Als «durchzogen» umschreibt Lukas Stuber, operativer Chef der Stahl Gerlafingen AG, das Geschäftsjahr 2011. «Wir können damit nicht zufrieden sein.» Das tönt eher pessimistisch, trotz der teilweise positiven Zahlen für die Tochter der italienischen Stahlgruppe Beltrame.

So ist der Gesamtabsatz gegenüber dem Vorjahr immerhin um 10 Prozent auf 678000 Tonnen Stahl gestiegen. Der Umsatz erhöhte sich gar um 17 Prozent auf 454 Millionen Franken. Bereits hier macht Stuber aber eine Einschränkung. Um die Anlagen voll auslasten zu können, habe man 2011 noch Halbzeug für Schwesterwerke in Italien produziert. Auf vergleichbarer Basis – Bewehrungsstahl (Betonstahl und Matten) sowie Profilstahl (Stabstahl, Profile und Träger) – liege das Mengenwachstum nur leicht über 5 Prozent.

Trotz Verdoppelung ungenügend

Auf den ersten Blick sieht auch das operative Ergebnis gut aus. So hat sich der Betriebsgewinn vor Zinsen, Abschreibungen und Steuern (Ebitda) auf rund 20 Millionen Franken verdoppelt. «Das ist aber für einen kapitalintensiven Betrieb, wie wir es sind, zu wenig», schränkt Stuber ein und verweist auf die Ergebnisse im 2008, dem Jahr vor der Konjunktur- und Eurokrise und vor dem massiven Energiepreisanstieg. Damals erwirtschaftete das Werk bei einem Umsatz von 661 Millionen einen Ebitda von 99 Millionen Franken.

Damit leitet Stuber zu «den grossen Herausforderungen» über. Bei einem Exportanteil von insgesamt 40 Prozent drücke der schwache Euro massiv auf die Marge. Mit dem gegenwärtigen Wechselkurs werde es zunehmend schwieriger, einen genügenden Ertrag zu erwirtschaften.

Strompreis: Nicht konkurrenzfähig

Und mit den hiesigen Energiepreisen könne Gerlafingen mit den Schwesterwerken in Frankreich und Italien nach wie vor nicht mithalten. «Um dieselbe Menge Stahl wie in Gerlafingen zu produzieren, muss beispielsweise das italienische Werk heute 12 bis 15 Millionen Franken weniger für den Strom bezahlen«, erklärt Stuber. 2008 sei das Verhältnis gerade umgekehrt gewesen. Das Bundesgerichtsurteil, wonach Stahl Gerlafingen den Strom in der Grundversorgung zu Gestehungskosten beziehen kann, habe nicht voll zur erwarteten Preissenkung geführt.

Der Stromlieferant AEK verfüge über keine eigene Stromproduktion und müsse sich deshalb selbst auf dem freien Markt eindecken. «De facto beziehen wir also den Strom weiterhin nicht zu Gestehungskosten, sondern zu Marktpreisen.» So liege der Strompreis für Stahl Gerlafingen immer noch 20 Prozent über dem Niveau von 2008.

Hinzu komme, dass sich das Stahlwerk als Grossverbraucher nach dem zweiten Schritt der Strommarktliberalisierung 2015 definitiv im freien Markt eindecken müsse. Es gelte nun, sich dafür «fit zu machen» mit dem Ziel, die Kostennachteile auszugleichen.

Investitionen zurückgestellt

Zudem werde man weiterhin politischen Druck aufsetzen. Einerseits sollen energieintensive Betriebe von der KEV-Abgabe befreit werden. Im Gegenzug verpflichteten sich diese Firmen für Energieeffizienzmassnahmen. Zudem müsse ein Industriestromtarif eingeführt werden, welcher die Kostennachteile zu den ausländischen Mitbewerbern verringere.

Die entsprechenden Vorstösse im Parlament seien leider vorerst auf die lange Bank geschoben worden. «Gerlafingen ist der grösste Recyclingbetrieb der Schweiz, der jährlich über 800000 Tonnen Schrott zu Stahl verarbeitet», unterstreicht Stuber die Wichtigkeit, dass sich das Stahlwerk im internationalen Wettbewerb behaupten könne.

Direkt haben die schwierigen Bedingungen bereits Auswirkungen auf Gerlafingen. Zwar habe Beltrame 180 Millionen Franken in die neue Profilwalzstrasse investiert. Aber der Mutterkonzern habe nun, so Stuber, den für 2012 geplanten Bau einer neuen Stranggiessanlage (50 bis 80 Millionen Franken) zur Herstellung von speziellen Knüppeln zurückgestellt. Vorerst kein Thema mehr sei das Projekt zur Erneuerung der Anlagen zur Stahlherstellung.

Insgesamt sieht Stuber aber trotzdem nicht schwarz für den Standort Gerlafingen. «Innerhalb der Beltrame-Gruppe ist Gerlafingen nicht bestritten. Zurückgestellt wird vorerst nur der Weiterausbau.» Es gelte nun, die Integration in die italienische Stahlgruppe – sie ist europaweit Marktführerin im Bereich Stabstahl, Formstahl und Träger – weiter voranzutreiben.

Heute trage in Gerlafingen der Bereich Bewehrungsstahl 80 Prozent zum Umsatz bei, der Profilstahl 20 Prozent. Mittelfristig werde ein Verhältnis von 55 zu 45 Prozent angepeilt. Damit könne auch die Abhängigkeit von der Bauwirtschaft reduziert werden. Dazu wird die erwähnte Profilwalzstrasse beitragen, die es ermöglicht, das bisherige Produkteprogramm von Flach- und Breitflachstahl mit Profilen und Trägern zu erweitern.

Guter Start ins 2012

Erste Effekte erwartet Stuber im laufenden Jahr. Während im Bereich Baustahl mit einem Absatz auf Vorjahresniveau von rund 550000 Tonnen gerechnet wird, sei im Profilstahl eine deutliche Steigerung von 92000 auf 150000 Tonnen budgetiert. «Das Geschäftsjahr 2012 ist sehr gut angelaufen. Und Kurzarbeit oder Stellenabbau sind kein Thema.» Im Gegenteil. Der Personalbestand stieg 2011 von 528 auf 544 Angestellte. Hinzu kommen 37 Lernende. «Absatz- und beschäftigungsmässig ist die Lage gut, aber die Ertragsseite wird angespannt bleiben.»