Es ist immer wieder eindrücklich, wie der Fulenbacher Franz Anatol Wyss mit den Blei- oder Farbstiften neue Geschichten, Geschehen und Betrachtungen in Szene setzt. Selbst der viermonatige Aufenthalt im Gastatelier des Vereins Art Bellwald in Bellwald oder eine Diskussion mit einem befreundeten Pfarrer über das Thema Golgatha verwandelt sich in diesem Zeichnenmüssen zu vielschichtigem Bildgeschehen und bildnerischen Inszenierungen, die ihresgleichen suchen und unverrückbar, unverkennbar sind in der Bildsprache.

Bildsprache kann man bei dem 1940 geborenen Franz Anatol Wyss wörtlich verstehen. Seine Zeichnungen sind immer auch zeichenhafte Bild-in-Bild-Geschichten, die sich mit ihrem vertrauten Figuren-, Symbolik- und Motivrepertoire, den unverkennbaren Archetypen, den allgegenwärtigen Zitaten unerschöpflich wandeln und verwandeln. Ja, das Leben und seine entsprechenden Betrachtungen bieten Franz Anatol Wyss unendlichen Stoff, das Alltägliche und das Metaphorische in gegenseitig sich befruchtender Bewegung zu halten.

Vier Monate in Bellwald

Jetzt also Bellwald. Dort verbrachte Franz Anatol Wyss vier Monate vom November 2011 bis Februar 2012 in einem zum Atelier umgebauten alten Walliser Stadel. Und Bellwald, das heisst Wintersport, Snowboarder, Freestyler, Berge, Natur und Mensch, Unberührtheit und Action auf der Piste. In seinen Farbzeichnungen verwandelt sich das unmittelbar Erlebte und Gesehene, das Erdachte und Durchdachte zu spannungsvollen, Rebus-ähnlich verschlüsselten Metaphern und geheimnisvollen Szenarien. Mit den Farbstiften dicht an dicht geschichtet bis ins Malerische weicher Flächen und kompakter Motive, verschachtelt er frei nachempfundene Bergkulissen, Wintersportler (auch er selbst mit obligatem Hut) in mancherlei Aktion, seine allgegenwärtigen Bildsymbole wie die Häuser, oft ohne Fenster, Hausbruchfragmente, die blutroten Linien und Liniengeflechte, die bruchstückhaften Landschaftskulissen, die wiederkehrenden archetypischen Symbole in- und übereinander.

Hin und wieder rankt und blüht es, kreist der Adler, scheint es zu brennen, bewegt sich das Reale und Visionäre im labilen Gleichgewicht, in Form gebracht und zusammengehalten von einer unbändigen Lust am Zeichnen.

Golgatha ist komplexer

Sein Golgatha hingegen ist von stillerer, gleichwohl komplexerer Art. Mit einem fein wie dicht gesetzten Bleistift wirken die in grauen Nuancen gehaltenen schmalen Bildinhalte wie seine früheren Tiefdruckarbeiten. Aber auch sie sind nicht minder dicht bepackt mit allegorischen Mitteln und Motiven zwischen Vision und Hoffnung, Vergänglichkeit und Neubeginn, Licht und Schatten. Kreuze immer wieder, als Schatten, als Bildgeometrien, Winkel, angedeutete Pfeile, Häuser, Risse, zerbrechende Landschaftskulissen, Lebenslinien, -kreise und -geflechte, Urzeichen, die Feder, das Boot, der Kreis, immer wieder der Berg, Gefässe, Schalen, der Berg im Gefäss, Spiralen, Gebäude.

Ein unendliches Universum ineinander verschobener, überlagerter, sich reflektierender und steigernder Bildmysterien, die so rätselhaft scheinen, wie sie eigentlich einfach wahrzunehmen sind.

Bis 16. Dezember. Do und Fr 18–21 Uhr, Sa 15–18 Uhr, So 11–14 Uhr.