Dornach
Im Goetheanum wird bald auch schräg gespielt

Das Goetheanum in Dornach macht sich fit für grosse Aufführungen: Die neue, hängende Bühne und ein Orchestergraben werden bald eingeweiht

Michel Schultheiss
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Der grosse Goetheanum-Saal, der über eine hängende Bühne verfügen wird, steht noch voller Gerüste.

Der grosse Goetheanum-Saal, der über eine hängende Bühne verfügen wird, steht noch voller Gerüste.

Kenneth Nars

Der organische Betonstahl-Riese thront eingerüstet über Dornach. Im Innern des Monumentalbaus tut sich etwas: Zurzeit wird der grosse Goetheanum-Saal saniert. Das Herzstück ist dabei die neue Bühne, die sich an verschiedene Aufführungssituationen anpassen lässt: Ihre obere Struktur ist aufgehängt, Hubpodien ermöglichen unterschiedlich einstellbare Höhen. Der Boden kann zum Beispiel schräggestellt werden.

Sonden messen Belastung

«Von der Zuschauerebene hat man bessere Sicht auf die Bühne, wenn man sie anhebt – so kann man mit der Perspektive arbeiten», erklärt Nils Frischknecht, Geschäftsführer der Goetheanum-Bühne. Die Schrägbühne eignet sich besonders für die Eurythmie, die von Rudolf Steiner entwickelte Bewegungskunst: Während dieser Darbietungen kann die Plattform besser in verschiedenen Grundfarben ausgeleuchtet werden.

Die schwebende Bühne glänzt auch mit einem einzigartigen Novum: Messsonden registrieren laufend die Belastung am Betonträgerwerk. «Das funktioniert wie eine überdimensionierte Menschenwaage», meint Frischknecht. Die gesamte Last wird permanent gemessen. So möchte man die Gegebenheiten des Baus optimal nutzen: «Die statische Situation mit der jetzigen Gebäudehülle kann umgangen werden, ohne viel Stahl einzubauen», erklärt Nils Frischknecht.

Künftig wird die Bühne zudem über einen Orchestergraben verfügen. Somit können neu auch Opern-Gastspiele in Dornach zu bestaunen sein. Damit geht nach fast einem Jahrhundert Goetheanum-Geschichte ein Wunsch von Rudolf Steiner in Erfüllung: Schon 1928 war ein Orchestergraben vorgesehen, was damals jedoch mangels Geld nicht umgesetzt werden konnte.

Von den veranschlagten Kosten der Bühnen-Sanierung in der Höhe von 13,5 Millionen Franken ist der grösste Teil bereits finanziert. Die Wiedereröffnung des Saals ist für 26. September geplant. Einen Monat später wird die Bühne dann auch bespielt: Zum 70. Todestag des im Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau ermordeten Komponisten Viktor Ullmann wird am 25. Oktober die Oper «Der Sturz des Antichrist» aufgeführt. Bereits sind auch schon nächste grosse Produktionen für die neue Bühne geplant: Die ungekürzte Version von Goethes «Faust», die volle 18 Stunden dauert, wird voraussichtlich an Ostern 2016 nach mehreren Jahren Pause wieder zu sehen sein.

Mehr Besucher aus Fernem Osten?

Insgesamt arbeiten über 300 Menschen auf dem Goetheanum-Campus. «Ob die Aufbruchstimmung wegen der neuen Bühne zu einer Zunahme an Anthroposophie-Interessierten führen wird, kann man jetzt noch nicht sagen», meint Martin Zweifel, Leiter der Bau-Administration am Goetheanum. Er rechnet aber damit, dass mehr Besucher nach Dornach kommen werden – vielleicht auch aus dem Fernen Osten: Insbesondere in China boomten momentan Steiners Lehren, wie er erklärt.