Lüsslingen
Ernst Hürlimann: «Hier kann man noch etwas bewirken»

Ernst Hürlimann hat das Dorf 28 Jahre als «stiller Schaffer» geführt. Von seinen in dieser Zeit gemachten 420 Anträgen an der Gemeindeversammlung wurde kein einziger abgelehnt. Nun geht er in Pension.

Christof Ramser
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Einer, der zuhören kann, aber falls nötig auch mal Klartext spricht: Ernst Hürlimann.Hanspeter Bärtschi

Einer, der zuhören kann, aber falls nötig auch mal Klartext spricht: Ernst Hürlimann.Hanspeter Bärtschi

Ernst Hürlimann, Sie sind in Zuchwil aufgewachsen und haben nun 28 Jahre die Politik in Lüsslingen geprägt. In welcher Gemeinde sind Sie daheim?

Ernst Hürlimann: Spätestens im Zuge der Fusion und nun nach meiner Pensionierung musste ich merken, dass ich im Herzen ein Lüsslinger geworden bin.

Und die Dorfbewohner haben Sie inzwischen akzeptiert?

Zur Person

Ernst Hürlimann, 64, zügelte 1980 von Zuchwil nach Lüsslingen und ist rasch in die Gemeindepolitik eingestiegen. Acht Jahre amtete das FDP-Mitglied als Gemeinderat, danach 20 Jahre als Gemeindepräsident. Ende Jahr hängt er das Amt des Ammanns nun an den Nagel - rechtzeitig zur Fusion mit Nennigkofen. Hürlimann ist ausgebildeter Ingenieur und Berufsschullehrer und leitete als Direktor seit 2004 das Berufsbildungszentrum Solothurn-Grenchen BBZ. Vergangenen August wurde er pensioniert. Hürlimann ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und vier Grosskinder. In der Freizeit ist er oft auf dem Rennvelo und dem Mountainbike unterwegs, wandert gerne und liest «Romane, Fachberichte, aber auch anspruchsvollere Literatur». (crs)

Das ging sehr schnell. Ich wurde von der Bevölkerung von Anfang an gut aufgenommen. Die Lüsslinger haben mir stets grosses Vertrauen entgegengebracht. Das hat mich doch auch erstaunt. Dass ich nicht im Dorf aufgewachsen bin, war sogar ein Vorteil: Ich war unbefangen und nicht belastet durch alte Geschichten. Allerdings konnte ich wegen der grossen beruflichen Auslastung nie in einem Verein mitmachen.

Die Vereine waren Ihnen aber nicht böse deswegen?

Nein, dafür hat man Verständnis aufgebracht. Die Leute haben mir in meinem Amt den Rücken gestärkt. Ich glaube, hier in Lüsslingen leben gute Leute; fair, anständig und korrekt.

Sie waren langjähriger leitender Direktor des BBZ Solothurn-Grenchen. Woher nahmen Sie die Energie für das Engagement im Dorf?

Das fragte ich mich manchmal auch. Gerade in schwierigen Situationen, in denen ich persönlich angegriffen wurde, habe ich mein Amt auch hinterfragt. Zudem mussten meine Kinder auf einiges verzichten. Aber das Positive hat stets überwogen. Das zeigte sich auch in der Unterstützung durch die Ratskollegen und die Kommissionen. Sehr wichtig war die Unterstützung durch meine Familie. Ein wesentlicher Faktor ist zudem, dass wir nie Parteipolitik betrieben haben.

Die Parteien spielten keine Rolle?

Eigentlich nicht. Zwar waren FDP und SP die tragenden Parteien, aber wir haben im Rat stets Sachpolitik betrieben.

Hatten Sie nie Machtgelüste?

Nein, denn ich pflegte stets einen partizipativen Führungsstil, wo man gemeinsam Lösungen erarbeitet. Eine besondere Fähigkeit von mir ist, dass ich zuhören kann. Ich habe gelernt, den Standpunkt anderer zu verstehen und einen Konsens zu suchen. In meiner gesamten Amtszeit wurde kein einziger meiner Anträge abgelehnt.

Das tönt beinahe unglaublich.

Aber es stimmt. Von rund 420 Anträgen an den Gemeindeversammlungen wurde sämtlichen zugestimmt. Das ist aber nicht allein mein Verdienst. Jeder hat stets zu den bestmöglichen Lösungen beigetragen. Ich lege viel Wert auf Partizipation. Ich bin übrigens auch der Meinung, dass sich in einem Dorf jeder einmal für das Gemeindewesen einsetzen sollte. Denn hier kann man wirklich etwas bewirken.

Der Einsatz für die gemeinsame Sache scheint aber abzunehmen.

Es scheint so. Das ist schlecht für das politische System in der Schweiz. Wir müssen Sorge tragen zu unserer einzigartigen Demokratie, und das bedingt Engagement. Ich hoffe für die Zukunft, dass sich die jungen Leute wieder vermehrt in der Politik und zum Wohl der Gemeinde einsetzen. Was Lüsslingen-Nennigkofen anbelangt, sieht es gut aus: Wir haben mehrere jüngere Mitglieder im Gemeinderat.

Sie haben in 28 Jahren Gemeindepolitik bestimmt nicht nur Erfreuliches erlebt.

Darüber spreche ich eigentlich nicht gerne, aber natürlich gab es nicht nur schöne Zeiten. Schlimm waren die persönlichen Angriffe. Das ging sogar bis zu einer Morddrohung. So etwas kann die Gesundheit strapazieren. Aber das muss man als Gemeindepräsident erdulden. Zu schaffen machte mir auch, dass viele Leute nur noch auf ihre eigenen Angelegenheiten fokussieren und sich nicht um links und rechts scheren. Diese Tendenz stelle ich zunehmend fest.

Ein Beispiel?

Etwa, wenn jemand auf einem neu erschlossenen Gebiet ein Haus baut und sich nicht um Gesetze wie Anschlussgebühren und Perimeterbeiträge kümmert. Diese Regelungen sind klar, aber manche Menschen operieren dann nur noch in ihren Gärtchen. Viele wollen zunehmend nur noch stur ihr Eigeninteresse mit aller Gewalt durchdrücken. Das Gemeinwohl interessiert sie nicht. Normen, Werte und der anständige Umgang zählen dann plötzlich nicht mehr.

Sie haben über die unschönen Seiten im persönlichen Umgang gesprochen. Was stört sie an der Politik?

Ein Unding ist der ausufernde Sozialbereich. Dort ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Die Sozialregionen sind für mich fragwürdig. In Lüsslingen haben sich die Kosten mehr als verdoppelt. Ich erhielt hohe Rechnungen für Sozialhilfefälle, in die ich keinen Einblick mehr hatte. Ich konnte nur noch visieren. Anders war es, als die Betreuung noch im Dorf war: Man entdeckte, wenn Unfug betrieben wurde.

Andererseits ist nun die Anonymität gewährleistet und die Fälle werden professionell betreut.

Es stimmt, die Professionalität wurde teilweise erhöht. Aber die ausgebaute Verwaltung zieht auch mehr Kosten nach sich. Und zur Anonymität: Die galt auch vorher, denn die Sozialhilfekommission war der Schweigepflicht unterstellt. Ich denke, dass die Kosten im Sozialwesen in einigen Jahren die Bildungsausgaben übersteigen werden.

Wie war Ihr Verhältnis zum Bezirk?

Die ist schon etwas speziell, denn als Aaretaler gehören wir geografisch nicht zum Bucheggberg. Wir waren oft vom Geschehen abgekoppelt, etwa bei der Zusammenlegung der Schulkreise. Auch bei anderen Bereichen wie dem Bevölkerungsschutz oder in Sachen Kultur sind wir nach Solothurn ausgerichtet. Tatsache ist zudem, dass unsere Senioren oft nicht nach Lüterswil, sondern nach Lohn-Ammannsegg ins Altersheim gehen.

Die Lüsslinger als Exoten im Bucheggberg?

Damit wir uns richtig verstehen: Wir sind Bucheggberger, und wir sind auch stolz darauf. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass mich die Kolleginnen und Kollegen an der Bucheggberger Ammännerkonferenz manchmal als Exoten betrachtet haben. Zudem bin ich eher eine stille Person und spreche nicht so viel. Meine Sache ist es eher, zuzuhören und zu überlegen. Wenn es zu nichts beiträgt, ist es manchmal besser, zu schweigen, als zu reden. Das heisst nicht, dass ich wenn nötig nicht auch Klartext sprechen kann.

Wurde es Ihnen in den 28 Jahren eigentlich nie langweilig?

Auf keinen Fall. Es gab zwar Geschäfte, die sich wiederholten, aber sie hatten stets andere Schwerpunkte. Und bei den Alltagsgeschäften kam mir die zunehmende Erfahrung zugute.

Was bleibt Ihnen in besonders schöner Erinnerung?

Ich denke, dass ich die Gemeinde in meiner Amtszeit positiv prägen konnte. Höhepunkte war etwa die 750-Jahr-Feier unseres Dorfes 2001, der Bau der Pfarrschür, das Buch über die Dorfgeschichte oder der Umbau des Schulhauses. Und positiv waren auch die Beziehungen zu den Vereinen, zum Gewerbe und zur Industrie. Auch wenn wir nicht immer gleicher Meinung waren.

Welche Ereignisse gingen Ihnen persönlich nahe?

Als die letzte Gemeindeversammlung aufgestanden ist und geklatscht hat, war das emotional. Ich habe ja auch Gefühle, so etwas kann einen schon überwältigen. Nahe ging mir auch, wenn mir Menschen auf der Seniorenfahrt erzählten, dass dies ihre einzige Reise im ganzen Jahr sei. Man glaubt es kaum, aber so etwas gibt es auch heute noch. Schön fand ich, dass ich stets einen guten Umgang pflegen konnte. Ich habe immer versucht, ehrlich, fair und korrekt zu sein. Und ich kann jeden Morgen mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen.

Nun fusioniert Lüsslingen mit Nennigkofen. Sie waren stets ein Befürworter. Ein guter Abschluss für Sie?

Sicherlich. Ich wünsche und hoffe, dass es gut kommt mit der Fusion. Ich weiss zwar, dass nicht alle glücklich über den Zusammenschluss sind. Ein Lüsslinger bleibt halt ein Lüsslinger, das ist einfach so. Aber ich bin überzeugt: Irgendwann wird die Fusion zur Selbstverständlichkeit.

Freuen Sie sich schon auf Ihre erste Gemeindeversammlung auf der anderen Seite?

Ich werde nicht mehr an die Gemeindeversammlungen gehen. Jedenfalls vorläufig nicht. Ich denke, damit zeige ich auch ein Stück weit Fairness gegenüber meinen Nachfolgern.

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