Gemeinde im Blickfeld
Gänsbrunnen: Was macht die kleinste Thaler Gemeinde aus?

Asylsuchende nach Gänsbrunnen? Auf keinen Fall. Die Einwohner wehrten sich vor einigen Tagen unspektakulär, aber bestimmt. Wir wollten wissen, was das kleinste Thaler Dorf ausmacht.

Fränzi Rütti-Saner
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Gänsbrunnen liegt nur 8 km nordwestlich von Solothurn entfernt (Luftlinie) und ist doch vielen unbekannt.

Gänsbrunnen liegt nur 8 km nordwestlich von Solothurn entfernt (Luftlinie) und ist doch vielen unbekannt.

Peter Brotschi

Gänsbrunnen ist mit seinen 103 Einwohnern eine der kleinsten Gemeinden des Kantons Solothurn. Das Dorf liegt zuhinterst im Bezirk Thal hat schon lange keine eigene Schule und keine eigene Feuerwehr mehr. Der letzte Laden wurde Ende der Sechziger Jahre geschlossen, und die Post wird schon seit 1975 von der Nachbargemeinde Welschenrohr aus verteilt. Dort gehen die Kinder auch zur Schule. Der Bahnschalter ist seit 2003 eingestellt, jedoch ist der RM-Bahnhof immer noch gut frequentierte Haltestelle für Pendler und Wanderer, die vom hinteren Thal Richtung Solothurn oder Moutier weiter wollen. Die letzte der zwei Wirtschaften wird in Kürze geschlossen, und doch ist dieses «verschlafene» Gänsbrunnen vor wenigen Tagen ins Zentrum der politischen Beobachtung gerückt.

Eher unfreiwillig, weil der Kanton Solothurn auf seiner Suche nach Asylunterkünften den altehrwürdigen Gasthof St. Joseph und das dazu gehörige Mühlehof-Center als möglichen Unterbringungsort ins Visier genommen hat. Die Gänsbrunner wehrten sich gesittet, aber bestimmt und erfolgreich dagegen.

Kontrolliert statt anonym?

Doch, denkt man sich als Aussenstehender, wäre es nicht besser, Asylsuchende in einem kleinen, abgelegenen Dorf, von der Dorfbevölkerung «sozial kontrolliert», unterzubringen als in einer grösseren Gemeinde, wo manche anonym oftmals straffällig werden? Wie lebt es sich denn überhaupt im kleinen Gänsbrunnen? Was macht dieses Dorf aus? Gänsbrunnen ist dem Naturpark Thal zugehörig und massgeblich an der Gründung beteiligt. Der Gemeindepräsident seit 1989, Landwirt Ernst Lanz, setzte sich lange an vorderster Front für die Gründung dieses Naturparks ein.

Er selbst schrieb als Vorwort in einem Gemeindeporträt, das 2005 veröffentlicht wurde: «Als Streusiedlung mit viel natürlichem Lebensraum hat Gänsbrunnen schon manchem Sturm standgehalten und seine Selbstständigkeit immer bewahrt. Unser Bestreben ist es, mit einer sanften Entwicklung diese Idylle zu erhalten.» Fährt man durch das Dorf, kommt einem tatsächlich das Wort Idylle in den Sinn. Der Reiz von Gänsbrunnen liegt aber nicht in einem zentralen Dorfkern. Den sucht man hier vergebens. Es sind die vielen Berghöfe, viele mit langer und interessanter Geschichte, die Gänsbrunnen und seine Bewohner ausmachen. Man lebt hier für sich und für seine Familie. Fremde kommen nur selten hierher. Beispielsweise wurde erst 1960 beschlossen: «Von jetzt an werden die Kirchenglocken auch geläutet, wenn jemand Reformiertes stirbt».

Mehr Polizeiautos

Trotz der jetzigen Ablehnung, oder gerade deshalb, ist das Leben mit Asylsuchenden in Gänsbrunnen nichts Unbekanntes. 1990 wurden einige aufgenommen, darunter eine asylsuchenden Familie aus Afghanistan. Die Erfahrungen damit waren unterschiedlich, und man erinnert sich noch heute mit unguten Gefühlen daran, denn mehr als normal sah man Polizeiautos patrouillieren.

Eine der Lebensadern des kleinen Dorfes war immer die ehemalige Solothurn-Münster-Bahn und der Tunnel. Die Strecke wurde nach einigem Hin und Her 1908 eröffnet. Die Gänsbrunner mussten 1996 nach Solothurn demonstrieren gehen, damit «ihre» Bahnlinie nicht geschlossen wurde. 2005 übernahm die RM die Linie, und seither sind die Schliessungsdiskussionen weniger geworden. Arbeit gibt es in Gänsbrunnen vor allem in der Landwirtschaft und im Steinbruch, wo Kalkstein zur Verarbeitung von Zuckerrüben gebrochen wird. Vor einigen hundert Jahren gab es auch eine Glashütte, und Ludwig von Roll versuchte es 1805 hier auch mit der Eisenerzgewinnung. Im Mittelalter gehörte das Dorf noch zur Propstei Moutier-Grandval. 1569 ging es durch Kauf an den Kanton Solothurn. Nach dem Einmarsch der Franzosen war der Ort wichtige Grenzstation zum französischen Département du Mont-Terrible.

Die früher bedeutende Wirtschaft St. Joseph, gleich bei der Gemeinde- und Sprachgrenze liegend, wurde bereits 1605 erbaut. Ein paar Jahre später kam ein Zollamt hinzu. Das Restaurant hat eine wechselvolle Geschichte mit erfolgreichen und weniger erfolgreichen Wirten hinter sich. Seit 2003 ist Schlagersänger Ralph Martens alias Martin Jaggi Besitzer des Hauses. Der derzeit tätige Pächter hat beschlossen, das Haus in Kürze zu verlassen. Deshalb wohl auch die Idee, das Haus dem Kanton als Asylunterkunft zur Verfügung zu stellen.

Und wollen sie noch erfahren, woher das Dorf seinen eigentümlichen Namen hat? Als älteste Bezeichnung wurde die Ortschaft mit «zu demu genseo brunnun» – «bei dem Gänsebrunnen» – beschrieben. Gänse sind also im Spiel, mit «Brunnen» ist auch «Quelle» gemeint. Man findet Urkunden, in denen vom «Wirtshaus beim Gänsbrunnen» die Rede ist. Auch heute noch sagen die Einheimischen: «Ich gehe ins Gänsbrunnen» – und nicht «nach Gänsbrunnen».

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