Weihnachten

Gemeinschaft statt Geschenke: Unter den Flüchtlingen herrscht Adventsstimmung

Es herrscht Adventsstimmung bei jenen, die eigentlich keine Weihnachten feiern. In Niederbipp backen Flüchtlinge Guetzli.

Der Teig klebt. Zieht Fäden an den kleinen Händen und am weissen Tisch. Der Bub hat vor lauter Aufregung vergessen, Mehl auf die Unterlage zu streuen. Weihnachts-Guetzli backen hat so seine Tücken. Das lernen die Jungen und Mädchen, etwa zwölf sind es mit ihren Müttern, schnell. Der Fauxpas sei ihnen vergeben, schliesslich backen sie das allererste Mal Guetzli im Advent. Seit etwa einem Jahr leben die meisten von ihnen bei der Flüchtlingshilfe der Heilsarmee im alten Spital in Niederbipp.

Viele der hier Einquartierten sind aus Afghanistan geflüchtet, einige auch aus dem Sudan, Syrien, Kurdistan oder Eritrea. Aus Regionen, heimgesucht von Hitze, Dürre, Gewehren und Bomben. Jetzt sind sie hier am friedvollen Jurasüdfuss, wo gerade an Sonntagen wenig passiert und sich der Nebel nur selten lichtet.

Um ihnen die Langeweile zu nehmen, haben sich einige Freiwillige der Kulturschule Langenthal (siehe Kasten) dieses ungezwungene Guetzli-Backen ausgedacht. «Wir wollten ein wenig Weihnachtsstimmung verschenken und die Gemeinschaft untereinander pflegen», sagt Nicolas Perrenoud, einer der freiwilligen Helfer und Initiant des Back-Nachmittags. Er kennt viele der Flüchtlingshilfe-Bewohner von den Kursen der Kulturschule Langenthal.

Die Mütter sind eher still

Die Helfer haben Teige mitgebracht – Mailänderli, Schokosterne und Brunsli – und helfen den Kindern beim Ausrollen, oder, wenn sie eben zu wenig oder viel zu viel Mehl verwenden. Die Umgangssprache im Untergeschoss des alten Spitals ist Hochdeutsch, zumindest zwischen den Helfern und den Kindern. Letztere sind bereits eingeschult worden und sprechen sogar ein bisschen Schweizerdeutsch. Ihre Mütter dagegen beschäftigen sich eher still damit, den Teig zu formen. Oder sie unterhalten sich leise auf Persisch und Arabisch. Dann und wann steckt auch der eine oder andere Mann seinen Kopf durch den offenen Türspalt, wie jener junge Eritreer. Ob er auch Guetzli backen wolle, fragen die Helfer. Nein, nur kurz eine Tasse Tee holen. Das Backen scheint ihm nicht ganz geheuer.

Michael Rüdlinger, wie Perrenoud aus Langenthal, hat sich ebenfalls spontan bereit erklärt, mit den Flüchtlingen zu backen. «Meine Frau und ich mögen Menschen von überallher. Deshalb ist es für mich selbstverständlich, hier mitzuhelfen», sagt er. Auch andere Helfer kommen vorbei, so etwa eine Mitarbeiterin der Heilsarmee und eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter. Berührungsängste: Fehlanzeige.

Im alten Spital

Die Heilsarmee hat die Räumlichkeiten des alten Spitals von der Gemeinde Niederbipp für zwei Jahre gemietet, mittlerweile ist bereits ein Jahr davon verstrichen. Die Kollektivunterkunft mit 24 Zimmern, die bis zu einhundert Menschen (Familien- und Einzelpersonen) Platz bietet, verfügt zudem über einen Spielplatz, eine Spielecke und einen Fitnessraum. Die Asylbewerber haben pro Familie ein Zimmer zur Verfügung, in der Gemeinschaftsküche kochen sie mit dem, was sie fürs Essen bekommen: Ein wenig Geld vom Kanton sowie Spenden von Privaten oder lokalen Detailhändlern.

Endlich sind die ersten Mailänderli als Herzen, Engel und Halbmonde ausgestochen, die Brunsli auf dem Blech und die Schokosterne im Ofen. Die Mädchen klatschen freudig, die beiden Buben blicken sich stolz an. Bald schon erfüllt süsser Duft die Gänge im alten Spital. Und dann sind sie fertig, die ersten Weihnachts-Guetzli ihres Lebens. Einmal angefangen, werden es wohl nicht die letzten sein.

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