Bellach
IG Lebenswertes Bellach: «Die Marti AG wird hier wie eine heilige Kuh behandelt»

Die IG Lebenswertes Bellach kämpft gegen das geplante Marti Recycling Center. Die Art und Weise, wie über das Recycling Center informiert werde, lässt sie an der Glaubwürdigkeit der Firmenvertreter zweifeln.

Urs Byland
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Mirjam Lüthi und Edgar Müller von der IG Lebenswertes Bellach begründen ihr Engagement.

Mirjam Lüthi und Edgar Müller von der IG Lebenswertes Bellach begründen ihr Engagement.

Urs Byland

Zum Ende der öffentlichen Mitwirkung zum Marti Recycling Center (MRC) hätte hier ein Streitgespräch zwischen einer Vertretung des MRC und der IG Lebenswertes Bellach stattfinden sollen. Vonseiten der Marti AG wurde eine Absage erteilt. Von der IG Lebenswertes Bellach stellen sich Mirjam Lüthi und Edgar Müller den Fragen.

Das Recycling Center soll laut Geschäftsleiter Christoph Müller keine giftigen Stoffe ausstossen. Er selber will die Fenster seines künftigen Büros gleich neben der Halle im Sommer offenhalten. Glauben Sie ihm nicht?

Edgar Müller: Nein, das glaube ich nicht. Er hätte schon vor Jahren sein Büro hierher zügeln können. Er hätte eine Vorleistung bringen können, nicht immer erst im Nachhinein. Hinterher, das ist Schlangenfängerei.
Mirjam Lüthi: Falls er wirklich sein Büro hierher verlegen will, was ich sehr anzweifle, wird er nicht lange die Fenster offen halten. Schon heute sind bei der nahegelegenen Firma Marti die Steinbrecher sehr laut.

Ihnen wird vorgeworfen, Sie seien fundamentalistisch. Schmeichelt Ihnen diese Einschätzung?

Müller: Nein. Wer dies sagt, soll uns dies anhand eines Beispieles erklären. Wir haben Fakten, weshalb wir den Standort hier falsch finden. Das betrifft diverse Punkte wie Abgase, Lärm, Verkehr etc. Darüber kann man nicht verhandeln. Die sind gegeben durch das geplante Werk.
Lüthi: Wir können uns anhand der Fakten ein Bild machen, was diese Anlage für uns bedeutet. Diese Anlage kann man nicht gut machen, das ist Fakt.

Nehmen wir ein Beispiel. Was stört Sie an der Radwaschanlage für Lastwagen?

Lüthi: Sie zeigt uns, dass auf dem Gelände viel Dreck und Staub anfällt.
Müller: Der Kanton hat verlangt, dass die Räder der Lastwagen vor der Ausfahrt auf die Kantonsstrasse gewaschen werden müssen. Aber was passiert nach ein paar trockenen Tagen, dann wird die Staubentwicklung immer grösser. Wenn sie 100 Meter fahren wird der Wind den Staub von den Lastwagen wegblasen.

Die Lastwagen verkehren in der hermetisch abgeschlossenen Halle, verlassen diese und sind nach kurzer Fahrt bei der Radwaschanlage.

Lüthi: Eben draussen und nicht in der Halle.
Müller: Es sind über 100 Meter bis zur Radwaschanlage. Und kann diese Halle dicht sein, wenn alle fünf Minuten ein LKW raus oder rein fährt?

Sie haben am Startanlass zur öffentlichen Mitwirkung Fragen bei der Marti AG deponiert. Wurden diese beantwortet?

Lüthi: Wir haben noch keine Antworten erhalten.
Müller: Für uns sind alle Fragen wichtig. Die Art, wie die Anlage umschrieben ist, was dort dekontaminiert wird, welche Schadstoffe anfallen bis zum Standort. Und die Variante mit je 50 Prozent Transport mit der Bahn und mit Lastern kann man vergessen. Es gibt keine Deponie mit Bahnanschluss.

Dann wird das Material von der Deponie mit dem Lastwagen zum nächsten Bahnhof gefahren.

Müller: Und dort umgeladen? Das können Sie vergessen. Im Umweltverträglichkeitsbericht gibt es nach wie vor Indizien dafür, dass die Marti AG auf eine Realisierung ohne Bahntransport spekuliert. Und es gibt Dinge, die man einfach ausser Acht lässt.

Welche?

Müller: An einer belasteten Strasse darf nach dem Gesetz gar nichts mehr gebaut werden. Neue ortsfeste Anlagen an bereits überlasteten Strassen dürfen zu keiner wahrnehmbaren Lärmzunahme führen. Als wahrnehmbar wird die Zunahme um 1 Dezibel erachtet. Mit dem zusätzlichen Marti-Verkehr hätten wir eine ausgewiesene Zunahme, die diesen Wert übertreffen wird.

Aber nur gering.

Müller: Ich habe die Gesetze nicht gemacht!
Lüthi: Die Messungen sind alles nur Annahmen. Grundsätzlich geht es mir ums Vertrauen in die Firma. Wir sind direkte Nachbarn. Wir stehen bereits in einem Lärmstreit mit ihnen. Die Firma ist zwar seit über 50 Jahren in Bellach tätig, aber nicht ortsansässig. Sie hatte den Sitz immer in Solothurn, wird hier aber wie eine ‹heilige Kuh› behandelt. Deshalb wird dieser Firma auch sehr viel durchgelassen.

Was haben Sie persönlich gegen das Recycling Center?

Müller: Ich kannte bis vor einem halben Jahr die Firma nicht. Die Art und Weise, wie nun über das Recycling Center informiert wird und wie das Projekt laufend verändert wird, lässt mich aber an der Glaubwürdigkeit der Firmenvertreter zweifeln. Zudem sehe ich nicht ein, weshalb die drohenden Belastungen uns zugemutet werden sollen, wo es doch verschiedene Industriebrachen mit Bahnanschluss gibt. Warum sollen wir, ohne jeglichen Nutzen, all diesen Lärm und Dreck schlucken müssen?

Lüthi: Wie gesagt sind wir am direktesten von der Anlage betroffen, deshalb haben wir auch die IG Lebenswertes Bellach gegründet. Schon nur die Abluftanlage, die gegen uns gerichtet ist, wird 90 Dezibel laut sein. Das ist für uns hier ein Zustand, der nicht mehr lebenswert ist, besonders auch für unsere Kinder.

Sie sagen, der Bürger kann nichts zur Anlage sagen. Aber er hat die Gelegenheit mit der Abstimmung über das Räumliche Leitbild an der nächsten Gemeindeversammlung.

Müller: Das ist die einzige Möglichkeit. Diese Verknüpfung des MRC mit dem Leitbild wurde vom Kanton, Gemeindepräsident und Bauverwalter angeregt, damit eine Abstimmung möglichst im Sinne der Befürworter verläuft. Aber im Leitbild ist viel Wichtiges verpackt, sodass die Leute im Dorf sagen, dann müssen wir eben das kleinere Übel schlucken. Das ist ein mieser Trick.
Lüthi: Der Druck ist da. Für die weitere Entwicklung verschiedener Quartiere in Bellach, beispielsweise Grederhof Ost, braucht es das Leitbild. Es darf doch nicht sein, dass zwei so wichtige Sachen miteinander verknüpft werden.