Oper
Guiseppe Verdis Rigoletto: Gewalt, Kuppelei und Korruption

Begeisternde Rigoletto-Premiere in Biel als Abschiedsgeschenk des scheidenden Intendanten - Beat Wyrsch, Hausherr des Theaters Biel Solothurn, hat eine gefeierte Abschiedsarbeit vorgelegt.

Silvia Rietz
Merken
Drucken
Teilen
Titelheld Michele Govi sang einen überragenden Rigoletto. Edouard Rieben

Titelheld Michele Govi sang einen überragenden Rigoletto. Edouard Rieben

Jahresregent Giuseppe Verdi hat Rigoletto als ambivalenten Charakter angelegt: Ein Mensch, der sich als Privatmann fürsorglich um seine Tochter kümmert, im Berufsleben als gewissenloser Zuhälter seines Herrn fungiert. Eine Paraderolle für Michele Govi, der alle Facetten dieser schauerlichen Natur stimmlich und darstellerisch famos ausleuchtet. Rosa-Elvira Sierra hat mit der Gilda eine Kindfrau erobert, deren Reinheit sich im koloraturgewandten und höhensicheren Sopran widerspiegelt. Dessen Intensität das Reifen zur liebenden, opferbereiten Frau nachzeichnet. Zwei Welten, die im Duett «Si, vendetta» aufeinanderprallen. Der in Rachefantasien tobende Govi und die von Verzeihen beseelte Sierra verdichten die Szene zum dramatischen Herzstück. Alle Vater-Tochter-Duette avancieren zu grandiosen Höhepunkten einer stimmigen Inszenierung und überzeugenden Ensembleleistung.

Beat Wyrsch, Hausherr des Theaters Biel Solothurn, vor der Vorstellung zum Bieler des Jahres 2012 gekürt, hat eine gefeierte Abschiedsarbeit vorgelegt. Unterstützt von Maestro Franco Trinca, der seinen Verdi kennt, einem ausdrucksstarken Sinfonie Orchester Biel sowie dem spielfreudigen Männerchor. Eingebunden in alltagstaugliche Eleganz und ein veritabel-düsteres Bühnenbild (Martin Warth), welches Volk und Adel, Gut und Böse durch einen Vorhang trennt.

Was wäre Rigoletto ohne Duca, der in seiner erotischen Gier weder vor Jungfrauen noch Ehegattinnen haltmacht. Tenor Ricardo Mirabelli erweist sich da als Glücksfall, serviert seine Arien mit «fuoco» und lang anhaltenden Spitzentönen. Die Herzog-Stimme punktet mit Kraftreserven, schönem Timbre und Agilität. Doch vermag der Darsteller mit dem Sänger (noch) nicht mitzuhalten. Erotische Obsession sieht anders aus. Der Womanizer agiert mit mehr business-liker Coolness als animalischer Leidenschaft. Was jedoch gut zur Art eines zeitgenössischen Lehrstücks über eine Gesellschaft passt, in der Korruption, Gewalt und Selbstsucht dominieren. In der sich «Maddalena» Anita Dafinska als gewissenlose Verführerin und Yongfan Chen-Hauser als balsamisch singender Mörder mit Ehrenkodex bewegen. Bojidar Vassilev als Höfling Marullo, Matthieu Heim und Stephanie Ritz als Conte und Contessa di Ceprano, Nadia Catania als züchtige Giovanna, Konstantin Nazlamov als Borsa und Dong-Hee Seo als verfluchender Monterone tragen zur begeisternden Rigoletto-Produktion bei.