Bellach
Hess-Busse für Zürich sind bald fertig

Die Bellacher Fahrzeugproduzentin Carrosserie Hess ist im Endspurt der Produktion der neuen Doppelgelenkbusse für die Verkehrsbetriebe Zürich. Die 25 Meter langen «Light Tram» genannten Fahrzeuge können über 200 Passagiere mitnehmen.

Andreas Toggweiler
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Im Sommer 2011 bestellten die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) bei der Carrosserie Hess in Bellach 33 Gelenkbusse im Wert von über 30 Mio. Franken. 12 der Busse sind 25 Meter lange Doppelgelenk-Fahrzeuge. Die Riesenbusse werden ab Fahrplanwechsel im Dezember auf weiteren stark frequentierten Strecken zum Einsatz kommen. In diesen Tagen wurden die ersten sechs Fahrzeuge ausgeliefert.

Laut Hess- Betriebsleiter Marco Brancato befindet sich die Flotte für Zürich zurzeit im Endausbau. Die nächste Überführung von Fahrzeugen findet am 10. Oktober statt. Die Trolley-Busse würden mit neuster Technologie ausgestattet. Anstelle eines bisher üblichen Hilfsmotors fürs Manövrieren ohne Fahrleitung wird ein starker Lithiom-Ionen-Akku auf dem Dach eingebaut. Damit gibts Platz für noch mehr Fahrgäste. Da die Busse aber nicht mit Batteriebetrieb von Bellach nach Zürich fahren können, müssen sie abgeschleppt werden. «Das ergibt jeweils einen recht eindrücklichen Konvoi», meint Brancato.

Bis 10'000 Teile verbauen

Ein Augenschein im Produktionswerk zeigt eindrücklich, was es alles braucht, bis ein fertiger Bus die Hallen in Bellach verlassen und seine Reise nach Genf, Zürich, Luzern oder St.Gallen antreten kann, wo von ihm erwartet wird, dass er Hunderttausende von Kilometern zuverlässig seinen Dienst versieht. Die Busse werden von Grund auf in Bellach gebaut, denn seit einigen Jahren fertigt Hess für die meisten Bustypen auch die Chassis selber. Zugekauft werden Baugruppen wie Motoren, Klimageräte, Elektronik etc; weitere Systeme wie z. B. die Heizung werden von Tochterfirmen wie FBT Thörigen hergestellt. «Insgesamt werden pro Bus zwischen 6000 und 10 000 Teile verbaut», erklärt Brancato, Schrauben und Kleinmaterial nicht mitgezählt.

Damit die richtigen Teile zur rechten Zeit am richtigen Ort sind, ist eine beträchtliche Logistikleistung nötig. Denn praktisch kein Bus ist gleich wie der andere. Rund 60 Tage Bauzeit werden pro Fahrzeug veranschlagt; alle drei Tage ist ein Bus fertig. Kleine Verzögerungen sind aber immer möglich, so auch beim aktuellen Lot für die VBZ. Die Spezialisten des deutschen Lieferanten für Hochspannungstechnik müssen zurzeit Überstunden machen, denn sie sind mit dem Einbau der Geräte im Rückstand.

Erfahrung ist gefragt

Der Zusammenbau der Aluminium-Wagenkasten erfolgt nach dem patentierten «Co-Bolt»-System ohne Schweissen. In den Kabelkanälen müssen Hunderte von Metern Kabel, Luft-,
Wasser- und Hydraulikleitungen verlegt werden. Die Busse sind je nach Auftraggeber mit allerlei Elektronik, Fahrgast-Informationssystem, Funk, GPS, Billettautomaten usw. ausgestattet. «Allein das Verlegen des Bodens mit all seinen Winkeln und Kanten ist eine Wissenschhaft für sich», erklärt Brancato. «Dafür brauchen wir Mitarbeiter mit grosser Erfahrung.» Damit nachher nichts knarrt oder quietscht, muss alles präzise eingepasst werden.

Laut Alex Naef, Geschäftsführer von Carrosserie Hess, sind seit der Markteinführung im Jahr 2003 rund 50 Doppelgelenk-Trolleybusse in der Schweiz ausgeliefert worden. Damit haben sich diese Fahrzeuggrössen in der Schweiz durchgesetzt. «Sie sind nicht schwieriger zu fahren als ein normaler Gelenkbus, bieten aber 50 Prozent mehr Sitzplätze und wesentlich mehr Stehflächen», betont Naef. Hohe Produktivität in Stosszeiten ist für öV-Betriebe ein wichtiges Kriterium.

Klassische der futuristischen Busfront vorgezogen

Auch an der Optik der Fahrzeuge wird weiter gefeilt. So hat Hess als Option eine neue, futuristische Busfront entwickelt, die jetzt erstmals in vier (Einfach-)Gelenkfahrzeugen für die französische Stadt Limoges verwendet wird.

Die VBZ haben sich noch für die «klassische» Front entschieden. Die ersten der jetzt nach Zürich ausgelieferten Fahrzeuge verkehren bereits auf der Linie 31. Ein Doppelgelenk-Trolley reiste von Zürich gleich weiter nach Österreich. Die Busbetriebe der Städte Salzburg und Linz wollen die Doppelgelenker aus Bellach ebenfalls testen.

Elektrisch betriebene Trolleybuslinien befinden sich weltweit im Aufschwung, wie Naef bestätigt. Sie werden vor allem aus Umweltschutzgründen angeschafft, so auch in Zürich. «Mit zwei Trolleybuslinien können 2300 Tonnen CO-Emissionen eingespart werden. das ist unser Beitrag zur 2000-Watt-Gesellschaft», wird VBZ-Direktor Guido Schoch auf dem Zürcher Portal «Newsnet» zitiert.

«Europäische Märkte sind schwierig»

Schweizer Fahrzeugbauer haben es im Moment im Export aber nicht leicht. Der Rückzug von Eisenbahnbauer Peter Spuhler aus der Politik – er will sich besser um seine Firma kümmern können – ist für Hess-Chef Alex Naef nachvollziehbar. «Ich kann seine Überlegungen nur bestätigen. Die europäischen Märkte sind aufgrund der Verschuldungssituation und des starken Frankens im Moment schwierig.»

Trotzdem haben die 300 Mitarbeitenden in Bellach Vollbeschäftigung und haben letztes Jahr einen Umsatz von gut 100 Mio. Franken erzielt. Der Arbeitsvorrat ist zurzeit auf 9 Monate gesichert. «Wir haben eine breite Produktpalette und haben insbesondere im Inland beim Nutzfahrzeugbau und im Reparatur-Geschäft gute Zuwächse»,
erklärt Naef weiter. Auch für die Schweizer Armee konnte man einen grösseren Auftrag für Lastwagenaufbauten über die kommenden Jahre bei einer WTO-Ausschreibung für sich entscheiden.

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