Diese Ära bleichte nicht aus, sondern endet mit einem Spektakel. Wie ein Alleinunterhalter steht Gantrufer Alois Wyss auf dem Anhänger vor dem Bauernhaus, rattert atemlos die gebotenen Preise herunter, gestikuliert mit den Armen und reisst vor begeistertem Publikum Possen. Auch die eine oder andere anzügliche Zote darf nicht fehlen.

Fast im Sekundentakt verschachert er Heugabeln, Sackkarren und Gartenschläuche. «Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten!» - und wieder findet ein Bund Weidepfähle einen neuen Besitzer. Viele wollen allerdings gar nichts kaufen, sondern nur schauen: An diesem Tag sind sie allein der Unterhaltung wegen auf dem Bauernhof in Selzach gekommen.

Die Selzacher Landwirte Kurt und Dori Büschi geben ihren Betrieb auf. Jetzt wird alles versteigert.

Der Gantrufer

Derart amüsiert durch die gebotene Show des Gantrufers geht der eigentliche Grund für die Versteigerung fast vergessen: Kurt und Dori Büschi geben nach 40 Jahren ihren Betrieb auf.

Im Einklang mit der Natur

Seit 1972 bauert der Landwirt auf dem Hof, 1987 hat er ihn aus der Erbmasse seiner Eltern herausgekauft. Hier an der Moosstrasse ist er aufgewachsen, seit der dritten Klasse steht er beinahe täglich in diesem Stall. Seit 1996 ist Büschis Hof mit dem Bio-Knospen-Label zertifiziert. Er verzichtet auf Antibiotika und behandelt die Krankheiten seiner Tiere stattdessen mit homöopathischen Kügeli. «Mit grossem Erfolg», sagt der innovative Bauer stolz. Sämtliche 40 Kühe stammen aus eigener Nachzucht. Im Gespräch wird schnell klar, wie sehr ihm die Tiere am Herzen liegen. Noch um 21.30 Uhr schaute er täglich im Stall nach seinen Schützlingen. «Die Arbeit im Einklang mit der Natur war ihm wichtig», sagt Dori Büschi.

Jetzt ist Kurt Büschi 65-jährig. Von den vier Kindern will keines den Hof übernehmen, trotz engen Bezugs zur Landwirtschaft. «Das ist auch besser so», sagt das Paar unisono. Denn der Betrieb ist arbeitsintensiv, und am Ende schaut doch nicht viel heraus. Täglich klingelte der Wecker um 5.30 Uhr, bis in den Abend hinein wurde «gekrampft». Für die Frau im Haus startete der Tag zwar eine Stunde später, doch hat sie nicht minder angepackt in Haushalt und Umschwung. In 40 Jahren gabs gerade 4 Wochen Ferien. Zeit für einen Kaffeeklatsch mit einer Kollegin blieb kaum.

Aber ein schlechtes Gefühl haben die Büschis nicht. «Ich bin gesund und habe noch Kraft», sagt der sportliche Landwirt, der vier Engadiner Skimarathons in den Beinen hat. «Wir wollen nicht klagen. Uns gehts gut.»

Es geht auch um die Pensionskasse

Ein wenig Kritik übt er dann aber doch. Etwa an der Agrarpolitik und dem «ökologischen Unsinn», den der Nationalrat mit der Abschaffung von Tierbeiträgen zugunsten von Flächenbeiträgen kürzlich beschlossen hat. Auch dass der Milchpreis stark gesunken ist, sei für die Zukunft eines Bauernbetriebs nicht eben rosig. Während Büschi 1996 noch 93 Rappen pro Liter erhielt, sind es aktuell noch 77 Rappen. Doch nicht nur die Viehzucht raubte Kräfte. Im Alleingang hat Kurt Büschi 27 Hektaren Land bewirtschaftet, davon 5 Hektaren Eigenland. Ein guter Teil befindet sich in sehr steilem Gelände am Jurafuss. «Ich habe alle Nachteile eines Bergbauern, bin aber keiner», sagt Büschi. «Irgendwann kommt man an den Anschlag».

Inzwischen hat Gantrufer Alois Wyss den Platz auf dem Wagen verlassen, nun ist Andreas Aebi am Zug. Der Berner SVP-Nationalrat, der im November neuer Präsident des Bauernverbands werden will, versteigert erfolgreich Muniriemen und Kuhglocken. «Alles muss weg», so die Devise. Als Auktionator jedenfalls verkauft Aebi sich und das Hofinventar sehr überzeugend und mit viel Witz.

Dann gehts ans Eingemachte. Sämtliche Kühe werden verkauft. Auch die Traktoren, darunter ein totalrevidierter 44-jähriger Bührer Pf 19, kommen weg. Wer etwas ersteigert, zahlt bar. Sogar den Traktor für XXX Franken? «Wenn Sie wüssten, wie viele Nötli da in den Jackentaschen stecken», sagt einer, der soeben einen Weidezaun-Akku für 150 Franken ergattert hat. Büschis sind froh, dass alles verkauft ist. «Schliesslich geht es auch um unsere Pension.»

Und dann kommt die Wehmut

Spurlos geht der Ausverkauf dessen, was während Jahrzehnten zum Alltag gehörte, nicht an den Bauersleuten vorbei. Angesprochen auf die Zeit, wenn das Vieh verkauft und der Stall geräumt ist, stockt Kurt Büschis Atem. Ein paar Tränen kullern über seine Wangen. Obwohl er seit langem gewusst hat, dass er den Betrieb mit 65 aufgibt, fällt der Abschied schwer.

Dann wischt sich der rüstige Bauer mit dem Handrücken über die Wange. Ganz von der Arbeit in der Natur wird er, der während 16 Jahren als Obst- und Gemüsebauberater am Wallierhof wirkte, nämlich nicht lassen und weiterhin seine Obstbäume bewirtschaften. Und schliesslich freut sich das Paar auch auf einige verdiente Ferientage. «Es braucht ja nicht gleich eine Weltreise zu sein. Aber ein verlängertes Wochenende mit dem Schneider-Car nach Prag, das wäre schon schön.»