Biberist
Ghielmetti sorgt für guten Ton und schöne Bilder

Die Ghielmetti AG aus Biberist feiert sein 100-jähriges Bestehen. Das traditionsreiche Unternehmen kann auf eine äusserst wechselvolle Geschichte zurückblicken.

Franz Schaible
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Ghielmetti-Chef Hans Peter Schwaninger demonstriert das Prinzip der Verbindungstechnik. HS

Ghielmetti-Chef Hans Peter Schwaninger demonstriert das Prinzip der Verbindungstechnik. HS

Die Ghielmetti AG in Biberist ist ein Kleinbetrieb, aber mit sprichwörtlich grosser Ausstrahlung. Wer in einem Konzertsaal Musik geniessen, die Nachrichtensendungen im Fernsehen verfolgen oder bei der Übertragung des Fussballspiels oder des Skirennens mitfiebern will, der verlässt sich unbewusst auf Elektronik und Verbindungstechnik aus Biberist. Mit ihren Geräten und Elektronikkomponenten ist Ghielmetti mitverantwortlich für den guten Ton und das schöne Bild.

Die sogenannten Kreuzschienen – basierend auf der Idee der alten Telefonzentralen, wo mit Kabeln neue Verbindungen gesteckt und Signale vermittelt werden – sorgen dafür, dass die Signale von Mikrofonen und/oder Kameras zuverlässig, störungsfrei und in bestmöglicher Qualität aufs Mischpult im Regieraum oder in den Übertragungswagen durchgeschaltet werden.

Wie ein TV/Radio-Programmheft

«Mit der Konzentration auf diese Verbindungstechnik haben wir uns eine führende Position im Audio-, Video- und Data-Bereich aufgebaut», erklärt Inhaber und Geschäftsführer Hans Peter Schwaninger auf dem Rundgang. Wie zum Beweis zückt er eine Referenzliste. Fast alle grossen Fernseh- und Radiostationen wie SF, ORF, TF1, SAT, Canal+, RAI, WDR, BBC, Reuters, CNN oder Radio DRS und Deutsche Welle figurieren darauf. «Darüber hinaus rüsten wir auch Theater, Tonhallen und Kongresshäuser mit unseren audiotechnischen Anlagen aus.» So etwa das KKL Luzern, die Mailänder Scala, die Royal Opera in London oder das Bundeshaus-Medienzentrum in Bern.

Mikroprozessor bedrohte Ghielmetti existenziell

Den Grundstein der Ghielmetti legten Franz Ghielmetti und Emil Zbinden 1912 mit der Firmengründung in Bern, basierend auf der damaligen Innovation einer Zeitschaltuhr zum Schalten elektrischer Signale. 1924 zügelte der Betrieb nach Solothurn. Die Produktion von Schaltuhren und Zeitschaltern wuchs stark, die Fabrik wurde zweimal erweitert und der Personalbestand stieg auf über 300 Angestellte. 1971 wurde in Biberist ein neues Fabrikationsgebäude bezogen. Die gleichzeitige Entwicklung des ersten elektronischen Mikroprozessors von Intel führte zu einer industriellen Revolution; den Übergang von der Elektromechanik zur Elektronik konnte Ghielmetti nicht zeitgerecht vollziehen und war existenziell bedroht. 1992 kam es im Betrieb mit noch 70 Angestellten zu einem Management Buyout (siehe Haupttext). Seit zwei Jahren ist Hans Peter Schwaninger Alleinbesitzer. 1999 wurde der Bereich Industrietastaturen verkauft und Ghielmetti konzentrierte sich auf den Bereich Kommunikationstechnik. Heute zählt die Firma rund 25 Angestellte. (FS)

Ghielmetti hat eine lange Geschichte. Vor 100 Jahren gegründet, rascher Aufstieg zum respektablen Unternehmen mit über 300 Beschäftigten, begann in den 80er-Jahren für den Schaltuhrenhersteller eine schwierige Zeit. Schwaninger, der zusammen mit zwei Geschäftsleitungsmitgliedern 1992 das Unternehmen in einem Management Buyout übernahm, will diese triste Phase nicht ausblenden. Aber viel lieber blickt der 59-jährige Elektroingenieur und Betriebswirtschafter nach vorne. Insbesondere will er die 2000 beschlossene Konzentration auf die Kommunikationstechnik mit den beiden Geschäftsfeldern Medientechnik und Industrieautomation weiter ausbauen. Auf das neue zweite Anwendungsgebiet in der Industrieautomation entfalle inzwischen rund ein Viertel des Umsatzes. Zahlen gibt er keine bekannt. Es handelt sich um Signalverteilergeräte zur Überwachung und Steuerung von Generatoren. Kunden sind etwa ABB, Alstom, Siemens oder RWE.

Für Entwicklung, Endmontage, Qualitätssicherung, Marketing und Verkauf in Biberist und in den beiden deutschen Standorten Berlin und Chemnitz sind rund 25 Festangestellte tätig. Für den Hersteller von «elektronischen Spezialitäten» sei die Konkurrenz in der Schweiz relativ klein. Aber weltweit sei der Kampf um Kunden sehr hart. «Insbesondere herrscht ein starker Druck auf die Verkaufspreise.» Und da leide und kämpfe Ghielmetti mit Standort Schweiz und einem Exportanteil von 95 Prozent. «Teilweise basieren unsere Verkaufspreise auf einem Eurokurs von 1.42 Franken.» Deshalb seien Rationalisierungen, Effizienzsteigerungen sowie der vermehrte Wareneinkauf im Euroraum zur Tagesaufgabe mutiert.

Neue Produkte, neue Märkte

Auftragsmässig seien die vergangenen Jahre zufriedenstellend gewesen und der Start ins laufende Jahr sei erfreulich. Das Geschäftsumfeld sei sehr anspruchsvoll. Ziel bleibe, den Standort Biberist zu halten. Den Weg dazu erläutert Schwaninger anhand von zwei Tätigkeiten. Man entwickle neue Produkte, zuletzt ein Funkkanalprüfsystem für die deutsche Flugsicherung, «damit die Sprechverbindung zwischen Fluglotse und Pilot störungsfrei funktioniert». Zudem sind neue Wachstumsmärkte auf dem Radar. «Wir sind da-ran, den nordamerikanischen Markt intensiv zu bearbeiten.»