Medizin

«Ich habe mein europäisches Gedankengut zur Seite gelegt»

Medizinstudentin Natalie Friedli aus Kappel ist zwei Monate in Spitälern in Madagaskar tätig. Dort erhält sie tiefe Einblicke in die Gesundheitsversorgung eines der ärmsten Länder der Welt.

Ich habe sehr schnell mein europäisches Gedankengut auf die Seite gelegt», bekennt die 24-jährige Medizinstudentin Natalie Friedli aus Kappel, gut 8000 Kilometer von zu Hause entfernt unter der Tropensonne Madagaskars. Zwei Monate lang ist die junge Frau in einem der ärmsten Länder der Welt in zwei grundverschiedenen Krankenhäusern tätig. «Das geht an Herz und Nieren, was man hier sieht und erlebt.»

Die Menschen kommen aus Angst vor möglichen hohen Kosten erst in ein Spital, wenn es fast schon zu spät sei. So sei ein an Hirnhautentzündung erkranktes Mädchen erst nach drei Wochen ins Universitätskrankenhaus für Mütter und Kinder nach siebenstündiger Autofahrt eingeliefert worden, wo es zwei Monate bleiben musste. Bleibende Hirnschäden seien sehr wahrscheinlich. Zwei Neugeborene, die wie die meisten Kinder zu Hause zur Welt kamen, seien kürzlich an Infektionen gestorben, und gerade sei sogar ein bereits totes Kind gebracht worden. «Die Menschen erwarten dann im Krankenhaus noch ein Wunder.»

In direkter Nachbarschaft befinde sich das Pest-Krankenhaus der Millionenmetropole Antananarivo: Im vergangenen Jahr seien in der Heimat von Pfeffer und Vanille 60 Menschen an der Beulenpest gestorben, über 250 erkrankt, weltweit die höchste Rate. Für die bald einsetzende Regenzeit, in der die Ratten wieder in den Unterkünften der Ärmsten Zuflucht suchen, werde eine Epidemie befürchtet. «Gut, dass ich dort nicht tätig bin, die zahlreichen Tuberkulosefälle im hiesigen Krankenhaus mit seinen 30 Betten reichen mir.» Sie habe völlig freie Hand, könne überall reinschnuppern, mit einheimischen Medizinstudenten fachsimpeln und dem ärztlichen Personal über die Schultern sehen.

Zuvor war sie im Privatkrankenhaus von Dr. Lala Arison, der in Deutschland seine chirurgische Ausbildung erhalten hat. Zu ihm kommen auch viele Touristen. Natalie Friedli: «Da kamen mir meine Sprachkenntnisse zugute. Ich habe auch gedolmetscht, da viele Urlauber nur wenig Französisch sprachen.» Im Hospital M/M wurde sie im Notfallbereich eingesetzt, hat bei Operationen assistiert und auch den Einsatz von Heilpflanzen miterlebt. Eine Frau mit einem offenen Bein, bei der die Wunde bis fast auf den Knochen gereicht habe, sei von Arison mit Pflanzen aus seinem Heilkräutergarten behandelt worden. «Ich war natürlich zuerst skeptisch, aber es war erstaunlich, es hat funktioniert. Man konnte von Mal zu Mal Fortschritte erkennen.»

Dabei hat bei Natalie Friedli, die nach eigenen Aussagen schon immer das Bedürfnis hatte, anderen zu helfen, alles «ganz normal» begonnen: An der Kantonschule in Olten machte sie ihre Matura, dann ging es allerdings sehr schnell hinaus in die weite Welt. Als Au-pair arbeitete sie drei Monate in Ecuador und war damit «erstmals allein in einem fremden Land». Es folgten weitere fünf Monate als Au-pair in Australien, bevor 2008 in Basel das Medizinstudium aufgenommen wurde.

Seit April 2013 bis Januar 2014 absolviert sie verschiedene Spitalpraktika als Unterassistentin, die Bestandteil des Studiums seien, in ihrem Heimatland und – auf der immer noch geheimnisumwitterten Tropeninsel Madagaskar im Indischen Ozean, die gleichsam Afrika und Asien en miniature sei. 2004 habe sie mit ihren Eltern einen Monat lang die Insel bereist, sei viel auf dem Land gewesen und habe danach den Kontakt zu Reiseleiterin Fanja aufrechterhalten, bei der sie nun auch wohnt. «Das war damals ein richtiges Schockerlebnis: die grosse Armut, mangelernährte Kinder, unzureichende medizinische Versorgung, der Schmutz und die Menschen, die in Müllhaufen nach Essbarem wühlen.» Damals habe für sie bereits festgestanden, dass sie wiederkommen müsse.

Nach ihrer Rückkehr stehe das Staatsexamen im Sommer 2014 bevor, danach sei sie Assistenzärztin und werde sich in der Schweiz sehr wahrscheinlich im Bereich Innere Medizin spezialisieren. Eines ihrer grossen Fernziele sei es, als ausgebildete Ärztin in einem Entwicklungsland für längere Zeit tätig zu sein.

In ihrer Freizeit werden mit der Gastfamilie und deren Kinder Ausflüge in die Umgebung unternommen, es wird über Märkte gebummelt und vor dem Heimflug kommt Freund Samuel Planzer aus Olten, mit dem per Buschtaxi Teile der viertgrössten Insel der Welt erkundet werden. Die ersten Brocken in der Landessprache Malagasy kommen Natalie Friedli, die neben Deutsch, Französisch und Englisch auch Spanisch beherrscht, bereits flott über die Lippen.

Finanziert hat sie sich den Aufenthalt unter anderem durch die Mitarbeit in einer Auslandsnotrufzentrale mehrerer grosser Krankenversicherungen, die sich um Schweizer, welche im Ausland krank werden, kümmert. Dabei sei auch mal ein Landsmann aus dem Busch in Madagaskar in seine Heimat zurückgeflogen worden.

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