Thierstein

Gekommen, um zu bleiben: Eine orthodoxe Gemeinschaft belebt das Kloster Beinwil neu

Seit Anfang Jahr leben orthodoxe Nonnen und ein Mönch im hinteren Schwarzbubenland. Die Tage der bunt zusammengewürfelten Gruppe haben klare Strukturen und sind geprägt von Gebeten. Noch ist die Gemeinschaft klein – die Pläne aber umso grösser.

Um zehn Uhr morgens haben die Bewohnerinnen und Bewohner des Klosters Beinwil schon drei Stunden Gebet hinter sich. Abt Archimandrit Damaskinos, Äbtissin Archontia und die beiden Nonnen Ionia und Agapia kommen aus der Krypta, wo sie inmitten von Ikonen und brennenden Kerzen Gott gepriesen haben.

Vom dunklen Gebetsraum aus bahnen sich die Ordensleute in ihren schwarzen Gewändern den Weg zum Refektorium. In den traditionsreichen Klostermauern, in denen bis ins 17. Jahrhundert Benediktinermönche lebten, ist die Orthodoxie eingezogen. Nach dem Auszug der ökumenischen Gemeinschaft sind seit Anfang Jahr orthodoxe Christen in Beinwil beheimatet. Hier, im idyllischen Schwarzbubenland, haben sie ein Männer- und ein Frauenkloster gegründet.

Zuerst reformiert, dann orthodox

Noch besteht die Gemeinschaft jedoch erst aus vier Personen, weshalb sie die Gottesdienste zusammen feiern. Auch das Essen nimmt man gemeinsam ein, so wie derzeit im Refektorium. An der Wand hängt eine Holzfigur von Jesus Christus. Auf dem Tisch steht eine grosse Schüssel mit roten Bohnen. Dazu gibt es Salat, Brot, Reis, Paprikaschoten, Oliven und Früchte. Der Mönch und zwei Nonnen nehmen die Speisen – nachdem sie gesegnet wurden – lautlos zu sich.

Schwester Agapia liest derweil auf Deutsch eine Geschichte vor, in der propagiert wird, dass das Himmelreich einem Senfkorn gleich sei. Erst der Mensch könne das Korn durch sein Zutun in etwas Grosses verwandeln. Die Lesende, die in der Nähe von Berlin geboren wurde, ist die mit Abstand Älteste im Bunde. Aus dem amerikanischen Bundesstaat Maryland stammt wiederum Schwester Ionia. Abt Archimandrit Damaskinos und Äbtissin Archontia sind beide aus der Westschweiz. Wenn die Ordensleute miteinander reden, wechseln sie spielend zwischen den einzelnen Sprachen hin und her.

Doch weshalb verschlug es diese bunt zusammengewürfelte Gruppe ausgerechnet ins beschauliche Thierstein, das von den Benediktinern einst verlassen wurde, da ihnen Beinwil zu abgelegen war? «Wir waren seit längerer Zeit auf der Suche nach einem Ort in der Schweiz, um ein orthodoxes Kloster zu gründen», sagt Abt Archimandrit Damaskinos. Er trägt, wie dies bei orthodoxen Mönchen meist der Fall ist, einen Rauschebart. Die Abgeschiedenheit in der am Passwang gelegenen Gemeinde sei heute überhaupt kein Problem mehr, erklärt er. «Die Distanzen sind leicht zu überwinden. Wir haben schliesslich Autos.»

Geistiger Vater der beiden Klöster im Schwarzbubenland ist Archimandrit Dionysios. Der Grieche scheint eine charismatische Persönlichkeit zu sein, wie eine Aussage von Äbtissin Archontia nahe legt: «Er ist die Person, auf deren Gesicht wir Jesus Christus gesehen haben», sagt die junge Frau. Dionysios ist Vorsteher von rund 20 weiteren Klöstern in Griechenland, in Italien, in Norwegen, in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. Zwischen den Klöstern kommt es immer wieder zu einem personellen Austausch. So verbrachten sämtliche Orthodoxe, die in Beinwil weilen, in der Vergangenheit ihre Zeit in anderen Klöstern.

Alle fanden einst auf die eine oder andere Weise zum orthodoxen Glauben. Sowohl Abt Archimandrit Damaskinos als auch Äbtissin Archontia stammen aus einem reformierten Elternhaus und engagierten sich schon früh in der reformierten Kirche. «Ich merkte mit der Zeit, dass mir bei den Reformierten etwas fehlt», sagt der Abt. «Als ich auf der Suche nach einer neuen Strömung innerhalb des Christentums war, stiess ich auf die Orthodoxie.» Dort spürte er eine Intensität, wie er sie noch nicht gekannt hatte.

Die Äbtissin ergänzt: «In der orthodoxen Kirche fühle ich eine starke Urtümlichkeit.» Sie habe nie daran gedacht, eines Tages Nonne zu werden, aber als sie in einem Kloster in Griechenland war, empfand sie eine «derart starke Liebe, dass ich bereit war, mein bisheriges Leben aufzugeben». Statt ihr Studium der Philosophie und der französischen Literatur weiterzuverfolgen, gab sie sich vollends dem orthodoxen Glauben hin.

Mehrere Gottesdienste pro Tag

Nach dem Essen verabschieden sich die Ordensleute vorerst voneinander, bevor sie sich am späten Nachmittag und dann noch einmal am Abend erneut zu längeren Gottesdiensten treffen. Der Mönch und die Nonnen verteilen sich auf die weitläufige Klosteranlage, die für vier Leute eigentlich viel zu gross ist.

Im Garten, in dem die Tulpen in voller Blüte stehen, ist die deutsche Schwester Agapia häufig anzutreffen. Aus dem in Beinwil wachsenden Bärlauch wurde in den vergangenen Wochen Pesto hergestellt, das man im Kloster kaufen kann. Genauso wie Kiwikonfitüre, Weihrauch und allerhand religiösen Schmuck.

Den grössten Teil ihres Tages verbringen die Orthodoxen im Konventbau, der zum Kloster Mariastein gehört. Dort befinden sich ein Kreuzgang, eine Bibliothek und die Schlafzimmer der Männer. Die Frauen schlafen nebenan im Schwesternhaus, das früher als Schulhaus genutzt wurde.

Fast jede Nacht sind Gäste da

Die zwölf Zimmer im Gästehaus, die sich vor denen in einem Hotel nicht verstecken müssen, stehen Gästen zur Verfügung. «Es vergeht kaum eine Nacht, in der niemand bei uns schläft», sagt Abt Archimandrit Damaskinos. Es gehöre zu den wichtigsten Aufgaben eines orthodoxen Klosters, Gäste zu beherbergen. Andere Orthodoxe, Jakobsweg-Pilger, Atheisten, oder auch einfach interessierte Beinwiler fanden schon den Weg ins Kloster.

Den Ordensleuten liegt viel daran, sich vor den Einheimischen nicht zu verstecken. Obwohl die Gruppe noch klein ist, hat man im Schwarzbubenland viel vor. «Eines Tages sollen hier jeweils zehn orthodoxe Mönche und Nonnen leben», so der Abt. «Wenn wir ein Kloster gründen, dann soll es für immer bestehen.»

 

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Orthodoxie – nah und doch fremd

Die Orthodoxen bilden in unserem Land nach den Katholiken und den Reformierten die drittgrösste Familie innerhalb des Christentums. In der Schweiz sind rund 150'000 Menschen Teil einer christlich-orthodoxen Glaubensgemeinschaft. Trotzdem sind deren Anhängerinnen und Anhänger in der öffentlichen Wahrnehmung kaum präsent und das Wissen über sie ist bei vielen gering.

Während an der Spitze der römisch-katholischen Kirche der Papst steht, gibt es in der orthodoxen Kirche mehrere Patriarchen. In theologischer Hinsicht bestehen geringe Unterschiede zwischen den beiden Kirchen. Beide glauben an den dreifaltigen Gott und die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Zudem spielt bei beiden die Gottesmutter Maria eine bedeutende Rolle. Die römisch-katholische Kirche richtet sich nach dem gregorianischen Kalender, während bei vielen orthodoxen Kirchen der julianische Kalender gilt. Daher feiern sie Heiligabend und Weihnachten erst am 6. und 7. Januar.

Einige Gemeinden in der Region

Die Gottesdienste der Orthodoxen unterscheiden sich jedoch stark von denen der Katholiken und der Reformierten. «Die Verehrung von Ikonen spielt bei den Orthodoxen eine wichtige Rolle», erklärt der Ostkirchen-Experte Stefan Kube. Zudem seien die Gottesdienste aufgrund umfangreicherer Gebete und Gesänge länger. «Die grösste orthodoxe Gemeinschaft in der Schweiz stellen Serben», sagt er. Dahinter folgten Griechen, Russen und Rumänen.

In der Region Basel finden sich mehrere Gemeinschaften, die schon länger existieren. In Münchenstein ist die griechisch-orthodoxe Gemeinde der Nordwestschweiz und in Reinach eine rumänisch-orthodoxe Kirchgemeinde zu Hause. In der Stadt Basel finden sich eine russisch-orthodoxe und eine serbisch-orthodoxe Kirchgemeinde. Letztere feiert regelmässig ihre Gottesdienste in der St.-Alban-Kirche.

Grosses Schisma von 1054

Eine Seltenheit in der Schweiz innerhalb der Orthodoxie sind wiederum orthodoxe Klöster, wie es sie seit kurzem im Schwarzbubenland gibt. «Die orthodoxen Mönche streben danach, sich von allen Spuren des Ego zu reinigen und damit zu makellosen Gefässen für die Herrlichkeit und das Wirken Gottes in dieser Welt zu werden», heisst es in einem Heft über Archimandrit Dionysios, den aus Griechenland stammenden geistigen Vater der Beinwiler Gemeinschaft. Die Erlangung dieses Ziels werde als der einzige Sinn des menschlichen Lebens angesehen und sei der Lebensnerv des orthodoxen Christentums. Die beiden Thiersteiner Klöster gehören zum Patriarchat von Antiochien, das den gregorianischen Kalender benutzt.

Als bedeutendstes Ereignis, das im Christentum zur Aufspaltung in eine römisch-katholische und eine orthodoxe Kirche führte, gilt das Grosse Schisma des Jahres 1054. Zwischen dem Papst und dem Patriarchen von Konstantinopel war es in den Jahrhunderten zuvor immer wieder zu theologischen Differenzen gekommen. Zur Spaltung führten letztlich jedoch vor allem politische Spannungen. Eine wichtige Frage dabei war, wer in die Fussstapfen des untergegangenen Römischen Reiches treten sollte: Der Kaiser und Papst im Westen oder der Kaiser und Patriarch im Osten. Der Gegensatz zwischen Rom und Konstantinopel prägte Europa in der Folge stark.

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