So muss für Modelleisenbahnfans das Paradies aussehen. Eine riesige Bahnanlage verbindet zwei Zimmer, im dritten Raum ist die Werkstatt – sie ähnelt einem Uhrenmacheratelier – untergebracht und im vierten Zimmer sind zig Modelle in einer kleinen Ausstellung ausgestellt.

Auf Schritt und Tritt – im Treppenhaus, im Gang, einfach überall – begegnen dem Besucher Loks, Triebwagen und Bahnwagen.

Wir befinden uns im Atelier von Hans Pfander in Aarwangen. Er baut in Handarbeit unterschiedlichste Fahrzeug-Typen aufwendig und bis ins kleinste Detail nach. Seine Leidenschaft hat der bald 68-jährige Pfander zum Beruf gemacht.

Und diese Leidenschaft ist spürbar, wenn Pfander lebhaft erzählt, wie er zum Modelleisenbahnbauer wurde.

Sein Grossvater war Bähnler, unter anderem als Bahnwärter am Jurasüdfuss in einem der schmucken «Wärterhüsli».

«Wahrscheinlich bin ich dort mit dem ‹Bähnler-Virus› infiziert worden», vermutet er lachend.

Als 14-Jähriger hat er seine erste elektrische Modelleisenbahn von seinen Eltern geschenkt erhalten. Vor rund 40 Jahren begann er mit dem Modellbau.

«Natürlich noch auf rudimentärem Niveau», blickt Pfander zurück. Erste Versuche unternahm er damals mit dem Umbau von bestehenden Grossseriemodellen.

Für den Aarwanger geht es um mehr, als bloss Modellbahnen zu fertigen. «Hinter der langen Geschichte der Schweizer Bahnen steckt höchste Ingenieurskunst.

Diese und die Bahngeschichte selbst gilt es zu erhalten.» Und dazu sei der modellgetreue Nachbau der Objekte ein gutes Instrument. Hans Pfander holt Bildbände der Schweizer Eisenbahnen hervor und erläutert wortreich und kompetent über die technologische Entwicklung des Bahnbaus.

Eine ruhige Hand, gute Augen, grosser Wille, Ausdauer und viel Herzblut: So umschreibt Pfander die «Grundanforderungen» an einen Modellbahnbauer. Also eigentlich typische Uhrmacherfertigkeiten.

Er fertigt und montiert Kleinstteile, die er konstruiert, geätzt, gelötet, gebogen, gespritzt und bedruckt hat. Je nach Modell – das Gehäuse besteht in der Regel aus Messing – können das zwischen 400 und 800 Einzelteile sein.

Ausser dem Motor stellt Pfander praktisch alle diese Komponenten in filigraner Handarbeit selbst her oder lässt sie von befreundeten Spezialisten fertigen.

Einzige Ausnahme sei der Motor. Aber auch hier setze er auf Schweizer Qualitätsprodukte, zum Beispiel aus der Innerschweizer Motorenküche Maxon, die auch für den Antrieb des Marsmobils der Nasa sorgte. «Unsere Produkte werden also ausschliesslich in der Schweiz hergestellt und verarbeitet», versichert der Bahnbauer.

Überraschend ist Pfanders beruflicher Werdegang. Er erlernte nicht etwa den Beruf des Feinmechanikers, Werkzeugmachers oder Konstrukteurs. Nein, Pfander ist gelernter Coiffeur und als Coiffeurmeister führt er den von seinen Eltern übernommenen Salon weiter.

Selbst heute noch arbeitet er während zweier Tage die Woche im Geschäft. Dort ist zwar auch Feinarbeit gefragt, aber auf einer anderen Ebene. Trotzdem hat ihm der Beruf als Haar-Dienstleister geholfen, die Idee, Modelleisenbahnen in reiner Handarbeit zu fertigen, umzusetzen. «In meinem Beruf komme ich mit Menschen in unterschiedlichsten Berufen in Kontakt», erzählt der Coiffeurmeister.

So habe er über die Jahrzehnte ein dichtes Beziehungsnetz knüpfen können, dem Mechaniker, Maler, Elektroniker, Maschinenbauingenieure oder Werkzeugmacher angehören. So fertigt ihm beispielsweise ein Jugendfreund Messingteile im technisch anspruchsvollen Schleuderguss-Verfahren.

Vor rund 20 Jahren gründete Hans Pfander die EMB Emmental-Modellbau GmbH, quasi als Einmannbetrieb. Als Oberaargauer konzentrierte er sich zu Beginn auf den Nachbau von Loks, Triebwagen und Bahnwagen der damaligen Bahngesellschaften EBT, SMB und VHB.

Die in der Nenngrösse H0 (gebräuchlichste Spurweite für Modelleisenbahnen) und damit im Massstab 1:87 hergestellten Fahrzeuge fanden reissenden Absatz. Davon ermutigt, wagte er sich an weitere Modelle, zum Beispiel an Loks der SBB.

«Aber ich war und bleibe ein Kleinserie-Hersteller. In der Regel baue ich Serien von jeweils rund 25 Stück.» Dass er damit mehr als ausgelastet ist, zeigt der immense Arbeitsaufwand. Dieser reiche je nach Modell von 30 bis 250 Stunden pro Exemplar. Er fertigt auch Einzelexemplare, genau nach Wunsch des Kunden, was im Fachmagazin «Eisenbahn Amateur» als eine der Stärken von der EMB bezeichnet wird:

«Die konsequente und massstäbliche Umsetzung ins Modell zieht sich wie ein roter Faden durch die Produktepalette des Herstellers», lautet das Lob. Die Kunden der EMB stammen aus der ganzen Schweiz, ja der ganzen Welt, wie Pfander stolz festhält.

Online erhalte er Bestellungen aus Japan oder den USA und ziemlich viele aus Europa. Nicht wenige Niederländer kämen während ihrer Ferien in der Schweiz im Atelier in Aarwangen persönlich vorbei, und zwar seit Jahren regelmässig. «Das sind alles ausgesprochene Liebhaber und Kenner.»

Angesichts der Preise müssen sie das sein. Darüber spricht Pfander zwar nicht gerne, denn um den Wert richtig einschätzen zu können, müsse man wissen, was dahinter stecke, vorab die Arbeitsstunden.

Letztlich lässt er sich doch noch einen Anhaltspunkt entlocken. Eine SBB-Lok RE 6/6 koste rund 3200 Franken. Der Preis kann aber auch auf 8000 bis 10 000 Franken steigen.

Dann etwa, wenn Hans Pfander seine Zukunftspläne realisiert. «Ich plane die Herstellung von Modellen für Kunden, die ein Schmuckstück suchen.» Dazu würde die Lok vergoldet. Er denkt dabei an Touristen aus China oder Russland, die anstatt der obligaten Uhr etwas «Spezielles» suchen. Pfander kann sich vorstellen, deren Vertrieb an spezialisierte Verkaufsläden in Tourismusregionen zu übergeben. Das ist noch Zukunftsmusik, aber erste Modelle werden in Aarwangen bereits gefertigt.

Wer aber glaubt, als Modelleisenbahnbauer reich zu werden, liege falsch. Wenn er wirklich alle Stunden und alles Material aufrechne, bleibe unter dem Strich kaum etwas übrig. «Der Lohn für einen Modellbahnbauer auf hohem Niveau ist nicht das verdiente Geld, sondern die Freude an der Arbeit», rückt Pfander die Verhältnisse ins richtige Licht.