125 Jahre Gemeinnütziger Frauenverein
«Es braucht die freiwillige Frauenarbeit»

Die Frauenvereine sind überaltert. Um weiter zu bestehen, müssen sie sich den heutigen Gesellschaftstendenzen anpassen. Wie das geschehen soll, sagt SGF-Zentralpräsidentin ad interim Priska Stalder (56) aus Lohn-Ammannsegg.

Fränzi Rütti-Saner
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Priska Stalder ist seit fast zwei Jahren «höchste Freiwilligen-Arbeiterin». Sie ist Präsidentin des Dachverbandes SGF. frb

Priska Stalder ist seit fast zwei Jahren «höchste Freiwilligen-Arbeiterin». Sie ist Präsidentin des Dachverbandes SGF. frb

Priska Stalder, Freiwilligkeit, Gemeinnützigkeit – sind das Schlagworte, die heutzutage noch jemanden, insbesondere Frauen, zum Mitmachen und Handeln bewegen?

Priska Stalder: Unter unserem Dachverband Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen sind in über 250 Sektionen und in sieben Kantonalverbänden insgesamt rund 60 000 Frauen aktiv. Die Frauen- vereine bewegen also immer noch. Allerdings: Wir sind überaltert. Das durchschnittliche Alter unserer Mitglieder ist über 60. Das möchten wir ändern.

Wieso diese «Überalterung»?

Das hat sicher zu einem grossen Teil gesellschaftliche Gründe. In den Achtzigerjahren hatten wir über 84 000 Mitglieder. Nun müssen wir stetig Auflösungen oder Austritte von Frauenvereinen zur Kenntnis nehmen. Einerseits wegen der Überalterung, andererseits wurden ihre Aufgaben – auch aus Kostengründen – vom Gemeinwesen übernommen. Um diesen Trend zu stoppen, müssen die Frauenvereine es schaffen, zeitgemässe, niederschwellige Angebote für junge Frauen, Mütter, Väter, also auch Eltern, zu bieten.

Zum Beispiel?

Ein grosses gesellschaftliches Thema ist heute die Integration fremder Kulturen. Hier können die Frauenvereine vermehrt tätig werden. Indem man beispielsweise die tamilische Familie zum Kochen ihrer traditionellen Rezepte einlädt und daraus ein «Begegnungsfest» macht.

Die Frauenvereine hatten ja schon vor über 100 Jahren gesellschaftliche Probleme ins Zentrum ihrer Arbeit gestellt.

Unseren Vorgängerinnen war die Frauen- und Mädchenbildung damals ein Hauptanliegen. Heute ist die Angebotspalette unserer Frauenvereine ungeheuer vielseitig. Es geht vom Mahlzeitendienst bis zum Babysitterkurs.

Wie wollen Sie es schaffen, mehr und vor allem auch jüngere Frauen zum Mitmachen in ihren Reihen zu bewegen?

Neustrukturierung, Neuausrichtung – das sind die Hauptzielsetzungen des Dachverbandes unter meiner Leitung. Wir müssen unsere Sektionen davon überzeugen, dass wir nur mit innovativen und modernen Ideen in Zukunft weiter bestehen können. Wir müssen auf die jüngere Generation zugehen und sie direkt ansprechen.

Viele Frauenvereine bieten ja eher ein Seniorenprogramm an.

Das muss sich zum Teil ändern. Die Frauen müssen sich bewusst sein, dass ihr Verein wie ein kleines KMU geführt werden muss. Angebot und Nachfrage müssen stimmen.

Liegt denn nicht genau daran auch die Schwierigkeit ihres Dachverbandes, dass die vielen Frauenvereine in der Schweiz so unterschiedlich ausgerichtet sind?

Das stimmt und das ist uns bewusst. Bisher war es so, dass die Frauen an der Basis oftmals gar nicht so recht wussten, was ihnen der Dachverband bringen kann. Man arbeitete in seinem Dorf, in seiner Stadt, in klaren, hergebrachten Strukturen. Die Frauen müssen sich öffnen. Dazu gehört auch das Bewusstsein darüber, was Ihnen ein Dachverband bringen kann. Insbesondere, welche Informationen ihnen durch den Dachverband zugänglich sind.

Um die Mitarbeit mit der Basis zu verbessern, hat der Dachverband kürzlich auch das so genannte «Zukunftslabor» durchgeführt.

Das war ein mehrtägiges Seminar, in welchem die Mitglieder künftige Anforderungen und Aufgaben erarbeiten konnten. Leider nahmen von den über 60 000 Frauen nur insgesamt 30 dieses Angebot wahr. Dennoch wurden dabei wichtige Erkenntnisse gewonnen, in welche Richtung unsere Arbeit künftig gehen sollte. Ein Resultat davon war die Errichtung eines SGF-Preises; dieser wird an unserer GV am Mittwoch zum ersten Mal verliehen. Ein anderes ist ein Merkheft für die Frauenvereine, in welchem ihnen Schritt für Schritt aufgezeigt wird, wie ein neues Angebot lanciert werden kann.

Wie wichtig ist die freiwillige und gemeinnützige Arbeit denn heute noch?

Es ist doch eine schöne und befriedigende Sache, wenn man der Gemeinschaft einen Dienst erweisen kann, der einem selbst nicht schwerfällt. Ich bin aber klar dafür, dass qualifizierte Arbeit bezahlt werden soll. Häufig sind das ganz einfache Tätigkeiten, für die es sich dann lohnt, sich freiwillig und unentgeltlich einzusetzen. Unsere Gesellschaft funktioniert nur so. Es braucht die Freiwilligenarbeit. Zudem kann so der Gesellschaft und dem Staat auch etwas zurückgegeben werden, vor allem, wenn es einem gut geht. Vielleicht profitierte man einmal vom Staat, der eine Ausbildung zum Teil finanzierte. Ich finde es wichtig und befriedigend, eine solche eine Aufgabe – von Mensch zu Mensch – zu übernehmen.

Sie wurden 2004 in den Dachverband gewählt und sind aber immer noch beim gemeinnützigen Frauenverein Sektion Solothurn aktiv mit dabei.

Ja. Ich brauche die Arbeit «an der Basis». Ich will die Fragestellungen und Probleme kennen, mit denen man sich heute in den Frauenvereinen beschäftigt. Zudem möchte ich den Frauen von Solothurn ein Kränzchen winden. Für mich ist dieser Gemeinnützige Frauenverein ein Vorzeigeverein, wie heute eine gemeinnützige Institution geführt werden soll.

Sie stellen sich an der kommenden Generalversammlung für sicher ein Jahr als Zentralpräsidentin zur Verfügung?

Ja. Ich hatte das Amt jetzt fast zwei Jahre ad interim inne. Nun möchte ich diese Arbeit weiterführen.

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