Eröffnungsfeier in Sotschi: Die Schweizer Equipe zog als sechstletzte ins Fischt-Stadion ein, Skispringer Simon Ammann schritt voran, seine Augen glänzten. Was kaum jemand wusste: Ammann war nicht der erste Schweizer, der in diesem Stadion stolz die heimische Fahne schwenkte und das Bad in der Menge genoss. Bereits drei Tage zuvor hatte ein junger Mann aus dem solothurnischen Heinrichswil die Atmosphäre aufgesogen.

Matthias Gerber führte bei der Generalprobe der Eröffnungsfeier vor 40 000 Zuschauern eine Statisten-Delegation ins Stadion. Nur wenige Bilder aus den Proben drangen nach aussen, bis zum Freitag wurde das Showprogramm wie ein Staatsgeheimnis gehütet. Gerber ist noch immer überwältigt. «Ein fantastisches Gefühl», erzählt der 18-Jährige dieser Zeitung am Telefon.

Sein Herz raste, die bunten Scheinwerfer pulsierten und die Bässe wummerten. «Ich wusste erst gar nicht recht, wo links und rechts ist», erinnert sich der Kantischüler.

Kost und Logis

Nun aber der Reihe nach. Wie wurde Gerber überhaupt zum Fahnenträger? Dank einer Mischung aus Zufall, Glück und Können. Er ist einer von 25 000 freiwilligen Helfern, der Volunteers, die sich in das Abenteuer Olympia stürzen. Viele sind Idealisten, die ihre Ferien opfern und zupacken, damit das Megafest überhaupt stattfinden kann.

Kost und Logis werden gestellt, Lohn gibt es keinen. Dafür den oft beschworenen olympischen Geist, der die Kulturen verbinden soll. Und das ist es auch, was Matthias Gerber nach Sotschi getrieben hat. «Stündlich lerne ich Menschen aus anderen Ländern kennen.» Erste Freundschaften habe er bereits geschlossen.

Für den Sohn einer Russin und eines Schweizers scheinen die Spiele in Sotschi ein Glücksfall: Er ist zweisprachig aufgewachsen und spricht fliessend Russisch, er kennt die Gegend am Schwarzen Meer und er besitzt auch einen russischen Pass – dieser kann im Kaukasus manche Tür öffnen.

«Versuchs doch, so eine Chance hast du nie mehr», hätten seine Eltern gesagt, als er mit der Idee spielte, sich als Volunteer für die Winterspiele zu bewerben. Gerber versuchte es – und musste geradezu ein Olympia-Casting durchlaufen: Fragenkataloge ausfüllen, ein Telefoninterview mit einem Mitarbeiter des Organisationskomitees führen und Sprachtests bestehen.

Dann bekam er eine Zusage und wurde der Schweizer Delegation als Assistent zugeteilt. Seit dem 24. Januar ist Gerber nun in Sotschi, als Erstes standen Schulungen an. Vor dem Abflug hat der Kantischüler noch rasch seine Maturarbeit fertiggestellt, vom Unterricht ist er dispensiert.

Mädchen für alles

Er sei so etwas wie ein Mädchen für alles, umschreibt Gerber seine Aufgaben. «Ich schaue, dass sich die Schweizer Sportler aufs Wesentliche konzentrieren können.» Er chauffiert die Athleten an die Wettkampforte, führt sie an den richtigen Platz und vor allem: Er geht dann zur Hand, wenn Russisch gefragt ist; wenn die Putzequipe im «House of Switzerland» nicht weiss, welches Zimmer sie reinigen muss; wenn dem Kellner im Restaurant ein Wunsch erklärt werden muss oder wenn es ein Formular auszufüllen gilt. «Gerade bei Sicherheitskontrollen ist Russisch ein Vorteil», erklärt Gerber.

Die Kontrollen seien vernünftig angesetzt, von einem Hochsicherheitstrakt dürfe keine Rede sein. Gerber meint lapidar: «Wir können uns frei bewegen.» Natürlich kennt er die ewig negativen Schlagzeilen von den «Chaos-Spielen» und dem harten Regime Putins. Ein wenig schmerzt ihn das schon: «Ständig die gleichen Vorurteile.» Die russische Seele beschreibt er als lebensfreudig, herzlich und, nun lacht Gerber, «gastfreundlich ohne Ende».

Matthias Gerber wohnt zusammen mit anderen Volunteers in einem Appartment in Krasnaja Poljana, wo die Schneedisziplinen ausgetragen werden. «Die Unterkunft ist wie ein Hotel», schwärmt Gerber, von verdreckten Zimmern keine Spur.

Es ist keine Floskel, wenn Gerber von «der tollsten Zeit meines Lebens» spricht. Der Heinrichswiler jagt von Höhepunkt zu Höhepunkt, am Freitag wies er Simon Ammann bei der offiziellen Eröffnungsfeier den Weg. Welche Wettkämpfe sich Gerber ansehen kann, weiss er noch nicht. Skispringen wäre schön, «wenns nicht klappt, ists nicht schlimm.» Er geniesse es auch einfach, mit seinen neuen Freunden aus aller Welt zusammen zu sein. Er weht also doch, der olympische Geist.