Weissenstein-Schwinget

«Es wird schon viel Alkohol getrunken, aber hier macht niemand Theater»

Wer an ein Schwingfest geht, will nicht nur Sport sehen, sondern auch das Zusammensein geniessen.

Wer an ein Schwingfest geht, will nicht nur Sport sehen, sondern auch das Zusammensein geniessen.

Die Weissenstein-Schwinget auf 1200 Meter über Meer ist etwas Spezielles. Trotz Anzeichen von Kommerz bleibt das Bergschwingen aber bodenständig

Die ersten Sonnenstrahlen streifen das Dach des Kurhauses, der Morgentau glitzert in den Grashalmen neben dem Sennhaus. Es ist kurz vor 6 Uhr, und die Buben und Mädchen beginnen ihr Tagwerk. Mit vollen Händen strecken sie den Schwingfestbesuchern blaue Sitzmatten von Schenker («Die Wohlfühlstoren») und geblümte Schirmmützen von Migros («Heimatliebe») entgegen. Der Regenponcho (ebenfalls vom Storenhersteller) ist heuer weniger gefragt. Es sind die Kinder der Organisatoren, die so früh am Morgen aktiv sind.

Längst haben Sponsoren den kommerziellen Wert des Schwingens entdeckt. Athleten werden zu Popstars und umgekehrt, Firmenverträge und strikte Trainings führen dazu, dass manche «Böse» den Sport ihrem Brotjob vorziehen. Blättert man durch den Festführer des Weissenstein-Schwinget sieht man Matthias Sempach aufgebaut vor einem japanischen 4x4-Wagen, Sempach als Werbeträger einer Druckerei, Sempach als überzeugter Leser des «Schweizer Bauers». Der Schwingerkönig von Burgdorf und sein Vorgänger Kilian Wenger ziehen die Massen an. Gegen 4000 Besucher werden erwartet.

Friedlich, trotz reichlich Alkohol

Um 8.10 Uhr stehen dem Mann mit der orangen Weste auf über 1200 Meter über Meer Schweissperlen auf der Stirn. Mit der rechten Hand weist er die Autokarawane auf die Wiese, mit der Linken winkt er seinem Kollegen zu. «Der Parkplatz ist fast voll. Ich sehe schwarz.»

Noch bevor um 8.30 Uhr das erste Schulterblatt ins Sägemehl gedrückt wird, siehts vor der Tribüne aus wie nach einer rauschenden Sommernacht. Auf Festbänken und im Rasen stehen reihenweise Bügelflaschen Öufi-Bier, jede bis auf den letzten Tropfen geleert. «Es wird heiss heute, trinkt viel, am besten Wasser», ruft die Speakerin durch die Lautsprecher. Sechs Mittzwanziger stehen neben einem Podest und trinken lieber literweise Suure Moscht. Sie reden laut, es tönt bereits verwaschen.

Weiter hinten sitzt Eugen Cavegn mit Carrera-Sonnenbrille im Schatten eines Lastwagens. Er setzt die Bierflasche an den getrimmten Schnauz und nimmt einen Schluck. Seit 1964 geht der 70-Jährige an die Eidgenössischen, seit Jahren kommt er auf den Weissenstein. «Wegen der friedlichen Atmosphäre», sagt der Bündner Oberländer. «Hier gibt es nie Lämpen.» Es werde schon viel Alkohol getrunken. «Aber hier auf dem Berg macht niemand Theater.»

Kecke Slips und taillierte Hemden

Neben dem «Märithüsli» von Stefan Blatter vermischt sich der Duft von Sonnencreme und gebrannten Mandeln. Mamis sitzen unter einem gelben Sonnenschirm und schmieren Kleinkinder mit Daylong Schutzfaktor 50+ ein. Blatter verkauft Bauernhemden, seit einigen Jahren laufen auch Schwinger-Slips oder Bébé-Bodies mit Edelweissmusterung recht gut. Die früher gerade geschnittenen Damenhemden sind heute tailliert. Blatters Kleider werden in der Schweiz hergestellt, «keine Billigware aus Bangladesch». Er lobt die Organisatoren, die keine überrissenen Standpreise verlangten und Rücksicht nehmen auf die treuen Standbetreiber, die seit Jahren auf dem Berg kommen. «Man ist hier nicht nur aufs Geld aus.» Manchmal reiche es, wenn er statt der Standmiete ein paar Hemden zur Verfügung stelle. Noch nie sei er unzufrieden vom Weissenstein runtergegangen.

Auf einmal steht OK-Chef Michael Guldimann dabei. Fast will er den Schreibenden wegweisen. «Ich habe sie mit dem Schreibblock gesehen und gedacht, sie sammeln Unterschriften.» Zunehmend kämen Leute mit politischem Auftrag an Schwingfeste und hätten das Gefühl, dort seien eh nur SVP-Wähler präsent. Mit dabei hätten sie Unterschriftenbögen, etwa für die Ausschaffungsinitiative. «Aber wir sind neutral», sagt Guldimann.

«Es isch nümm wie früecher», sagt einer und zeigt auf die elektronischen Anzeigetafeln. Das Publikum wird jünger, die Tribünen grösser, es gibt drahtloses Internet, und bald gar eine Gondelbahn auf den Berg. Doch innerhalb und ausserhalb des Rings geben sich die Leute die Hand, man duzt sich, man kennt sich. Und selbst wenn die eine oder andere Zunge am Nachmittag etwas schläfrig geworden ist: Man redet miteinander.

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