Keine Fingerabdrücke, keine verwertbare DNA und unbrauchbare Überwachungsvideos aus der Migros Langendorf: Staatsanwältin Melanie Wasem konnte auch am zweiten Prozesstag gegen die mutmassliche Migros-Bombendroherin nicht viele hieb- und stichfeste Beweise vorlegen.

Ihr blieb letztlich nicht viel mehr als das Geständnis, das die 49-jährige IV-Bezügerin im Juli 2011 bei der Polizei abgelegt hatte. Doch ausgerechnet an dessen Glaubwürdigkeit kratzten auch die Aussagen der am Donnerstag vorgeladenen forensisch-psychiatrischen Gutachterin.

Sie beschrieb die zierliche Angeklagte, die an einer Persönlichkeitsstörung leidet, als «sehr augenblicksverhaftet». Es sei deshalb nicht auszuschliessen, dass die IV-Bezügerin bei der Polizei ein falsches Geständnis abgelegt habe, um endlich nachhause zu ihren geliebten Hunden gehen zu können.

Für Verteidiger Andreas Wehrle blieb nur der Freispruch. Zentral für seine Argumentation war eine vierte Bombendrohung im Februar 2012, die gar nie öffentlich gemacht wurde. Doch genau für diese Tat hatte die Angeklagte ein Alibi. Die Polizei ging in der Folge von einem Trittbrettfahrer aus. Schliesslich sei die Drohung auch im Hoch-, statt im Querformat verfasst gewesen, argumentierte die Staatsanwältin. Für Rechtsanwalt Andreas Wehrle machte dies keinen Sinn.

Er erhob massive Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden: Die ganze Zeit über sei nur einseitig gegen seine Mandantin ermittelt worden. Man habe nicht einmal versucht, ihre widersprüchlichen Aussagen genau abzuklären. Weitere Täterkreise wie frühere Migros-Angestellte seien gar nie richtig ins Auge gefasst worden. Davon wollte Staatsanwältin Melanie Wasem nichts wissen. Monatelang sei genau ermittelt worden, ehemalige Angestellte seien überprüft und andere Täterkreise ausgeschlossen worden, wehrte sie sich.

Mehr als «zufällig», aber nicht genug

Doch auch der Schriftgutachter, der am Donnerstag vor Gericht geladen war, konnte keine eindeutigen Hinweise vorbringen. Die handschriftliche Drohung war so kurz, dass sie nur wenig Vergleichsmaterial hergab. «Die übereinstimmenden Merkmale sind mehr als zufällig», sagte der Experte zwar. «Aber es gibt so viele Einschränkungen, dass wir zu wenig haben, um rechtsverbindlich zu sagen, dass die Frau die Urheberin ist».

«Sie hat Täterwissen»

«Puzzleteile» blieben übrig, die Staatsanwältin Melanie Wasem zu einem schlüssigen Bild zusammenzusetzen versuchte. Schärfster Pfeil im Köcher der Staatsanwältin blieb das Geständnis der Angeklagten. Die Frau, die sich später als unschuldig bezeichnete, wusste damals, dass die erste hanschriftliche Drohung mit schwarzem Stift geschrieben war - und noch wichtiger: Sie gab an, die Drohung in der Damentoilette abgelegt zu haben, obwohl nie öffentlich bekannt war, ob die Drohung im Damen- oder Herren-WC gefunden wurde.

«Im Geständnis hat die Frau Sachen gesagt, die nicht einfach erfunden sein können», folgerte die Staatsanwältin. «Sie hat Täterwissen zu Protokoll gegeben.» Unsinn, fand Verteidiger Andreas Wehrle. Als Frau gehe seine Mandantin nun mal aufs Damen-WC.

Blieben noch die inhaltlichen Ungereimtheiten im Geständnis: Die Frau gestand, den Brief aufs Lavabo der Migros-Toilette gelegt zu haben - tatsächlich war er in der WC-Kabine. Für den Verteidiger ein weiterer Hinweis darauf, dass seine Mandantin einfach irgendein Geständnis abgelegt hatte, ohne zu wissen, was sie tat.

Einen Erfolg verbuchte die Staatsanwaltschaft doch: Das Geständnis der Angeklagten darf verwendet werden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die psychisch angeschlagene Frau zumindest zum Tatzeitpunkt in einem so «robusten» gesundheitlichen Zustand war, dass die Einvernahme ohne Anwalt zulässig war.

Ging der Prozess zu lange?

24 Monate bedingt forderte die Staatsanwältin. Der Verteidiger plädierte auf einen Freispruch und forderte eine Genugtuung für seine Mandantin, die immerhin zweieinhalb Jahre in starkem Masse unter den Ermittlungen gelitten habe.

Gereizt wies Staatsanwältin Wasem darauf hin, dass die lange Dauer nicht die Schuld der Staatsanwaltschaft sei: Alleine die Fristerstreckungen des Verteidigers verlängerten Ermittlungen und Prozess um elf Monate.

Am Freitagnachmittag eröffnet Amtsgerichtspräsident Rolf von Felten das Urteil.