Rohrbach
Hightech-Filter bis zur Schwingerhose: Von der kleinen Sattlerei zum 70-Mitarbeiter-Betrieb

Aus einer kleinen Sattlerei im oberaargauischen Rohrbach ist ein respektabler Betrieb mit 70 Angestellten entstanden. Chef und Eigentümer Peter Hirschi trimmte den ehemaligen Handwerksbetrieb in einen Verarbeiter von technischen Textilien.

Franz Schaible
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Peter Hirschi hat den Bereich Reitsport innert weniger Jahre zum Erfolg geführt. Hanspeter Bärtschi

Peter Hirschi hat den Bereich Reitsport innert weniger Jahre zum Erfolg geführt. Hanspeter Bärtschi

Die Lanz-Anliker AG in Rohrbach verarbeitet technische Textilien und exportiert die unzähligen Endprodukte in die ganze Welt.

«Wir produzieren keine Produkte ab Stange und wir führen keinen Verkaufskatalog», sagt selbstbewusst Peter Hirschi, Chef und Mehrheitsaktionär der Lanz-Anliker AG in Rohrbach.

Das 1919 gegründete Unternehmen fertigt vielmehr auf individuelle Bestellung hin über 20 000 verschiedene Artikel.

Dahinter steckt eine über Jahre gewachsene breit diversifizierte Ausrichtung auf unterschiedlichste Abnehmerbereiche.

Von Hightech-Produkten wie Filter aus synthetischem Sieb- und Filtergewebe für die chemische Industrie bis hin zu Schwingerhosen aus Leinen-Zwilch. «Die Firma startete vor fast 100 Jahren als kleine Sattlerei, ein reiner Handwerksbetrieb. Heute sind wir ein industrieller Verarbeiter von technischen Textilien», erläutert Hirschi.

In der Zuschneiderei laufen Laser-, Stanz- und Messerschneidanlagen auf Hochtouren.

Auf den mit Textilrollen bestückten Anlagen werden die Einzelteile der späteren Produkte millimetergenau, nach Vorlage der auf CAD-Programmen entwickelten Schnittmuster, gefertigt. Im obersten, lichtdurchfluteten Stockwerk des Produktionsgebäudes rattern unzählige Nähmaschinen.

Mit flinken Händen führen Mitarbeitende zusammen, was zusammengehört. Daraus entstehen für den Bereich Medizin beispielsweise Röntgenschürzen oder Blutdruckmanschetten aus einem Baumwoll-Polyester-Gemisch.

«Wöchentlich produzieren wir rund 300 Strahlenschutzschürze, die wir in 45 Länder exportieren», sagt Hirschi.

Für den Bereich Sattlerei produziert der inhabergeführte Betrieb Werkzeug- und Geräteetuis über Taschen bis hin zu kugelsicheren Westen. Im Segment Verkehrsmittel-Interieurs entstehen vorab Flugzeugsitzüberzüge. «Wir beliefern nur wenige Kunden, darunter den Langenthaler Textilspezialisten Lantal, den Flugzeugbauer Pilatus oder den Bahnhersteller Stadler Rail.»

Das jüngste Kind der Lanz-Anliker AG ist der Bereich Reitsport. «Wir haben 2004 den Bereich Reitsport von der Firma Gygax in Zofingen übernommen», blickt Hirschi zurück. Dieser habe sich seither sehr gut entwickelt und trage heute rund zehn Prozent an den Gesamtumsatz bei.

Über einen Online-Shop können die Kunden Tausende von Artikeln auswählen und bestellen. Das Spektrum reicht von Sattelunterlagen (Schabracken), bis hin zu Gamaschen, Decken, Reitsporthandtaschen.

Besonders stolz ist Hirschi darauf, dass sein Betrieb Schabracken für das französische Top-Label Hermès herstellen kann.

Der älteste Bereich ist das Segment Militär. «1995 erwirtschafteten wir über 90 Prozent mit Artikeln für die Armee», erinnert sich Hirschi. In den Folgejahren sei das Volumen kontinuierlich gesunken. Der Umsatzanteil liege heute bei rund zehn Prozent.

Der Auftragseinbruch im Bereich Militär habe gezwungenermassen mit zum Aufbau des Segmentes Filtration geführt. «Damit erzielen wir die Hälfte unseres Umsatzes.» Die in kleinen Chargen, zwischen 1 und 10 Stück, hergestellten Filter, exportiert Lanz-Anliker in alle Kontinente.

Die Filter werden einerseits für die Fest- und Flüssigtrennung eingesetzt. Zum Beispiel sorgen sie in Zentrifugen für die Trennung von Fest- und Flüssigpartikeln, eingesetzt werden sie in der chemischen Industrie, in Labors, in der Autoindustrie oder in der Wasseraufbereitung. Andererseits finden die Filter Einsatz für die Entstaubung in der Pharmaindustrie, Grossschreinereien, Stahlwerken – überall dort, wo die Abluft gefiltert werden muss.

Seit einigen Jahren lässt das Oberaargauer Unternehmen auch in China und Vietnam produzieren, obwohl sich Peter Hirschi lange Zeit gegen eine Auslagerung gewehrt hat. Er habe seine Haltung überdenken müssen.

Denn ohne Fertigung im Fernen Osten wäre die Firma Gefahr gelaufen, stetig an Marktanteilen zu verlieren. Gegenüber den Konkurrenten in Indien oder eben in China hätte man preislich nicht mithalten können. Dabei geht es primär um verschiedenste Trägersysteme im Medizinalbereich, zum Beispiel für Insulinpumpen.

«Mit diesem Schritt haben wir nicht nur Arbeitsplätze in Rohrbach gerettet, sondern zusätzliche geschaffen.» Denn jedes in China produzierte Produkt wird in Rohrbach kontrolliert und verschickt. Die Zahl der Arbeitsplätze sei in Rohrbach von 40 auf über 70 angewachsen.

Umsatzzahlen gibt Peter Hirschi keine bekannt. «Wir wachsen stetig und können unsere Marktanteile in fast allen Bereichen ausbauen.»

Dank der breiten Ausrichtung habe man auch die jüngste Wirtschaftskrise einigermassen gut überstanden, wenn auch die Ertragslage darunter gelitten habe. «Wir hatten aber noch nie zu wenig Arbeit. Deshalb mussten wir weder Kurzarbeit einführen noch Stellen abbauen.»

«Klassische Tellerwäscherkarriere

«Ich habe eine klassische Tellerwäscherkarriere hinter mir», sagt Peter Hirschi, lacht und erzählt. 1995 ist er als Betriebsmechaniker in die Lanz-Anliker AG eingetreten. Kurze Zeit später verstarb Ulrich Lanz, der das Unternehmen in dritter Generation führte. Hirschi übernahm die Geschäftsführung und 1999 kaufte er zusammen mit seinem Cousin und zwei Geschäftspartnern den Betrieb von der Erbengemeinschaft Lanz-Anliker. Seit 2002 ist Hirschi Mehrheitsaktionär. Der Anfang war schwierig, verfügte Hirschi doch über keinerlei Branchenkenntnisse und die Buchhaltung war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Das Wissen erwarb er sich über Learning by doing. «Ich habe Unternehmerblut in meinen Adern und hatte schon als Jugendlicher den Willen, einmal die eigene Firma zu führen», begründet der 47-Jährige seinen nicht alltäglichen Werdegang. In der Gemeinde Rohrbach ist Hirschi nicht nur einer der grössten Arbeitgeber, sondern auch politisch aktiv. Während vier Jahren wirkte er als Gemeindepräsident, parteilos, und sass insgesamt zwölf Jahre im Gemeinderat. Im vergangenen Herbst trat er nicht mehr zu den Neuwahlen an. «Die Verbindung von Unternehmer und Politiker ist zwar hochspannend.» Aber die zeitliche Beanspruchung durch das Präsidentenamt sei sehr hoch gewesen. (FS)

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