Seewen
Erinnerungen an Jukebox: So hörte man Musik, als es den iPod noch nicht gab

In einer Sonderausstellung im Museum für Musikautomaten in Seewen lassen Jukeboxes Hits aus vergangenen Jahrzehnten erklingen und in Erinnerung schwelgen.

Hansruedi Aeschbacher
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Jukebox
6 Bilder
Ein Mills Empress (USA).
Futuristisch der Tonomat Panoramic 200 (D).
Blick ins Innere: Die Plattenwechseleinheit einer Rock Ola aus den 70er-Jahren.
Fast wie ein Chevrolet ist der Seeburg KD200 (USA).
Eine Jukebox im Art-déco-Stil: Die Wurlitzer 1015 «One more Time» (USA).

Jukebox

Hansruedi Aeschbacher

«The Golden Age of the Jukebox», so heisst die neue, fast ein Jahr dauernde Sonderausstellung des Museums für Musikautomaten in Seewen, die mit ausgewählten Exemplaren die Geschichte der Musikautomaten des 20. Jahrhunderts zeigt. Ausgestellt sind Musikboxen der grossen amerikanischen Hersteller wie Wurlitzer, Rock Ola, Seeburg und AMI, einige deutsche Modelle und sogar solche aus Schweizer Produktion, insbesondere aus Herzogenbuchsee.

«Die Ausstellung ist für mich eine Reise in die eigene Vergangenheit», sagte Regierungsrat Remo Ankli an der Vernissage vor wenigen Tagen. Ältere Semester erinnern sich: Es gab mal eine Zeit, da konnte man noch ohne ständige Musikberieselung einkaufen, im Restaurant essen, im Wartezimmer warten, und selbst auf dem stillen Örtchen war es still. Ende der 50er- und bis in die 80er-Jahre hinein gab es aber auch eine Zeit, da stand mitten in der Dorf- oder Quartierbeiz eine kommodenartige Maschine, meist farbig beleuchtet, mit Holz- und Chromverzierungen bestückt, vielen Wähltasten und grossen Lautsprechern: die Musikbox. Nach einem Münzeinwurf spielte sie den gewählten Musiktitel, und dies – je nach Musikgeschmack – zur Freude oder zum Ärger der anwesenden Gäste.

Duell der Stammgäste

Geschäftstüchtige Wirte füllten die Musikboxen nach den verschiedenen musikalischen Vorlieben ihrer Stammgäste. Die Senioren des örtlichen Fussballclubs spielten andere Songs ab als die Frauen des Turnvereins und diese wiederum andere als der Jodlerclub. Wenn dann noch die Töfflibuebe-Gang aufkreuzte, lief die Musikbox auf Hochtouren. Die Stammgäste lieferten sich Duelle um die musikalische Vorherrschaft in der Beiz. Jodelte der Franzl Lang sein «Kufsteinerlied» aus den Lautsprechern oder sangen die Bossbuebe ihr «Träumli», waren sicher die Männer vom Jodlerklub am Drücker. Deren Selektion wurde sofort von den Töfflibuebe mit Jimi Hendrix’ E-Gitarrengewitter oder den Rolling Stones «überdrückt». Wenn dann die Frauen vom Turnverein Roy Blacks «Ganz in Weiss» mitsummten oder noch schlimmer zusammen mit den Fussballsenioren zu «Monja» mitsangen, verzogen sich die Jodler stirnrunzelnd nach Hause. Für den Rest des Abends schluckte die Jukebox nur noch die Ein- und Zweifränkler der Töfflibuebe. Die Kasse klingelte und der Beizer rieb sich zu «Satisfaction» zufrieden die Hände.

Die erste nach heutigem Verständnis gebaute Jukebox stammt aus dem Jahr 1906 und nannte sich «Automatic Entertainer». Der Automat spielte gegen Münzeinwurf zwölf verschiedene Schellackplatten ab. Die eigentliche Blütezeit der offiziell als «Coin-Operatet Phonographs» bezeichneten Geräte begann aber erst in den 30er-Jahren in den USA. Zu Beginn der 40er-Jahre bauten amerikanische Firmen wie Wurlitzer, Seeburg, AMI oder Rock Ola Plattenwechsler-Automaten für das öffentliche Abspielen von Musik und verhalfen den nun mehr Jukebox genannten Automaten zu ungeahnter Popularität. Zuerst noch mit Schellackplatten betrieben, erlebten die Jukeboxes mit der Einführung der 45er-Singleschallplatte 1950 in Amerika ihren grossen Aufschwung. Durch in Deutschland stationierte amerikanische GIs gelangte die Jukebox auch nach Europa und wurde mit den Hits von Elvis Presley, Chuck Berry oder Bill Haley auch bei uns populär.

Schweizer Designer

Eine der bis heute populärsten und in Sammlerkreisen heiss begehrten Jukeboxes, das Modell 1015 «One more Time» von Wurlitzer, trägt die Handschrift eines Schweizers. Der geniale Möbelschreiner Paul Fuller, aufgewachsen in Interlaken, war ab 1934 für das Design von Wurlitzer verantwortlich und prägte nachhaltig das «Golden Age of the Jukebox». Er entwarf farbenprächtige chrombeschlagene Musikmöbel im Art-déco-Stil mit ständig ändernden farbigen Lichteffekten und ununterbrochen in Glasröhren aufsteigenden Gasblasen. Ziel war es, die Aufmerksamkeit des Gastes auch dann auf die Jukebox zu lenken, wenn sie nicht spielte, um so den Einwurf einer Münze zu provozieren. Alle bedeutenden US-Hersteller benutzten für ihre in den 40er-Jahren gebauten Musikboxen grossflächige Verkleidungsteile aus farbigen Kunstharzteilen und Leuchtstoffröhren.

Paul Fuller war auch der Erste, der Stilelemente aus dem Auto- und Flugzeugbau für die Jukeboxes verwendete und das «Silver Age of the Jukebox» einläutete. Nach den Weltkriegswirren ab 1950 ähnelten die Musikboxen den Kühlerfronten von amerikanischen Strassenkreuzern oder wurden mit stilisierten Heckflossen und Panorama-Scheiben gestaltet. Die meisten Musikboxen aus den 50er-Jahren haben etwas gemeinsam: ihre sichtbare Plattenwechslermechanik. Die Modelle aus dieser Zeitepoche zählen in Sammlerkreisen heute zu den begehrtesten.

1953 wurden von der Firma Holenweg in Herzogenbuchsee die ersten Schweizer Jukeboxes gebaut. Rund einhundert Exemplare des «Music Boy» verliessen während der nächsten drei Jahre die Werkstatt im Oberaargau. Zum Vergleich: 750 000 Musikboxen verkaufte die Firma Wurlitzer, musste aber 1974 dennoch die Produktion einstellen. Die deutsche Wurlitzer baut seit 1987 das legendäre Modell 1015 von 1946 für CDs wieder nach. Das nostalgische Design wird auch von den anderen Firmen wie Rock Ola, Seeburg und AMI weiter verwendet. Den Charakter und Charme der originalen Jukeboxes können sie trotz modernster Technik nicht ersetzen.