Sportzentrum Zuchwil

Horrorszenario: Setzt sich Ammoniak frei, könnten 550 Menschen sterben

Eines der Zauntore, die ab 2014 bei einem Störfall im Sportzentrum automatisch öffnen werden.

Eines der Zauntore, die ab 2014 bei einem Störfall im Sportzentrum automatisch öffnen werden.

Weil im Sportzentrum grosse Mengen Ammoniak und Flüssigchlorgas verwendet werden, untersteht das Zentrum der Störfallverordnung. Sollte es zu einem Horrorunfall kommen, wären laut einem neuen Risiko-Bericht 550 Tote zu befürchten.

Wie gefährlich sind die Anlagen im Sportzentrum Zuchwil? Diese Frage ist nicht abwegig, wird doch die Kälteanlage der Eisbahn mit 5000 Kilogramm Ammoniak betrieben, und für die Desinfektion des Badewassers kommt Flüssigchlorgas (maximal 12 Flaschen zu 65 Kilogramm) zum Einsatz. Beides sind hochgiftige Stoffe und werden im Sportzentrum in derart grossen Mengen verwendet, dass sie deswegen der Störfallverordnung unterstehen.

2007 kam der Kanton bei einer Neubeurteilung des Risikos zum Schluss, dass eine schwere Schädigung der Bevölkerung und Umwelt nicht ausgeschlossen werden kann. 2008 verfügte der Kanton, dass das Risiko der Kälteanlage ermittelt werden soll. Bei der Desinfektionsanlage sollte nur eine Schätzung der möglichen Schädigung erfolgen. Nun liegt der Bericht vor.

Ein Restrisiko bleibt immer

Treffen alle Annahmen bezüglich Wetter, Besucherzahl, Zeitpunkt etc. im schlechtesten Fall aufeinander, wäre ein Störfall im Sportzentrum eine Katastrophe. Würde beispielsweise bei der Kälteanlage aus irgendeinem Grund das gesamte Ammoniak freigesetzt, dies im Sommer bei leichtem Wind und einem mit 1200 Gästen voll besetzten Freibad, schreibt der Bericht von 550 Todesopfern. Ein Horrorszenario würde auch bei der Freisetzung des gesamten Inhaltes einer Chlorgasflasche (65 Kilogramm) ablaufen. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass die 5000 Kilogramm Ammoniak plötzlich ausfliessen, ist laut Bericht unwahrscheinlich gering. «Da müsste schon ein Flugzeug abstürzen, das Eishallendach einstürzen und der Boden aufgerissen werden», sagt Zuchwils Bauverwalter Peter Baumann.

Meistens kommt es bei Ammoniak-Unfällen in Eishallen oder Kühlhäusern zum Austritt von geringen Mengen des giftigen Stoffes. In den letzten Jahren liess beispielsweise 2003 Siders aufhorchen, wo wegen Austritt von Ammoniak bei der Kunsteisbahn die Menschen in der Umgebung evakuiert wurden. In Langenthal wurden die Sicherheitskräfte im Februar 2011 zum Kühlhaus Geiser gerufen, weil Ammoniak austrat. In Zürich entwich Ammoniak im letzten Jahr bei einer Heizanlage. Bei allen Vorfällen gab es keine Verletzten. Die Anlage beim Sportzentrum ist seit deren Einbau laufend nachgebessert worden. Als auch im Sportzentrum bei einem Sicherheitsventil eine kleine Menge Ammoniak austrat, «haben die Sensoren sofort reagiert und es wurde alarmiert. Für den Notfall haben wir ein Evakuationskonzept. Aber bei jeder Anlage besteht ein Restrisiko», so Baumann.

Kurve zeigt das Risiko an

Im Bericht wird das ermittelte Risiko mittels einer Kurve dargestellt. Diese kann sich in verschiedenen Bereichen bewegen, die wie folgt umschrieben sind: «nicht schwere Schädigung», «akzeptable Risiken», «nicht akzeptable Risiken» und «Übergangsbereich». Im Fall des Sportzentrums schwappt die Kurve bei äusserst selten auftretenden schweren Störfällen in den «Übergangsbereich», eben wegen der möglichen hohen Anzahl von Toten. Ziel ist es nun, diese Kurve aus dem «Übergangsbereich» in den Bereich «akzeptable Risiken» zu drücken. Dazu hatte der Betreiber schon Anfang letzten Jahres Massnahmen vorgenommen, die dem Kanton aber nicht reichten. Nun hat der Kanton weitere Massnahmen verfügt.

Konkrete Massnahmen

Die Absicht der Gemeinde, Besitzerin des Sportzentrums, ist es, die Flüssigchloranlage zur Desinfektion des Badewasser zu ersetzen. Deshalb verzichtet der Kanton zurzeit auf eine Risikoermittlung für diese Anlage und verfügt einen Ersatz bis zum 30. April 2016. Sehr problematisch sei laut Bericht die Lage des Flüssigchlorgasraumes unterhalb des Schwimmbadraumes mitten im Publikumsbereich. Die Gemeinde will aber intervenieren, weil eine Sanierung des Freibades erst 2018 vorgesehen ist.

Komplizierter wird es bei der Kühlanlage. Denn dort fehlen dem Kanton diverse Beurteilungen und Analysen, um sich ein genaues Bild machen zu können, ob das von der Kälteanlage ausgehende Risiko als tragbar eingestuft werden kann. Diese Unterlagen, dazu gehören auch Teilmassnahmen, die das Risiko weiter herabsetzen, sind dem Kanton laut Verfügung bis 30. April 2014 einzureichen. «Die Teilmassnahmen können kleine Dinge betreffen, beispielsweise ein Sicherheitsventil oder eine Brandfallklappe in einer Lüftung etc.», erklärt Baumann.

Eine erste Massnahme muss aber bereits auf den 30. April 2014 umgesetzt sein. Die Zauntore im Freibad sollen bei einem Störfall automatisch öffnen, sodass sich die Fluchtmöglichkeit der Gäste verbessert. Alleine diese Massnahme halbiere den theoretischen Wert der Anzahl Toten beim schlimmstmöglichen Störfall, so die Schätzung des Planungsbüros. Baumann, in der Gemeinde federführend in Sachen Sportzentrum, beruhigt: «Wir werden die Tore bereits Ende dieses Jahres für einen Störfall ausrüsten.» Bei den Kosten hofft er auf Zuchwils Politik: «Wenn es um die Sicherheit geht, sind die Zuchwiler Politiker in der Vergangenheit oft bereit gewesen, zu handeln.» Er erinnert an die Sanierung des Eishallendaches, die 5,7 Mio. Franken kostete. «Damals lag die Zustimmung
der Zuchwiler an der Urne bei
70 Prozent.»

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