Bucheggberg

Fusionsturbo mit «hartem Grind» und Sportsgeist

Der «Gerber-Egge» mit Sicht aufs Limpachtal ist einer von Bernhard Jöhrs Lieblingsplätzen. Isabel Mäder

Der «Gerber-Egge» mit Sicht aufs Limpachtal ist einer von Bernhard Jöhrs Lieblingsplätzen. Isabel Mäder

Am Anfang stand ein Fauxpas. Ein einzelner Satz, mit dem sich der neu zugezogene Jurist aus Bern beinahe ins Abseits manövrierte. «Im Bucheggberg», so sagte Bernhard Jöhr, «gibt es ja mehr Gemeinden als Traktoren auf den Feldern.»

Jöhr war frisch nach Oberramsern gezogen und wollte für die FDP in den Kantonsrat. Der markige Spruch über die Traktoren kam im kleinräumigen Bezirk so manchem in den falschen Hals.

Wenige Jahre später zählt der Bucheggberg statt deren 21 noch gerade 8 Gemeinden. Nach den Fusionen im Limpachtal und im Aaretal ist am Sonntag nun auch der untere Bucheggberg politisch verschmolzen.

Es war Bernhard Jöhr, der bei sämtlichen Fusionsprojekten die Fäden zog. In Ungnade gefallen ist er also nicht, im Gegenteil: «Ich habe festgestellt: Mit den Bucheggbergern kann man reden. Sie sehen das Gemeinsame und wollen Lösungen finden.»

Dass er kein «Hiesiger» ist, war dabei sogar ein Vorteil. «Ich kam von aussen und war unbefangen.» Und es ist kaum zu hoch gegriffen, wenn man sagt: Bernhard Jöhr hat den Bucheggberg vereint.

Aus dem Laien wird ein Experte

«Fusionsturbo» – diese Bezeichnung haftet Bernhard Jöhr sinngemäss an. Dabei ist der 67-Jährige ein Anhänger des Föderalismus. «Das ist eine tragende Säule der Schweiz.» Doch um jeden Preis müsse man die Gemeindeautonomie nicht hochhalten.

In die Rolle als Fusions-Experte ist er eher zufällig gerutscht. Einige Jahre, nachdem Bernhard Jöhr in den Bucheggberg gezogen war, kam Oberramsern in eine personelle Notsituation. Der Gemeindepräsident kündigte seinen Rücktritt an, Jöhr sollte übernehmen.

«Als Wochenaufenthalter in Basel, ich arbeitete damals zu 100 Prozent, war das für mich nicht machbar.» Es war also das kleine Limpachtaler Dörflein Oberramsern, das die Fusion mit Messen, Balm und Brunnenthal aufs Tapet brachte. Seit 2010 ist sie Tatsache.

«Diese Fusion war der klassische Fall, ausgelöst durch Rekrutierungsschwierigkeiten. Speziell war, dass der Anstoss von einem kleinen Partner ausging. Es fand keine Eingemeindung statt.» Die Fusion von Lüsslingen und Nennigkofen, sie tritt 2013 in Kraft, sei dann ein logischer Schritt zweier Gemeinden gewesen, die ausser einer Grenze kaum mehr etwas trennte.

Und der untere Bucheggberg? «Sie liessen sich wohl vom Erfolg im Limpachtal animieren und haben Mut gefasst, den Schritt zu gehen.»

«Jemand muss den Karren ziehen»

Den Schritt machen mussten die Bucheggberger tatsächlich selber; doch Bernhard Jöhr räumte den Weg frei. Das mag er im Gespräch beim «Gerber-Egge» ob Oberramsern so zwar nicht sagen. Viel eher sagt er: «Es braucht jemanden, der den Karren zieht. Aber alleine machen kann ich es nicht.»

Bernhard Jöhr wirkt bescheiden. Er ist einer von ihnen geworden, heisst es im Bucheggberg. «Das ist ein Vorteil, wenn es um Fusionen geht», sagt André Grolimund, Chef im kantonalen Amt für Gemeinden.

«Bernhard Jöhr ist nicht ein ‹Herr aus Solothurn› mit Krawatte. Man versteht ihn im Bucheggberg.» Keine Frage: Jöhr weiss um seine gewinnende Ausstrahlung. Dank ihr holt er Mitstreiter ins Boot. Und wenn er in akzentuiertem Berndeutsch spricht, hängen Zuhörer an seinen Lippen.

Fragt man bei denen nach, die es wissen müssen, wird die entscheidende Rolle Jöhrs als Fusions-Projektleiter deutlich. Er habe eine starke Präsenz und könne die Leute mitreissen, sagt etwa Ernst Hürlimann, bis Ende Jahr noch Gemeindepräsident von Lüsslingen.

«Dabei vermeidet er es, zu tief ins Detail zu gehen und die Leute zu verunsichern. Er behält die grosse Linie im Auge.» Messens Gemeindepräsidentin Marianne Meister, die seit der Fusion im Limpachtal mit ihm zusammenarbeitet (Jöhr ist Vize-Gemeindepräsident von Messen), schätzt ihn als «grosse Stütze» im Gremium. Nicht zuletzt in rechtlichen Fragen. «Er ist sehr kompetent und bringt Argumente fundiert auf den Punkt.»

Marianne Meister ist froh, dass er nächstes Jahr noch einmal für den Gemeinderat kandidiert. Jöhr habe eine starke Persönlichkeit, sei ein harter Verhandlungspartner – und zuweilen auch dominant. Das Wort «stur» möchte Marianne Meister dann doch nicht gebrauchen. «Schreiben Sie, er hat einen harten Grind.»

Engagiert und doch entspannt

«Es stimmt, ich kann vor Leuten hinstehen. Und wenn mich ein Thema packt, dann kann ich zu einer Form auflaufen.» Seine Durchsetzungskraft trainierte Jöhr sich nicht zuletzt als ehemaliger Handball-Nationalspieler an. Sportsgeist bewies er auch in der Zeit von 1977 bis 1985 als Direktor des Schweizerischen Tennisverbands – «in der Zeit, als die Tennis-Center in der Schweiz aus dem Boden schossen.»

Seit 2008 ist der bernische Fürsprecher, der für die Berner und Basler Versicherungen tätig war, pensioniert. «Vor dem Ruhestand hatte ich grossen Respekt.» Engagements in der Gemeindepolitik, im Bucheggberger Schulverband oder im Messener Schwimmbad-Verband sorgten dafür, dass er nicht in ein Loch fiel.

Damit nicht genug: Im Auftrag einer Thuner Firma bildet Bernhard Jöhr Erwachsene weiter, vermittelt im «Outdoor-Training» handlungsorientiertes Lernen und «Leadership». Und woher nimmt der 67-Jährige, der getrennt lebt und eine Tochter hat, seine Motivation? «Beim Reiten und Wandern. Doch die grösste Triebfeder ist die Wertschätzung, die ich für meine Arbeit erhalte. Dafür bin ich dankbar.»

Kanton wollte ihn engagieren

Bernhard Jöhrs Leistungen blieben nicht unbemerkt. Auch der Kanton Solothurn hat angeklopft und wollte ihn als Experten anstellen. «Aber nach meiner Pensionierung wollte ich das nicht.» Weiteren fusionswilligen Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite stehen, das würde er sich allerdings zutrauen.

Würde er auch den gesamten Bucheggberg politisch zusammenführen? Bernhard Jöhr lacht. «Ich werde das sicher nicht anstossen.» In den nächsten zehn Jahren, so glaubt er, dürfte das kein Thema sein. «Aber dass es passiert, das kann ich mir schon vorstellen.»

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