Neues Theater Dornach

Es herrscht nicht gerade Bombenstimmung – Doch Marcus Signer glänzt mit seiner Bühnenpräsenz

(Archivbild)

Hat eine erstaunliche Bühnenpräsenz: Marcus Signer.

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Angespannte Stimmung, grossartiges Schauspiel: Das Neue Theater in Dornach zeigt Daniel Kehlmanns Bombenstück «Heilig Abend».

Der schicke Mantel scheint etwas zu gross für ihren Körper, ihr Lebensstil etwas zu luxuriös für ihre politische Haltung. Angeklagt wird die Philosophieprofessorin (Emanuela von Frankenberg), die sich gegen Unterdrückung einsetzt, aber nicht wegen ihrer Doppelmoral, sondern für das Planen eines Bombenattentats. Und das ausgerechnet an Heiligabend, von einem Polizisten (Marcus Signer), der diesen Abend auch lieber daheim verbracht hätte. Wo ist die Bombe?, fragt er. Es gibt keine Bombe, sagt sie. Die Stimmung ist angespannt, die Zeit tickt.

Kein Ort für Weihnachtsgefühle

Eine grosse, digitale Uhr wird auf die hängende Projektionsfläche projiziert. Ähnlich wie in einer Box-Arena sitzen sich die Zuschauer auf zwei Seiten der quadratischen Plexiglasbühne gegenüber. Das darunter liegende Metallgerüst, eine Mischung aus Schachbrett und Gefängnisstangen, wirkt kühl und unheimlich. Kein Ort für Weihnachtsgefühle. Der einzige weihnachtliche Gegenstand, eine rote Nikolausmütze, wird ausgerechnet dazu verwendet werden, aus der Verhörten ein Geständnis zu erpressen.

Kehlmanns Stück ist, wie viele seiner Texte, leichtfüssig postmodern. So macht er sich beispielsweise in der Figur des Polizisten über das Fach Philosophie lustig («Wenn ein Baum fällt und keiner sieht es, fällt er dann trotzdem?»). Gleichzeitig ist das Stück selber ausgesprochen philosophisch. In welchem Verhältnis stehen Gedanken und Tat? In welcher Gesellschaft leben wir, wenn der grösste Traum der Menschheit ist, einen möglichst flachen Computer zu besitzen? Dient die Empörungspolitik über Attentate dem Vertuschen anderer, weit schlimmerer Verbrechen? Und, im Bezug auf die befürchtete Bombe um Mitternacht: Gibt es eine legitime Form der Gewalt?

Signer und von Frankenberg verhandeln diese Fragen absolut meisterhaft, indem sie ihre Rollen immer mal wieder tauschen: Verhörer gegen Verhörte, Verhörerin gegen Verhörten.

Stupende Bühnenpräsenz

Dass man als Fan der SRF-Serie «Wilder» keine Sekunde Marcus Signers Figur Kägi in diesem Polizisten sieht, liegt nicht etwa daran, dass dieser kein Berndeutsch spricht. Es liegt an Signers Talent, aus einem Typus ein Individuum zu schaffen. Und was weder der «Goalie» noch «Wilder» gezeigt haben: Dieser Mann hat eine stupende Bühnenpräsenz. Eine Präsenz, die in diesem Stück nur im Pas de deux funktioniert. Gekonnt bietet von Frankenbergs Philosophin dem Polizisten Paroli und gewinnt mit jeder Minute an Rätselhaftigkeit.

Einzig am Anfang des Stückes hätte man sich, was die Subtilität des Spiels betrifft, vielleicht etwas mehr Kafka gewünscht. Der Dialog könnte leiser beginnen, die Angeklagte könnte unschuldiger, die Situation absurder wirken.

Etwas überraschend wirkt an diesem Samstagabend die gebannte Stille im Publikum – selbst köstliche Pointen ziehen un-belacht vorbei. Bombenstimmung klingt anders. Man sagt, es gäbe auch die Möglichkeit, gegen innen zu lachen. Der lange Applaus immerhin richtet sich gegen aussen, und zwar tosend.

«Heilig Abend» von Daniel Kehlmann, inszeniert von Georg Darvas. Nächste Vorstellungen: 8. März, 9. März, 10. März, 19:30 Uhr. Neues Theater Dornach.

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