Gerlafingen

Filigrane Metallteile sind sein Ding

Beat Julius Müller nennt seine Kleinskulpturen «eine Spielerei».

Beat Julius Müller nennt seine Kleinskulpturen «eine Spielerei».

Auf dem Gelände des Gerlafinger Stahlwerks sind mehrere Ateliers untergebracht. Einer der dort arbeitenden Künstler ist Beat Julius Müller. Er stellt in seinem Atelier seit sieben Jahren kleine Metallskulpuren her.

Schon seit sieben Jahren betreibt Beat Julius Müller auf dem Von-Roll-Areal ein Atelier. Er ist nicht der einzige Künstler, der dort im Industrieareal in einem der vielen Gebäude einen Arbeitsort hat. Aber mit seinen kleinen Metallskulpturen, die in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erhalten haben, passt er bestens zum Stahl-Produktionsort. «Hier wird Metall in grossem Format hergestellt und ich arbeite mit kleinen Endprodukten.»

Er habe mal ein besonderes Teilchen in einem Container gefunden und wollte es nicht wegwerfen. «So hat es begonnen.» Die gefundenen, oder inzwischen auch geschenkten, kleinen Industrieteile bemalt er, platziert sie auf einem Sockel und verwandelt sie dermassen in eine Skulptur.

Kaum eines der Teile verrät seine eigentliche Funktion im industriellen Prozess. Einfach, unspektakulär sind die Skulpturen. «In diesen kleinen Metallteilen steckt viel Schweiss und Blut derjenigen, die diese herstellten. Oft stellte ein Arbeiter sein ganzes Leben lang solche Teile her. Und am Ende landen die unscheinbaren Teile im Container und werden eingeschmolzen.» Manche würden sagen, Beat Julius Müller ist ein Sozialromantiker. Wie auch immer, er schenke den kleinen Teilen einen neuen Sinn, mit seinem «Manifest filigraner Dinge», wie er es beschreibt. «Das ist meine Aussage dazu.»

Animierendes Stahlwerk

«Ist das nicht ein schönes Bild.» Durchs Fenster des im Parterre liegenden Ateliers sind promenierende Arbeiter in orangen Schutzanzügen zu sehen. Schwere Laster fahren wenige Meter vom Fenster entfernt durch, das Glas klirrt, der Boden zittert. Bei der Treppe der nahen Halle hält eine Raucherin Pause. Das laute Grollen der Stahl-Walzmaschine dringt ins Atelier. «Wenn sie mal abgeschaltet wird, fällt es auf.» Diese Arbeitssituation im Gerlafinger Stahlwerk treibe ihn vorwärts, sagt er. «7 mal 24 Stunden wird hier gearbeitet. Ich arbeite manchmal auch nachts hier, das ist fantastisch, hier ergeben sich wunderschöne Stimmungen.»

Vom kürzlich stattgefundenen Schlackenunfall auf dem grossen Gelände hat er nichts mitbekommen. Speziell besorgt ist er deswegen nicht. «Glück haben gehört zum Leben», sagt er. Als sei es selbstverständlich. Er ist nicht der Mensch, der über diese Welt jammert. «Nein, die Welt ist sicher nicht optimal, aber jeder muss doch darin seinen Platz finden mit dem, was er macht.»

Beim Blick hinaus sagt er dann trotzdem nachdenklich: «Wir haben eigentlich ein total verkehrtes System. Derjenige, der bei uns die Arbeit macht, der dafür sorgt, dass es uns gut geht, erhält wenig Anerkennung. Und derjenige, der im Büro hockt und irgendeine Entscheidung trifft, erhält einen kaum zu rechtfertigenden Lohn.» Die Industrieteile, die Ausgangsmaterial seiner Kleinskulpturen sind, behandelt er gleichwertig. Hunderte solcher Kleinskulpturen stehen im Gestell, entstanden in den letzten zehn Jahren. Am ersten Septemberwochenende sind einige davon an den Klein-Objekt-Tagen im Künstlerhaus Solothurn zu sehen.

Der Mensch prägt sein Schaffen

Dennoch nennt der 66-Jährige die Kleinobjekte «eine Spielerei». «Eine Abwechslung» zu seiner Hauptarbeit, der Malerei. «Entweder male ich oder ich mache Objekte, das ergänzt sich ideal.» Menschen findet man auf Beat Julius Müllers Bildern nicht. Das ist aber nur die eine Seite. «Ich male keine Menschen, aber der Mensch prägt das, was ich male.»

Zentral im Werk von Beat Julius Müller, der im Alltag immer das Gespräch mit Menschen, Freunden und Bekannten sucht, ist die Auseinandersetzung mit dem Raum. Früher malte er Bilder in Bildern. Das gleiche Bild nochmals verkleinert im Bild. Heute unterbrechen andersartige Strukturen bandförmig die gemalten Sujets.

Verstädterung der Landschaft

Die Inspiration für seine mit dem Raum spielenden Bilder holt er sich auch auf Wanderungen. Früher viel im Jura, aber nicht auf der ersten Bergkette. «Heute finde ich Flusswanderungen faszinierend, und zwar, wenn kein Blattwerk die Sicht verstellt, also im Winter.»

Grosse graue Bauten engen auf den Bildern die Idylle mit stilisiertem Wohnhaus, Feld, und Baum ein. Die Landschaft wird verstädtert. «Industrie bedrängt die heile Welt», sagt Müller. «Der Mensch hat bald keinen Einfluss mehr darauf, wie er leben kann.»

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