Andreas Graf sitzt vor dem Fenster im dritten Stock und schaut hinaus. Hier oben kann er hinter den Hausdächern die Wipfel des Birchi-Waldes sehen. «Der Wald, das war deine Welt, gell», sagt Franziska Graf. Doch Andreas Graf antwortet nicht, sitzt nur regungslos da und schaut mit aufgerissenen Augen ins Grün. Er zieht Luft tief zur Nase ein, der Atem stockt, dann schiebt Franziska Graf den Rollstuhl vom Fenster weg. Andreas Graf kann kaum sprechen, nicht gehen und Gefühle nur schlecht ausdrücken.

Das Gehirn des 54-Jährigen ist seit einem Blitzschlag stark geschädigt. «Früher verging kaum ein Tag, an dem Andreas nicht in den Wald ging», sagt seine Frau. Er fuhr Velo, schwamm, trainierte im Kraftraum. Ein Bewegungsmensch, ein bodenständiger Emmentaler, ein Kraftpaket von 85 Kilo. «Eher floss die Emme aufwärts, als dass er an einem Tag nicht körperlich aktiv war.» Heute kann Andreas Graf seine Glieder nicht mehr steuern, die Muskeln sind geschwunden. Die Waage zeigt noch 63 Kilo an. Statt Arbeiterhosen trägt er nun einen Trainingsanzug. Einzig den Hut mit der Aufschrift «Stahl Gerlafingen» trägt Andreas Graf noch immer auf dem Kopf.

Ein Drama am Napf

Zwei Jahre sind vergangen seit dem folgenschweren Unfall. Es ist der Nachmittag des 10. Mai 2010, als Andreas Graf mit zwei Forstwart-Kollegen im Napfgebiet unterwegs ist, um junge Bäume zu pflanzen. Es nieselt, in der Ferne grollt der Donner. Die durstigen Waldarbeiter wollen bei einem Baum rasten und etwas trinken. «Wenn das Unwetter näher kommt, dann gehen wir», beschliessen sie. Sie wissen, welch wilde und unberechenbare Fratze die hügelige Gegend bei Wind und Regen zeigt.

Just in diesem Moment knallt es. Wie aus heiterem Himmel fährt ein Blitz von Himmel herunter, schlägt in einen Baum ein und trifft Andreas Graf. Auf der linken Körperseite zieht sich eine rote Schnur über die Hautoberfläche – die Spur von zigtausend Ampere Stromstärke. Beim Gürtel, wo der Blitz wieder aus dem Körper austritt, sind die Arbeiterhosen versengt.

Der Forstwart wird zu Boden geschleudert und bleibt liegen. Sofort alarmieren seine Kollegen die Rega. Inzwischen klatschen dicke Regentropfen herunter. Während die Forstwarte auf Hilfe warten, versuchen sie Andreas wiederzubeleben.

Nach 10 Minuten ist die Rettung im Anflug. Die Helfer von der Rega werden abgesetzt und beginnen, den leblosen Körper zu reanimieren. Nach weiteren 30 Minuten haben sie es endlich geschafft. Inzwischen donnert das Unwetter mit derartiger Kraft über den Napf, dass ein Landemanöver für den Helikopter, der inzwischen wieder in der Luft ist, unmöglich scheint. Doch nach dem dritten Versuch öffnet sich mitten im Sturm ein Loch, der Helikopter landet auf dem Unfallplatz in der Nähe des Hinterarni. Heute deutet Franziska Graf diese kurze, ruhige Wetterphase als Zeichen. «Es war einfach noch nicht an der Zeit, dass Andreas geht.»

Nach dem Blitzschlag und dem Herzstillstand wird Andreas Grafs Gehirn über eine halbe Stunde nicht mit Sauerstoff versorgt. Viele Nervenzellen sind zerstört. Zentrale Funktionen, die vom Gehirn gesteuert werden, kann Andreas Graf seitdem nicht mehr ausführen. Seine geistige Aufnahmefähigkeit jedoch hat weniger gelitten. Spricht man zu ihm, so versteht er alles.

Gibt es einen Weg zurück?

Heute lebt Andreas Graf in der Wohngruppe Ambassador des solothurnischen Zentrums Oberwald in Zuchwil, wo er therapiert wird. Die Aussicht auf eine vollständige Heilung ist jedoch gering. Denn anders als andere Körperzellen können tote Hirnzellen nicht mehr neu gebildet werden. Trotzdem: Dank gezielter Physio- und Ergotherapie können sich neue Vernetzungen zwischen den Zellen bilden, sogenannte Synapsen. Sie tragen dazu bei, dass der Patient wieder alltägliche Funktionen lernen und selbstbestimmter leben kann.

«Der Neubau beim Martinshofkreisel mitten in Zuchwil ist der ideale Standort, um die Bewohner besser in die Gesellschaft zu integrieren», sagt Enrico Meuli, der kürzlich ausgeschiedene «Oberwald»-Geschäftsleiter. Hier werden die Patienten mit Verkehr, Lärm und Alltagsgeräuschen konfrontiert, sie erhalten Ämtli, können kochen oder einfach auf dem Gemeinschaftsbalkon sitzen und dem Treiben auf der Strasse zuschauen.

Zwar können sie sich nach dem weitgehenden Verlust der Sprache untereinander nur schwer verständigen; mit Lauten, Klopfen oder Berührungen finden manche eine Möglichkeit, sich mitzuteilen. Letzte Woche hat Andreas Graf hier sein neues Zimmer bezogen, im dritten Stock, mit Aussicht auf den Birchi-Wald.

Alltag auf den Kopf gestellt

Nach dem Unfall im Mai 2010 lag Andreas Graf während zweier Wochen im Wachkoma auf der Intensivstation des Berner Inselspitals. Es folgten ein Nierenversagen und eine Lungenentzündung. Die Hirnströmungen funktionierten noch, doch die Impulse wurden vom Rückenmark nicht weitergeleitet. Schliesslich wurde er in die Rehab-Klinik nach Basel verlegt.

Für seine Frau und für den 14-jährigen Sohn Samuel war der Blitzschlag ein tiefer Einschnitt ins Leben. Tag und Nacht drehte sich alles um den fatalen Unfall und die ungewissen Folgen. Dennoch versuchten beide wieder im Alltag Fuss zu fassen. «Denn das Leben musste ja weitergehen, vor allem für Samuel», sagt Franziska Graf.

Regelmässig besuchte sie ihren Mann in der Klinik. Nach 13 Monaten konnte Andreas im Juni 2011 erstmals wieder nach Hause. Mittlerweile lebt er im «Ambassador» in Zuchwil. Doch Franziska Graf hatte Angst, der Herausforderung nicht gewachsen zu sein. Die intensive Betreuung raubte der 45-Jährigen nicht nur körperliche Kräfte, sondern lastete auch auf der Seele. So liebevoll sich Franziska Graf um ihren Mann kümmerte, so konnte sie doch kaum direkte Reaktionen von ihm erwarten. Immer wieder plagten sie starke Zweifel, ob die Langzeittherapie der richtige Weg ist.

Die finanziellen Grenzen

Existenzängste kamen auf. Die Behandlung im Wohnheim kostet monatlich 16000 Franken. Die Hälfte kann dank Renten von IV und SUVA und der Hilflosenentschädigung finanziert werden, die andere Hälfte deckt Franziska Graf mit einer einmaligen Abfindung der SUVA, von der sie vorläufig zehrt.

Ist das Geld aufgebraucht, bleibt der Gang zum bernischen Gesundheits- und Fürsorgeamt. Ihren Teilzeitjob in einer Mensa in Grenchen will Franziska Graf nicht aufgeben. Immerhin, so habe ihr das Sozialamt versichert, brauche sie das gemeinsame Haus nicht zu verkaufen.

Doch es zeigen sich auch immer wieder Hoffnungsschimmer. Als Franziska Graf ihrem Mann nach einer Phase der künstlichen Ernährung erstmals sein Lieblingsmenü Fleischvogel, Kartoffelstock und Bohnen auftischte, ass er den ganzen Teller auf. Es folgte der allererste Satz nach dem Unfall aus seinem Mund.

«Endlich wieder etwas Feines essen.» Rührend war auch der Moment, als Franziska Graf die Tür zu seinem Zimmer öffnete und Andreas seine Frau nach Wochen in dämmrigem Zustand wiedererkannte. «Da spitzte er den Mund, als ob er mir ein Müntschi geben wollte. Ich gab ihm eins und spürte, dass er mir eins zurückgibt. Da habe ich geweint vor Freude.»

Kleine Schritte

Es sind Lichtblicke wie diese, welche die Familie nach Rückschlägen und Sinnkrisen wieder vorwärtsschauen lassen. «Warum er, der immer allen geholfen hat?», frage sie sich manchmal. Abschliessende Antworten findet Franziska Graf nicht. Für Erheiterung sorgen die zahlreichen Fotos in Andreas Grafs Zimmer.

Sie zeigen Sohn Samuel auf dem Traktor, die gezüchteten Kaninchen zu Hause in Kirchberg und zahlreiche Holzschnitzereien wie Pilze, Sterne oder einen Adler, die der Forstwart mit seinem ehemaligen Arbeitsinstrument geschaffen hat. Mittlerweile schnitzt auch Samuel Skulpturen mit der Motorsäge. «Es ist seine Art, den Unfall zu verarbeiten», sagt Franziska Graf.

Ob Andreas Graf jemals wieder zu Hause leben kann, weiss niemand. «Er wird bei gewissen Bewegungsabläufen immer Hilfe brauchen», sagt Physiotherapeut Frank Dorst. Dreimal pro Woche animiert er Andreas Grafs Gelenke, oder er lässt ihn zum Beispiel eine Mineralwasserflasche öffnen, ein Glas eingiessen und es austrinken.

«Motorisch kann er viel machen», sagt Frank Dorst. Wenn die Konzentration stimmt, gelingt ihm vieles. Doch selbstständig aufstehen oder beim Sitzen den Rücken stabil halten, ohne umzukippen, ist heute noch unmöglich. Trotzdem: Ohne regelmässige Therapie würde das neu Gelernte wieder verschwinden.

Die Hoffnung bleibt

«Ich bin sehr dankbar, dass wir im Wohnheim Ambassador einen Platz gefunden haben», sagt Franziska Graf. Sie freut sich über jeden kleinen Fortschritt und jede Reaktion, sei es, wenn Andreas Sohn Samuel die Hände schüttelt und zur bestandenen Rollerprüfung gratuliert oder wenn die Familie gemeinsam einen Hornussermatch anschauen kann.

Nach der Physiotherapie beugt sich Franziska Graf zu ihrem Mann im Rollstuhl hinunter. «Jetzt gehts dir gut, gell Res?» Und plötzlich lacht er, nickt energisch und sagt Ja. Dann nimmt er den Kopf seiner Frau zwischen seine zitternden Handflächen und streichelt über ihre Wangen. «Es geht doch!», sagt sie. Jetzt strahlt Andreas übers ganze Gesicht.