiden Weilern Huggerwald und Ring sind besiedelt. Noch heute arbeitet ein beachtlicher Teil der Wohnbevölkerung vor Ort in den zahlreichen Handwerksbetrieben, die in der Gemeinde eine lange Tradition haben. Zwischen den Unternehmen tauchen immer wieder Produktionsgebäude auf, die mittlerweile verlassen sind.

Am ehemaligen Standort des Zollhäuschens erinnert nichts mehr daran, dass hier Zollbeamte ihrem Dienst nachgingen. Durch eine enge Gasse geht es zu Daniel Gaemperle, der sich in den späten Achtzigerjahren mit seiner Frau und seinen Kindern in Kleinlützel niederliess. An der Grenze zu Frankreich hat er sich in einer einstigen Schmiede ein Wohnhaus und ein grosszügiges Atelier eingerichtet. Überall liegen Bücherbeigen, Materialien und Werke des Malers und Grafikers. In den vergangenen Jahrzehnten konnte er sich vor allem mit Kunst am Bau einen Namen machen und einige Preise gewinnen.

Sie seien im Raum Basel auf der Suche nach einem Gebäude gewesen, in dem genug Platz vorhanden war, um künstlerisch tätig zu sein, sagt Gaemperle und zündet sich eine neue Zigarette an. «Wir waren die einzigen Kaufinteressenten, welche die Räumlichkeiten so wollten, wie sie waren», erinnert er sich. Viele Künstler, die in Basel ihre Werkstatt haben, müssten oft umziehen. «Ich arbeite seit mehr als drei Jahrzehnten in Kleinlützel. Das ist wunderbar.» Für ihn sei wichtig gewesen, dass seine Kinder wissen, woher die Milch komme. Als Künstlerkollegen aus Berlin oder Barcelona zu Besuch waren, hätten die Zöllner im nahen Häuschen gestaunt.

Ein russischer Bestsellerautor fühlt sich in Kleinlützel heimisch

Durch die Zollgasse gelangen wir wieder zurück auf die Laufenstrasse. Nach einigen Metern Richtung Dorfzentrum erreichen wir ein Einfamilienhaus, in dem ein erfolgreicher russischer Autor mit seiner Familie wohnt. Seit dem Jahr 2011 lebt Michail Schischkin, der immer wieder als Kritiker des Präsidenten Wladimir Putin in Erscheinung getreten ist, im ländlichen Schwarzbubenland. In seiner Heimat Russland wurde er als einziger Schriftsteller des Landes mit den drei wichtigsten Literaturpreisen ausgezeichnet. «Ich habe den Traum eines russischen Schriftstellers verwirklicht: Viel Zeit auf einer Datscha zu verbringen. Meine Datscha heisst Kleinlützel.» Sein Herz habe ihm damals gesagt, dass die Gemeinde zu seiner neuen Heimat werde.

Seit er sich hier niederliess, hat er den Entscheid nie bereut. «Wir sind verwurzelt im Dorf. Mein Sohn geht in den Kindergarten.» In einer Stadt kenne man einander kaum. Das gefalle ihm nicht. «Ich habe mit den Nachbarn und mit den Eltern der Mitschüler meines Sohnes ein gutes Verhältnis.» Nach Lesungen im Ausland schätze er die Ruhe sehr. Ausserdem gehe er gerne in der Umgebung wandern. Zusammen mit seiner Frau hat der Autor einen Heimverlag gegründet, in dem sie gemeinsame Werke herausgeben. Zuletzt ein multimediales Projekt, das Texte, Bilder, Musik und Filmausschnitte verbindet. Das digitale Werk bietet eine Einführung in die russischen Kulturgeschichte.

Altes Fabrikareal wird als kultureller Raum umgenutzt

Auf dem Weg zur letzten Station unseres Besuches in Kleinlützel kreuzen wir einen Jugendlichen auf einem Töffli. Die Post befindet sich seit einigen Jahren als Agentur in einem Haushaltswarenladen. Eine Raiffeisenbank gibt es noch – jedoch mit stark eingeschränkten Öffnungszeiten. Einige der früher gut laufenden Beizen stehen leer. Die einstigen Pfeifen- und Stockfabriken sind längst nicht mehr in Betrieb. In jener im Zentrum wurde ein Museum eingerichtet.

Eine andere nutzt die Kleinlützlerin Eva Allemann seit eineinhalb Jahren um. Gemeinsam mit dem Luzerner Maler und Bildhauer Jörg Niederberger hat sie das lange Zeit verlassene Fabrikareal am Dorfrand neu belebt: Raum Zeit Stille nennt sich das Projekt der beiden, das für Interessierte verschiedene Kunstkurse anbietet. Für ihre Arbeit verlieh der Kanton Solothurn der 27-Jährigen vor einigen Monaten den Förderpreis für Kulturvermittlung. Im Gästehaus befinden sich einige Zimmer, die schon von Wanderern genutzt wurden.

Allemann selber hat sich im Obergeschoss ein eigenes Atelier eingerichtet. «Hier schaffe ich Werke, in denen ich die Eindrücke meiner Spaziergänge mit Text oder Bild zum Ausdruck bringe.» Nach dem Studium habe sie unbedingt nach Kleinlützel zurückkehren wollen, da sie die Natur sehr schätze. Er habe nach einiger Suche eine Industriebrache gefunden, die seinen Ansprüchen entsprach, ergänzt Jörg Niederberger. Nicht zu vergessen die Ruhe und die geringe Betriebsamkeit, die befruchtend wirken könnten.

Sie lassen wir immer mehr hinter uns, je weiter wir uns wieder vom Dorf entfernen – und der Stadt nähern.

Der Weg zu den städtischen Kultureinrichtungen ist weit

Vorhandener und gleichzeitig bezahlbarer Wohnraum, die Abgelegenheit und Idylle sowie eine lange Handwerkstradition: Die Gründe, weshalb sich KünstlerInnen in Kleinlützel niederlassen, sind vielfältig. Mittlerweile haben sich zwischen den Kulturschaffenden einige Freundschaften entwickelt. Damit eine Szene entstehen könnte, ist das Dorf jedoch zu klein.

Die Besuchten fühlen sich in Kleinlützel wohl und haben nicht vor, es wieder zu verlassen. Einen Nachteil habe das Künstlernest am Ende der Welt dann aber doch. Alle sind sich einig: «Die kulturellen Einrichtungen der Stadt sind schon sehr weit entfernt.»

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