«Wenn ich arbeite, vergesse ich alles. Dann ist alles in bester Ordnung. Ich habe zwar schon ein wenig übertrieben, aber sonst hätte ich es ja zu nichts gebracht.» Mit diesen Worten leitet Heinrich Weiss den über ihn gestalteten Film «Der Weiss Code» ein.

Werner Aellen und Reinhard Manz haben über den Unternehmer, Erfinder, Sammler und Gründer des Museums für Musikautomaten letztes Jahr einen Dokumentarfilm gedreht. Seinem Lebensmotto ist der 93-Jährige aus Seewen noch heute treu: Er arbeitet derzeit an einer alten Turmuhr.

Der Streifen – er soll einmal an den Solothurner Filmtagen präsentiert werden – zeigt primär die unbekannte Seite des Heinrich Weiss. Dank der Erfindung eines Strichcodes für Verpackungen von Medikamenten schaffte er mit seiner Druckerei einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg. Dieser ermöglichte ihm später, eine weltweit einzigartige Sammlung an Musikautomaten anzulegen.

Soziale Ader

Heinrich Weiss, im Kanton Zürich aufgewachsen, begann schon als kleiner Knabe, Uhren zu sammeln. Er lernte Mechaniker und absolvierte das Abendtechnikum. Anschliessend besuchte er die ETH, wo er Betriebswissenschaft und Arbeitsvorbereitung studierte. «Weil ich als Arbeitersohn keine Matur hatte, konnte ich jedoch keinen Abschluss machen», bedauert Weiss noch heute. Dessen Vater war Sozialist und Gewerkschafter. Von ihm hatte Heinrich Weiss die soziale Ader geerbt, die er später auch als Unternehmer entfaltete.

1950 übernahm er mit seiner Frau die vom Konkurs bedrohte Druckerei seiner Schwiegereltern in Basel – als Quereinsteiger im grafischen Gewerbe, und das ohne gelernten Mitarbeiter. In einer verkürzten Lehre liess sich Weiss zum Offset- und Steindrucker ausbilden. Nachdem er mit Schulden in der Grössenordnung von 13 Einfamilienhäusern sich auf eine neue berufliche Herausforderung eingelassen hatte, zahlte sie Heinrich Weiss innert fünf Jahren vollständig ab.

1958 kaufte er zwei Nachbar-Liegenschaften dazu und baute seinen Druckereibetrieb stetig aus. Soziale Verantwortung war für ihn keine leere Worthülse. Sein Unternehmen war der erste Druckereibetrieb in der Schweiz, der eine Pensionskasse für Mitarbeitende hatte.

Mit gutem Beispiel voran

Eine bahnbrechende Erfindung gelang dem schlauen Tüftler mit dem Strichcode, der auf Medikamentenverpackungen gedruckt wurde. Dieser Code erhielt von den beiden Dokumentarfilmern die Bezeichnung «Weiss Code». Damit konnten die aus Kartonbogen gestanzten Faltschachteln nach Dosen und Ländern maschinell mit Lichtempfängern in hohem Tempo – bis zu 64 000 Stück pro Stunde – sicher sortiert werden. «15 Frauen, die zuvor sortiert und kontrolliert hatten, konnte ich in anderen Funktionen einsetzen», erinnert sich Weiss.

Der Patron war sich nie zu schade, selber an die Maschinen zu stehen, wenn mal eine Arbeitskraft ausfiel. Er ging mit gutem Beispiel voran und verschaffte sich so und mit seiner menschlichen Art grossen Respekt bei der Belegschaft.

Der heutige Barcode, wie in Supermärkten auf jedem Produkt angebracht, ist eine Ableitung des «Weiss Code». Dieser hat eine logistische Funktion gehabt, der Barcode hat wirtschaftliche Hintergründe.

Seine Cleverness kam Heinrich Weiss auch bei Verhandlungen zugute. Als er Ende der 1950er-Jahre seine Strichcode-Erfindung an die Ciba verkaufte, liess er sich nicht über den Tisch ziehen. Obwohl der Chemiegigant einen ansehnlichen Betrag bot, den Heinrich Weiss innerlich zufriedengestellt hätte, ging er aufs Ganze. «Sie wollen mich doch nicht mit so wenig Geld abspeisen», habe er den Verantwortlichen entgegnet. «Und siehe da: Diese setzten kurzerhand eine Null mehr hinter die Summe», lacht Weiss genüsslich.

Den Betrag liess er sich auf sein Privatkonto überweisen. «Damit konnte ich Steuern sparen», konstatiert Heinrich Weiss in seinem breiten «Züridütsch», fügt aber an: «Mit meinem Geschenk des Musikautomatenmuseums an den Bund hat dieser das damals entgangene Geld mehrfach zurückerhalten.»

Ehrendoktor der Uni Basel

Dank des wirtschaftlichen Erfolgs konnte sich Heinrich Weiss vermehrt seinem Hobby widmen. Neben seiner beruflichen Tätigkeit sammelte, reparierte und restaurierte er Musikautomaten. Seine grossen Verdienste blieben auch Aussenstehenden nicht verborgen. So verlieh ihm die Uni Basel 1975 den Ehrendoktortitel. «Das ehrte mich sehr», betont Weiss. Vier Jahre später verkaufte er seine Firma in Basel.

Das Leben des Gründers des Musikautomatenmuseums war nicht nur eitel Sonnenschein. Der 93-Jährige hatte harte Phasen zu überstehen. «Eine schlimme Zeit waren die ersten Jahre, nachdem ich die vor dem Ruin stehende Druckerei übernommen hatte», blickt Weiss zurück. 1960 wurde sein Haus in Seewen ein Raub der Flammen, er verlor einen grossen Teil von Hab und Gut. Auch den Tod seiner ersten Frau musste er verkraften.

Heinrich Weiss hat sich nicht nur als Unternehmer, Sammler, Erfinder, Mäzen und Autor von Fachbüchern einen Namen gemacht. Er setzte sich auch als Schriftsteller in Szene und verfasste eine Autobiografie. Dieses Buch widmete Weiss seiner Tochter Susanne mit den Worten: «Es soll ihr zeigen, wie ich gelebt, gefühlt und gekämpft habe und mit den Schicksalsschlägen und Erfolgen fertig geworden bin.»