Zuchwil
Grosses Engagement für Mensch und Umwelt

Wer am Samstagmorgen einen Spaziergang an der Zuchwiler Aare machte, stiess auf Höhe Bootssteg über eine Gruppe heiterer Menschen, die Hecken schnitten und den Boden umpflügten.

Beatrice Kaufmann
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Es wird Platz gemacht für die Wildapfelbäume
12 Bilder
Welcher Baum kommt hierhin?
Hilft eifrig mit: Shahverdi Ahadov
Freunde und Helfer
Freunde und Helfer
Auch die Kinder von Cornelia König Zeltner halfen mit
Es wird eifrig gegraben
Doris Häfliger und Shahverdi Ahadov
Pflanzaktion in Zuchwil
Das Helferteam
Das erste Pflänzchen steht
Cornelia König Zeltner, Shahverdi Ahadov, Doris Häfliger

Es wird Platz gemacht für die Wildapfelbäume

Beatrice Kaufmann

Rufe wie «Das Loch muss noch tiefer werden!» und «wo ist das Brecheisen?» hätten Besorgnis erregen können. Die zwölf «Chrampfer» hatten ihr Vorhaben aber von Gemeinde und Kanton absegnen lassen. Keine Spur von Delinquenz also, stattdessen kann von Grosszügigkeit und Idealismus gesprochen werden. Denn Zuchwil ist seit Samstag stolze Besitzerin von Haselnuss-, Holunder-, Wildrosensträuchern sowie Apfelbäumen. Naja... Bäumchen.

Genauer gesagt stehen die Pflanzen nur auf Zuchwiler Grund, Besitzerin ist die Allgemeinheit. Denn der Initiator der Idee, Shahverdi Ahadov, hat sie der Öffentlichkeit geschenkt. «Ich will die Biodiversität in der Schweiz fördern. Und ich möchte, dass auch Menschen, die nur wenig Geld haben, die Früchte ernten können.» Ahadov spricht zwar mit Akzent, aber in hervorragendem Hochdeutsch. In Kittel und Stoffhose wirkt er zwischen den Helfern in Funktionskleidung etwas deplatziert. Der Eindruck täuscht aber. Ahadov greift auch selbst zur Schaufel.

Nischenprodukte gesucht

Die Produkte, Haselnüsse, Holunder, Wildäpfel und Hagenbutte, habe er bewusst ausgesucht. «Ich konzentriere mich auf Nischenprodukte.» Sprich Früchte, die hier gut gedeihen, von der Landwirtschaft aber nur marginal angebaut werden. Derzeit würden gerade Hasel- und Walnüsse mehrheitlich importiert. Diese Abhängigkeit wolle er in kleinen Schritten verringern. Ahadovs Projekte, die er alle in der Freizeit realisiert, stehen somit nicht in Konkurrenz mit der heimischen Landwirtschaft, sie ergänzen sie viel eher.

Idealismus soll belohnt werden

Dass die Bäume gepflanzt werden durften, dass genügend Helfer auf der Matte standen und mit Handschuhen, Werkzeug und Gipfeli versorgt waren, ist Doris Häfliger (Grünen-Kantonsrätin und Energiestadt-Koordinatorin) und Cornelia König Zeltner (Umweltschutzkommission Zuchwil) zu verdanken. Wie Häfliger erzählte, sei Ahadov vor etwa einem Jahr an die Gemeinde Zuchwil gelangt. Sie habe sich über sein Vorhaben informieren lassen und gleich gedacht: «So viel Idealismus muss belohnt werden!» Zusammen mit Cornelia König Zeltner habe sie das Projekt aufgezogen.

Doch woher kommt Ahadovs selbstloses Engagement? Der strahlende Mann war der stellvertretende Wirtschaftsminister von Aserbaidschan, wie er erzählt. Als politischer Flüchtling kam er 2007 in die Schweiz. «Ich habe von der Schweiz viel Unterstützung erhalten», sagt Ahadov rückblickend. Nun wolle er seiner zweiten Heimat etwas zurückgeben.

Wohnhaft sei er in Bern, es spiele aber keine Rolle, in welchem Kanton er wirken könne. Er zeigt stolz Zeitungsartikel und Fotos, die von seinem Engagement der letzten Jahre zeugen. Im Rahmen seines Projekts «Förderung des Walnussanbaus in der Schweiz» konnte Ahadov, der als Sachbearbeiter in der Uhrenindustrie arbeitet, bisher mehr als 4500 Walnussbäume zur Holz- und Fruchtgewinnung pflanzen – selber bezahlt. Weiter beweist er, dass das teuerste Gewürz der Welt, Safran, nicht nur im Wallis wächst. Die Krokusart mit den schmackhaften Fäden habe er erfolgreich in Bern, in Luzern und sogar in Balkonkisten in Zuchwil angebaut. Dann zeigt er Bilder der violetten Blüten auf einem Balkon.

Ziehen weitere Gemeinden mit?

Um die «natürliche Ertragsfunktion des Aare-Ufers» zu fördern, hat der Aserbaidschaner am internationalen Tag des Baums 2013 eigenhändig 50 Wildapfelbäume in Münsingen gesetzt. Im Rahmen desselben Projekts steht er an diesem Morgen in Zuchwil – und freut sich wie ein kleines Kind, dass alles so gut geklappt hat. Spätestens 2016 wachsen hier die ersten Früchte. Nun hoffe er, dass weitere Gemeinden an der Aare mitziehen und somit helfen würden, die Biodiversität der Schweiz – seinem zweiten «Mutterland» – zu fördern.

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