Im Osten Gerlafingen, im Westen Biberist – hier verlässt die Emme ihre Berner Heimat und greift für die letzten rund sechs Kilometer, bevor sie in die Aare mündet, auf Solothurner Gebiet über. Begleiten wir also den aus seinem Tal herausgetretenen Fluss linksufrig bis zu jener Stelle bei Zuchwil westlich von Solothurn, wo er mit seiner grösseren Verwandten, der Aare, zusammenfliesst und dabei sein Ende als Emme findet.

Beruht es auf blosser Einbildung des eingefleischten Emmentalers, oder ist es tatsächlich so, dass die Emme im topfebenen Land nicht mehr dieselbe Kraft verströmt wie weiter oben im Emmental, wo sie zwischen saftig-grünen Hügeln und dunklen Wäldern einherrauscht? Hier, in der Ebene, wirkt der Fluss eher blässlich, ungewohnt schmal und zaghaft in seinem Lauf.

Dafür gedeiht die Vegetation umso üppiger: Im Schachenwald am Flussufer verschmelzen die wuchernden Ranken von Waldrebe und Efeu mit den Blättern von Esche, Ulme, Hasel, Hartriegel und Geissblatt zu einem derart dichten Vegetationstunnel, dass man sich an diesem heissen Sommertag zeitweilig fast im tropischen Regenwald wähnt.

Verlorene Unschuld

Nein, ein emmentalischer Wind weht hier nicht, weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn. Stattdessen machen sich erste Vorboten der urbanen Agglomeration Solothurn bemerkbar: Der Partymüll auf den Ufersteinen und Sandbänken mehrt sich, die Betonbrücken werden zu undergroundigen Kunstobjekten, über und über besprayt mit Graffiti von sichtlich geübter Hand.

Jemand hat am Strand die halbe Ausstattung der 1. August-Party liegen gelassen, auf dass das nächste Hochwasser sein reinigendes Werk tue, und auch sonst ist die Emme auf diesem Abschnitt längst kein unberührter und sauberer Bergbach mehr, sondern ein vielfach von den Abwässern der Zivilisation verschmutzter und in den Reinigungsanlagen auch wieder entschmutzter Fluss, eine Art Recyclingprodukt also, dem man die verlorene Unschuld durchaus anzumerken glaubt.

Bei Zuchwil kommt die allerletzte Eisenbahn- und dicht dahinter die letzte Autobrücke über die Emme in Sicht. In der Emme selber zeigt sich ein ungewohntes Phänomen: Ganze Schwärme von Jungfischen tummeln sich im Uferbereich. In Burgdorf, Lützelflüh oder Eggiwil ist ein solcher Anblick undenkbar.

Fliessgeschwindigkeit praktisch null

Ob sich auf diese Weise bereits die nahe Aare ankündigt? In der Tat verbreitert sich die Emme auf einmal und drosselt ihre Fliessgeschwindigkeit auf praktisch null. Von Schilf gesäumt, tritt sie nun gemessen ihrem Bräutigam entgegen, dem Aarefluss, der sich von Westen her breit und majestätisch nähert.

Die Mitgift der Emme ist reich: Sie trägt den Puls einer ganzen Region in sich, die Kraft des Emmentals sowie die Freuden und Leiden seiner Bewohner, das Ungestüm, das ihre Fluten bei Hochwasser entfalten können, aber auch die Poesie, die ihrem stillen Dahinfliessen an ruhigen Tagen innewohnt.

Und jetzt – jetzt ist der Weg entlang der Emme zu Ende. Die Halbinsel, die von der Aare und der einmündenden Emme gebildet wird, läuft in einem felsigen Bug, dem sogenannten Emmenspitz, aus, danach kommt nur noch das Wasser der beiden Flüsse, die sich nunmehr vereint ihren Weg durch die idyllische Landschaft bahnen, rheinwärts, meerwärts, der Unendlichkeit entgegen.