Bützberg

Im Grossbetrieb zählt auch nach über 120 Jahren noch die Handarbeit

Firmenchef Michael Girsberger beim Sitztest in der hauseigenen Polsterei. hanspeter bärtschi

Firmenchef Michael Girsberger beim Sitztest in der hauseigenen Polsterei. hanspeter bärtschi

Im Oberaargau, dem Schweizer Zentrum für die Designerbranche, ist das Familienunternehmen Girsberger zu Hause. Der Stuhl- und Tischspezialist setzt mit Erfolg auf das Handwerk. Dazu zählt selbst das Restaurieren alter Möbelstücke.

Gross und trotzdem klein: Dieser Widerspruch gilt für die Sitzmöbelherstellerin Girsberger AG in Bützberg nicht. Zwar ist die Tochtergesellschaft der Girsberger Holding AG mit rund 180 Angestellten einer der grösseren Arbeitgeber im Oberaargau. Trotzdem spricht Firmenchef Michael Girsberger nicht «von einem industriellen Betrieb, sondern von einer Werkstätte».

Beim Betriebsrundgang wird dem Besucher klar, was der 55-jährige Patron meint. Das Unternehmen besteht nämlich aus mehreren Handwerksbetrieben. In der Schreinerei bearbeiten die Spezialisten das rohe Holz, welches der eigens angestellte Holzeinkäufer grossteils in der Schweiz und in Europa für den Eigenbedarf und Dritte beschafft. Sie fertigen die Teile für Stühle, Tische und weitere Möbel für den Essbereich. Im Metallbau entstehen die Gestelle, in der Zuschneiderei und in der Näherei verarbeiten Frauen mit flinken Händen Leder und Stoffe. In der Polsterei werden die Sitzflächen der Möbel «gefüllt».

Was auffällt, ist der tiefe Automatisierungsgrad, die Handarbeit überwiegt in den Werkstätten. «Das ist Programm», sagt Girsberger. Jedes Möbelstück sei eine Einzelanfertigung und werde erst auf Bestellung gefertigt. «Wir führen kein Möbellager, nur wenige Komponenten werden in grösseren Mengen vorfabriziert.» Deshalb wäre in Bützberg eine industrielle Serienfertigung gar nicht möglich.

Girsberger produziert im eigenen Haus entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Vom Design und Konstruktion – allein in der Entwicklung inklusive Modellbau arbeiten 20 Angestellte –, der Rohstoffbeschaffung und eben bis zur Verarbeitung läuft alles in Bützberg zusammen. Erst diese hohe Wertschöpfung ermögliche die nötige Qualität, um sich im Nischenmarkt hochwertiger Möblierungen behaupten zu können.

«Die Labels ‹handcrafted› und ‹swissmade› setzen wir auch im Marketing ein.» Offensichtlich erfolgreich, wie dies zumindest die Referenzliste zeigt. Ob die schicke Center-Bar im Flughafen Zürich, die VIP-Lounge in der Bay-Arena des Fussball-Bundesligisten in Leverkusen, der Alstom-Sitz in Paris, die ETH in Zürich oder die WHO in Genf, alle sind sie mit Sitzmöbeln und/oder Tischen aus dem Hause Girsberger eingerichtet.

Angesichts der Produktionsmethoden und den entsprechend hohen Kosten wird Girsberger oft gefragt, warum die Fertigung beispielsweise nicht nach China ausgelagert wird. Allein nach Renditeüberlegungen müsste man diesen Schritt wagen, meint er und nimmt ein Stuhluntergestell mit integrierter Armlehne aus Chromnickelstahl in die Hand. Ein Fachmann schleife und poliere das Teil in aufwendigster Handarbeit bis zur Perfektion.

«Wenn wir solch arbeitsintensive Teile nach China schicken würden, wären die Kosten weniger als halb so hoch, inklusive der Transportkosten», rechnet er vor. «Wir tun dies aber nur in ganz wenigen Ausnahmefällen. Unsere Philosophie ist es, Produkte mit langer Lebensdauer unter möglichst umweltverträglichen und sozialgerechten Arbeitsbedingungen herzustellen.» Und das könnte der Betrieb seinen Kunden im Fall einer Verlagerung nicht mehr garantieren.

Das Thema Nachhaltigkeit widerspiegelt sich auch im Bereich Service & Remanufacturing. Dieser ist neben den Geschäftsfeldern Dining (Möbel für den Essbereich) und Customized Furniture (massgeschneiderte Möblierungen für Objekte im Geschäfts- und Privatbereich) ebenfalls in Bützberg angesiedelt. «Das ist unsere schnellstwachsende Abteilung», berichtet Girsberger.

Abgenützte, aber qualitativ gute Möbelstücke müssten nicht zwingend in der Kehrichtverbrennungsanlage landen. «Wir sind in der Lage, Stühle, Bänke oder Polstermöbel vollständig zu sanieren.» Beispiele seien etwa die komplette Bestuhlung der Kleinen Bühne des Theaters Basel, zahlreiche Altersresidenzen, Luxushotels oder Liebhaberstücke für Private.

Dass sich aber ein Traditionsunternehmen auch mit hohem Renommee nicht vom harten Konkurrenzkampf, speziell in der Büromöbelbranche, abschotten kann, weiss auch Girsberger. Deshalb erfolgt die Produktion der Bürositzmöbel, dem Kerngeschäft und grössten Umsatzbringer, schon seit langem in der 1963 gegründeten Fabrik im deutschen Endingen.

«Im Gegensatz zu Bützberg entstehen dort die Möbel in einer industriellen Umgebung.» Girsberger beschäftigt dort 140 Angestellte. Seit 1992 produziert Girsberger fast alle Bürositzmöbel-Modelle auch in einem Jointventure in der Nähe von Istanbul. Daran halten die Oberaargauer
50 Prozent, die andere Hälfte gehört einer türkischen Unternehmerfamilie. Produziert werde ausschliesslich für die Märkte in der Türkei und im Nahen Osten.

Wie hart der Wettbewerb ist, musste Girsberger in den USA schmerzlich erfahren. Nach 33 Jahren gab Girsberger im vergangenen Jahr den eigenen Produktionsstandort für Bürostühle im Bundesstaat North Carolina auf. «Wir konnten preislich gegen die grossen amerikanischen Wettbewerber, welche in Asien produzieren, nicht mehr standhalten.»

Der Käufer, ein kanadischer Möbelhersteller, habe alle Mitarbeitenden mitübernommen. In Spanien wurde die eigene Vertriebsgesellschaft in Madrid von der Banken- und Wirtschaftskrise getroffen. Aufgelaufene Verluste führten im Januar 2013 zur Aufgabe der Vertriebsaktivitäten.

Dass das Handwerk in der «Girsberger-Werkstatt» in Bützberg geschätzt wird, zeigen unterschiedlichste Aufträge für Sonderanfertigungen. Auf einen «Spezialauftrag» ist Michael Girsberger besonders stolz und präsentiert in der Fertigung 150 Laufmeter leicht geschwungene Sitzbänke aus massivem Eschenholz. «Sie sind für eine katholische Kirche im Kanton Genf bestimmt. Sogar das fünf Meter grosse Jesus-Kreuz und den Altar dürfen wir aus demselben Holz anfertigen.»

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