Jegenstorf
Eine mordsmässige Frauenpower auf der Remise-Bühni

Fünf Mörderinnen sitzen im Gefängnis – ihre Taten sind abscheulich, ihre Sprache ist roh. Doch hinter ihren Fassaden sind menschliche Tragödien zu erkennen. Die Laien-Schauspieler(innen) der Remise-Bühni Jegenstorf laufen zur Höchstform auf.

Angelica Schorre
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Margot wird von Felicitas, Paula, Uschi und Erika «eingewickelt», aber nicht mundtot gemacht. Michael Meier

Margot wird von Felicitas, Paula, Uschi und Erika «eingewickelt», aber nicht mundtot gemacht. Michael Meier

Mordsfrauen? Mordsfrauen! Sie sind – nach eigener Aussage – die Crème de la Crème aller Knastis. Macho-Metzgerin Margot, Schäfchen Erika, Putztiger Paula, Sexbombe Uschi und Nönnchen Felicitas: Ein hochexplosiver Cocktail aus Gewalt, Zynismus und Zickentum macht sich da breit. Zumal alle fünf wegen eines vermeintlichen Rohrbruchs zur Sicherheit in einer Abstellkammer des Gefängnisses eingesperrt sind.

Zimperlich gehen die Frauen nicht gerade miteinander um. «Asoziale Kollegensaumore» ist noch der harmloseste Begriff. Einziger gemeinsamer Nenner: Mord an (ihren) Männern. Keine von ihnen bereut ihre Tat. Im Gegenteil: Wenn sie nochmals morden könnten, würden sie es langsamer tun ...

Mitreissend, urkomisch und urtraurig

Was da an geballter Spielfreude und Frauenpower auf der Bühne der Remise-Bühni Jegenstorf (Regie: Renate Adam) losbricht, ist mitreissend, urkomisch und urtraurig: eine Tramödie, wie sich das Stück «Mordsfrauen» von Corina Rues-Benz bezeichnet. Mitreissend ist etwa Danièle Themis als Uschi, die, mehr gezwungen als gebeten, eine Szene aus ihrer Telefonsexzeit zum Besten gibt.

Inspiriert von der Beschreibung eines Herbstspaziergangs in einer Illustrierten fiept, flüstert, stöhnt sie aufs Schönste (Szenenapplaus). Oder das Rollenspiel, in dem die Affäre eines Aufpassers nachgestellt wird: Erika (Esther Weidmann) motzt mit zwei WC-Papierrollen ihren Busen auf Körbchengrösse E auf und säuselt der zierlichen Paula (Marianne Hiltbrunner) – eine Handcrèmetube dient dieser als Penisersatz – zu: «Herbert, mein Hengst ...»

Die turbulenten Szenen werden durch das Erzählen einzelner ihres Tathergangs «beruhigt»: durch den Fleischwolf gedreht, mit Heiligenfigur erschlagen, mit Fleckenmittel innerlich und äusserlich gesäubert ... Doch stimmt das auch alles?

Mord als Befreiungsschlag

Je länger der Aufenthalt in der Abstellkammer oder je länger die Einflussnahme von Felicitas (subtil gespielt von Sarah Baur) dauert, desto ruhiger werden die Frauen. Es ist, als könnten sie ihr inneres Gefängnis kurz verlassen und unsentimental zeigen, warum sie gemordet haben: Verletzung, Erniedrigung, Rache. Mord als Befreiungsschlag aus einem falschen Leben. Eindringlich Julie Wenger als Metzgerin Margot: Sie findet ihren Vater tot an einem Metzgerhaken aufgehängt, ermordet von ihrem psychisch gestörten Ehemann ...

Gibt es für die Frauen ein Leben nach dem Absitzen der Strafe? Unvorstellbar. Doch dann: Vielleicht die eigene Wurst in Schweden an den Mann bringen? Gelati am Meeresstrand verkaufen? Etwas für Kinder tun?

Mordsfrauen? Ja, von Mordsfrauen mordsmässig gut gespieltes Amateurtheater.

Weitere Aufführungen bis Ende Mai. Infos: www.remise.ch