Rüttenen

Einst ein Hallenbad, heute eine Modelleisenbahn-Welt

Die Solothurner Eisenbahn-Amateure gehen in Rüttenen im stillgelegten Hallenbad dem «schönsten Hobby der Welt» nach. Ihre Modelleisenbahnen können sich auf zwei Kilometer Schienen bewegen.

Einen Bahnhof hat Rüttenen bekanntlich keinen. Aber ein Perron, das gibt es in der Gemeinde fernab der grossen Durchfahrtswege sehr wohl. Das Perron 1 versteckt sich gut getarnt im Lichthof des neuen Schulhauses, sieben Meter unter dem Boden. Das dazugehörige Gleis ist kaum länger als der Steuerwagen, der auf diesem steht.

Weit käme man mit dem orangefarbenen Wagen zwischen den dicken Betonmauern ohnehin nicht. «Und das ist auch gut so», schmunzelt Werner Baumgartner (71). Der ehemalige Gemeindeammann von Rüttenen ist Präsident der Solothurner Eisenbahn-Amateure, die den alten «Bipperlisi»-Steuerwagen restauriert und mit einer Küche ausgestattet haben. Nachdem die «Isebähnler» ihrem Hobby - «dem schönsten Hobby der Welt», so Baumgartner - gefrönt haben, erholen sie sich im etwas anderen Vereinslokal bei einem gemütlichen «Höck».

Denn das «schönste Hobby der Welt» ist auch ein ziemlich intensives Hobby. Welcher Verein trifft sich schon an zwei Abenden in der Woche, verbringt unzählige Stunden in seinen Räumlichkeiten und investiert regelmässig hunderte, ja tausende Franken in seine Leidenschaft?

Eine kleine Welt

Wer durch die Glastür aus dem Lichthof ins Innere tritt, traut seinen Augen kaum. Im Hallenbad, wo früher Kinder geplanscht haben, ist eine kleine Modelleisenbahn-Welt entstanden. Zwei Kilometer Schienen in verschiedenen Spurenbreiten führen über Wiesen, durch Dörfer und Tunnels. Ein wahrer Mikrokosmos, der zum Beobachten und Staunen einlädt. Im früheren Schwimmbecken etwa: Wanderer geniessen im Bergdorf den Ausblick, während eine Kuhherde sich mit dem saftigen Gras beschäftigt.

Oder dort: Ein TGV kreuzt im Provinzbahnhof einen Güterzug. Derweil warten im Lokdepot am Beckenrand weitere Züge auf ihre Reise. Beim Landschaftsbau orientiere man sich nicht an realen Orten, erklärt Werner Baumgartner: «Da lassen wir unsere Fantasie walten.»

Schon als kleiner Junge habe er am Bahnhof in Solothurn stundenlang Züge beobachtet, erinnert sich Baumgartner. «Wenn das Krokodil auftauchte, war die Welt in Ordnung.» Auch Max Tschumi (67), der Anlagenchef der Eisenbahn-Amateure, ist früh vom Bahnfieber gepackt worden: «In den 50er-Jahren hat mir mein Vater eine Märklin-Lok geschenkt, dann gings los.» Heute besitzen Baumgartner und Tschumi unzählige Loks und Wagons.

Denn das Rollmaterial gehört nicht dem Verein, sondern den Mitgliedern selbst. Verständlich: Eine Lokomotive auf der grossen «0m»-Spur kostet locker 4000 Franken, Liebhaberstücke - und solche besitzen die Modellbauer einige - schnell mal so viel wie ein Gebrauchtwagen. Tschumis ganzer Stolz etwa ist eine «Lok 2000» mit dem Werbeaufdruck «Zugkraft Aargau». «Eine echte Rarität», schwärmt er.

Die Eisenbahn-Amateure legen Wert auf Details. In vielen Zugwagen haben sie Lämpchen eingebaut, in der 1. Klasse sind die Reisenden etwas feiner gekleidet als in der 2. Klasse. Da versteht es sich von selbst, dass der Doppelstockzug im Massstab 1:87 auch 87 Mal langsamer fährt als das echte Pendant. Ein richtiger «Isebähnler» orientiert sich eben an den grossen Vorbildern.

Digitalisierung als Chance

Die Solothurner Eisenbahn-Amateure wurden 1958 im Bahnhofbuffet in Solothurn gegründet. Heute hat der Verein rund 65 Mitglieder, «etwa 15 bilden den harten Kern», wie Werner Baumgartner sagt. Dank seinem Beziehungsnetz sind die Eisenbahn-Amateure heute in Rüttenen zuhause. Die Zeiten, in denen Modelleisenbahnen analog gesteuert wurden, sind längst vorbei. Heute orchestrieren die Modelleisenbahner ihre Züge in der Leitzentrale vollautomatisch vor dem Bildschirm. Dass der Modellbau nach und nach digitalisiert wird, erachtet Baumgartner als Chance. «So lassen sich junge Menschen erreichen», meint er.

Ein akutes Nachwuchsproblem hätten die Eisenbahn-Amateure zwar nicht, aber: «Über frisches Blut würden wir uns sehr freuen.» Eine gute Plattform, um potenziellen Nachwuchs zu erreichen, sind auch die Solothurner Modellbahn-Tage. Am kommenden und am übernächsten Wochenende dreht sich im Vereinslokal alles um Modelleisenbahnen. Eine Zubehör-Tombola und die Modellbahnbörse werden die Herzen vieler «Isebähnler» höher schlagen lassen. Hungrige verpflegen sich im «Bipperlisi» -Speisewagen, der als solchen nie auch nur einen Schienenkilometer zurückgelegt hat.

Solothurner Modellbahn-Tage 16. - 17. und 23. - 24. November, jeweils von 10.00 - 17.30 Uhr. Neues Schulhaus, Rüttenen.

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