Biberist
Früh für die Artenvielfalt eingesetzt – und vom Umfeld als «Öko-Freak» diffamiert

Die innovative Bauernfamilie Begert auf dem Rütihof keltert sogar ihren eigenen Wein. Mit der ursprünglich betriebenen Milchwirtschaft haben sie nichts mehr am Hut.

Agnes Portmann-Leupi
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Familie Begert betreibt den Rütihof in Biberist
9 Bilder
Der Rütihof in Biberist
Apfelhostet
Äpfel
Auch Honig wird produziert
Die Aprikosen sind reif
Rot sind die Kirschen

Familie Begert betreibt den Rütihof in Biberist

Hanspeter Bärtschi

Ein traditioneller Bauernbetrieb ist der Biberister Rütihof bei weitem nicht. Eigentlich war er es nie. Bereits vor mehr als 20 Jahren hat sich Georg Begert, der den Hof von seinem Vater übernommen hat, zukunftsgerichtet mit dem Nachbarbetrieb von Markus Heri zusammengetan. Die Milchkühe, je 14 Stück, waren fortan im selben Stall untergebracht. «So konnten wir rationeller arbeiten, aber auch Traktoren und Maschinen besser ausnützen», blickt Georg Begert zurück.

Die dadurch gewonnene Zeit investierte er vermehrt in den Obstbau. Er besuchte Ausstellungen und Betriebe in Deutschland und vertiefte sich in Fachliteratur. Die erste Obstplantage realisierte er 1989 mit 18 verschiedenen Sorten. In den Jahren 1992 und 1993 pflanzte der umtriebige Landwirt weitere 60'000 Spalier-Bäume – alle 30 Zentimeter ein Stück und in einem Reihenabstand von zwei Metern. Nach zehn Jahren musste jeder zweite Baum wegen Platzmangels gefällt werden.

Kirschen zum Selberpflücken

Mittlerweile haben die Landwirte Heri und Begert die Milchwirtschaft aufgegeben. Die Plantage, mit Hagelnetzen überdeckt, zählt heute 43'000 Bäume, nun gepflanzt in einem Abstand von einem Meter und im Reihenabstand von 2,80 Metern: Äpfel, Birnen, Kirschen, Zwetschgen, Pfirsiche, Quitten, Kulturholunder, Aprikosen, alles in den verschiedensten Sorten. Zum «Selbstpflücken», ohne Leiter, sind die 420 Niederstamm-Kirschbäume freigegeben. Der Rest der Kirschenernte kommt ins Fass. Äpfel zur Qualitätsförderung ausdünnen und verletzte herausschneiden steht momentan auf dem Arbeitsprogramm. Den Obst-Schädlingen rückt die Pheromon-Technik zu Leibe, in welcher versprühte weibliche Duftstoffe die Männchen verwirren und die Weibchen nicht finden lassen. Der ganze Betrieb wird nach den IP-Suisse-Garantie-Anforderungen geführt. Die Kontrolle und Zertifizierung erfolgen jährlich.

Rund 300'000 Kilogramm Obst gehen pro Jahr über Zwischenhändler an Grossverteiler. Mager fällt der Ertrag der 60 Nussbäume und Edelkastanien aus, was jedoch nicht an den Bäumen liegt. «Die am Boden liegenden Nüsse und Kastanien werden als Allgemeingut angesehen und aufgelesen», bedauert der Landwirt.

Wein aus ProSpecieRara-Trauben

Auf dem Rütihof gedeiht ein Biberister Premier Cru. Im Jahr 1996 pflanzte Georg Begert nämlich für die Stiftung ProSpecieRara 64 verschiedene Traubensorten, um alte Rebsorten vor dem Aussterben zu bewahren. Schon damals liebäugelte er mit der Herstellung von Wein. 500 Flaschen ergibt das Keltern des Traubengemischs für den Eigenverbrauch und für Geschenke.

Auf der grossen Rossweide tummeln sich 12 Pensionspferde, die auf dem Hof mit Wasser und Heu versorgt werden. Alles andere erledigen die Besitzer. Die rund 50 Kaninchen werden dereinst zu Rollbraten, Würsten und Hamburgern verarbeitet. Denn am Mittagstisch finden sich täglich die Arbeitskräfte ein. Im Moment nehmen die Arbeiten mithilfe von Ehefrau Annette und Sohn Christoph rund 450 Stellenprozente in Anspruch, je nach Arbeitsanfall kommen weitere Personen dazu.

In Sachen Biodiversität hat sich Georg Begert schon früh engagiert. Den Ausschlag für seine biologischen Ausgleichsflächen samt Hochstammbäumen gaben seine Bienen. Die 50 Völker sollten geeignete Nahrung vorfinden. Das Umfeld reagierte unterschiedlich. «Der Begert hat zu viel Land, er kann Blümchen und Nussbäume pflanzen», wurde gemunkelt, und er erhielt den Übernamen «Öko-Freak». Nichtsdestotrotz hat er sich inzwischen für das Vernetzungsprogramm «Wasseramt West» starkgemacht. Dabei sollen die ökologischen Ausgleichsflächen – Rotations- und Buntbrachen sowie extensive Wiesen – gemeindeübergreifend miteinander verbunden werden. Dafür entrichtet der Bund gezielt mehr Direktzahlungen, verhängt aber zugleich grössere Auflagen. «Geld ist jedoch nicht der grosse Anreiz, sonst würden alle mitmachen», sagt Georg Begert. Dass sich der 57-Jährige als Präsident im Natur- und Vogelschutzverein Biberist und als Jäger für Hege und Pflege des Wildes engagiert, erstaunt nicht mehr.