Openair Etziken
Einfach bitte nicht auf der Treppe stehen bleiben!

Zum ersten Mal in der Geschichte des Openairs Etziken war der Freitag ausverkauft.

Christoph Neuenschwander
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Bligg am Openair Etziken
63 Bilder
Wegen einer Sprunggelenkfraktur sass Bligg des öfteren auf einem Sofa
Bligg mit Krücke
Bligg von den beiden Backgroundsängerinnen eingerahmt
Die erste Publikumsreihe am Openair Etziken
Bligg rockte
Bligg hatte auch Tänzerinnen dabei
Die junge Dame mit Hut ahnt nicht, dass Bligg sie auf die Bühne holen wird.
Manillio heizt auf der Zeltbühne trotz Erkältung ein – oder gerade deswegen.
Manillio aus Solothurn hatte ein Heimspiel
The BluesRock Maschine heizte zum Schluss ein
Eine kurze Pause
Kurze Verschnaufpause zwischendurch.
Pegasus auf der Hauptbühne, kurz vor dem Bonbon-Hagel.
Die Bieler begeisterten das Publikum
Pegasus
Pegasus-Frontsänger Noah Veraguth
Endlich freie Sicht auf die Bühne.
Bitte lächeln.
Blick von der Tribüne
Steff la Cheffe auf der Bühne
Steff la Cheffe: Beatboxerin, Rampensau und heimlicher Manillio-Fan.
Der Zeltplatz

Bligg am Openair Etziken

Hans Ulrich Mülchi

Eigentlich gibt es in Etziken während des Openairs ja nur gerade ein Gesetz, eine Regel: Nicht auf der Treppe zwischen Haupt- und Zeltbühne stehen bleiben. Einfach bitte wirklich nicht. Aber ist es kleinkariert, sich zu nerven, wenn es gefühlte Abertausende trotzdem tun? Ist es paranoid, wenn man nicht der allgegenwärtigen Drohne zuwinkt, weil die Bilder an die CIA, die Nasa und McDonald’s geschickt werden könnten? Und ist es kleinkariert oder paranoid, sich zu wundern, ob man auf andere kleinkariert oder paranoid wirkt?

Was wäre denn eine wünschenswerte Eigenschaft, die man sich als Festivalbesucher zulegen sollte? «Cool, so wie Steff la Cheffe», ist irgendwie die erste Antwort, die einem in den Sinn kommt. (Paranoid und kleinkariert kann man glaub ausschliessen.) Denn mal ehrlich: Wie cool ist denn die, wenn sie sich mit ihrer Backgroundsängerin ein Tanzduell liefert und dabei die besten 90er-Jahre-Verrenkungen auspackt? Dazu singt sie auch noch «Make a Move», als ob man «Make» mit mindestens fünf «Ch» schreiben würde.

So richtig schön bernerisch. Bligg hätte dazu jetzt vielleicht einfach «gäil» gesagt, denn das Wort mag er wirklich gerne. Steff la Cheffe sagt aber Dinge wie «Wir sind ja eh nur die Vorband von Manillio» oder «Achtung Drohne». Wer denkt, dass «cool» schon lange nicht mehr cool ist: Schaut euch das «Meitschi vom Breitsch» an und denkt noch mal nach! Und bleibt nicht auf der Treppe stehen! Schon gar nicht, wenn zum ersten Mal in der Geschichte ein Etziken-Freitag völlig ausverkauft ist.

Obwohl bei Pegasus mehr Gitarren auf der Bühne auszumachen sind als bei der la Cheffe, rockt es bei den Bielern ein bisschen weniger heftig. Ihnen und ihren Fans ist eher eine euphorische Verträumtheit zuzuschreiben. Die Show ist solid, das Drumsolo lässt das Herz einen Moment lang höher schlagen, aber am meisten Action kommt auf, als Sänger Noah Veraguth die Zuschauer nach einem Ricola fragt und dann im Bombenhagel von Stimorol, Ricola und Fisherman’s das Konzert kurz unterbricht.

Ein Adjektiv, das sich bei derzeitiger Wetterlage für Festivalgänger anbietet, ist natürlich «krank». Der Solothurner Rapper Manillio hat im Festzelt (wo nun Steff la Cheffe inkognito mit Sonnenbrille und Kapuzenpulli am «Fäänen» ist) kurzerhand seine Band in zwei Teams unterteilt. Er bildet zusammen mit seinem Gitarristen das «Team krank». Ricola will er aber keins, sondern «mal schauen, wie viel das Zelt aushält». Und damit geht sogleich die Post ab. Stimmt, an einem Festival muss man auch das sein: hart im Nehmen und gut im Feiern.

Bligg hat sich das wohl ebenfalls gedacht, und ist mit Sprunggelenkfraktur, Krücke und Sofa nach Etziken gekommen. Er rappt grösstenteils sitzend, und auch Werbung für seine neue Single «Mamacita» macht er sitzend. Gewiss nicht für eine gute altmodische physische Single zum Anfassen, sondern für den iTunes-Download.

Manche glauben, dass Openairs ganz allgemein zu kommerziell geworden sind, zu materialistisch. Und mit ihnen auch ihre Besucher. Der Idealismus fehle, der politische Diskurs, die dreckigen Beine. Sind die Festivalgänger in Etziken etwa versessen auf ihre Besitztümer? Lässt sich das mit dem exzessiven Gebrauch von Smartphones gleichsetzen? Gar mit Oberflächlichkeit? Darf man das Schiessen von Selfies mit fehlendem Idealismus verwechseln und den chic angezogenen Kids die Schuld dafür geben, dass ihre Eltern einfach weit mehr Kohle gescheffelt haben, als es sich für Weltverbesserer gehört?

Hinten bei der Treppe ist wieder alles verstopft, da ist kein Durchkommen. (Echt jetzt, bleibt da nicht stehen!) Vier elegant gekleidete Mädchen haben sich von der Zeltbühne her den Hang hoch gekämpft und krallen sich nun am Zaun fest, der sie vom Hauptgelände trennt. Sie wollen auch etwas sehen. Eine Kollegin diesseits des Maschendrahts macht ein Gruppen-Selfie mit den Zaungästen. Ein Fall von oberflächlicher Selbstdarstellung oder doch ein Ausdruck tief empfundener Lebensfreude?

Spielt Gölä-Gitarrist Slädu denn jetzt bei Bligg nur des Geldes wegen? Bei einem Festival geht es doch um viel mehr als solch kleinkariert zweidimensionale Fragen. Es mag altmodisch klingen, aber es geht doch darum, Teil von etwas zu sein, das grösser ist als man selbst. Es geht darum, im Rausch der Musik abzuheben und sich gleichzeitig geerdet zu fühlen. Bligg holt eine junge Frau auf die Bühne, die ihn nur verdattert anhimmelt. Zerbrechlich sieht sie aus, städtisch, leise. Wo sie herkommt, will Bligg wissen. Mit einem nervösen Schlenker in der Stimme, aber doch bestimmt sagt sie: «Uzzischdorf.»