Ausstellung
Ein Zeichen für den mysteriösen Schiffbruch gefunden

Der Künstler Jürg Robert Tanner ist nach 25 Jahren in Boissano (I) wieder in die Region – nach Gerlafingen – zurückgekehrt. In Italien hat in ein mysteriöses Schiffsunglück ihn lange beschäftigt.

Urs Byland
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Jürg Robert Tanner lebt jetzt in Gerlafingen in seiner akribisch geordneten Welt und malt.

Jürg Robert Tanner lebt jetzt in Gerlafingen in seiner akribisch geordneten Welt und malt.

Urs Byland

Ein Vierteljahrhundert ist keine Ewigkeit. Aber die Zeit verändert. So auch Jürg Robert Tanner (*1943). 1988 änderte Tanner sein Leben radikal. Aus dem Lehrer wurde ein Künstler. Er nahm ein Stipendiat an und ging nach Boissano, das am Ligurischen Meer zwischen Genua und der französischen Grenze liegt, ans dortige Centro Artistiche. Und er blieb mit einem kurzen Unterbruch dort.

Ausstellung

Jürg Robert Tanner stellt mit Schang Hutter und Ernst Mattiello im Näijere-Huus Hersiwil aus. Bis 13. April.

Öffnungszeiten: Sa/So, 14-17, Mi, 15-18, Fr, 18-20 Uhr.

Jetzt ist er zurück in der Schweiz: «Das Gehen war der richtige Entscheid, und das Zurückkommen auch», sagt er. Eigentlich wollte er das Haus in Boissano an den Hängen des Monte Ravinet kaufen, von dem er Tag für Tag das einige Kilometer entfernte Meer beobachten konnte. Dort wohnte er gratis, besorgte den Unterhalt und die Renovation. Er beteiligte sich am politischen Leben im Dorf und war Mitglied zweier Kommissionen für Wanderwege und Kultur. «Die Erben des grosszügigen Besitzers, mit dem ich den Vertrag hatte, wollten aber nicht verkaufen.» Nach Abwägen aller Umstände habe er sich entschieden, zurück in die Schweiz zu kommen.

Abgeschlossen mit dem Unglück

Der Mysteriöse Schiffbruch im Januar 1997

«Die Fischer von Portopalo, einem Ort am südlichsten Punkt Siziliens, hatten über Jahre menschliche Überreste in ihren Netzen. Begonnen hat das am 3. oder 4. Jänner 1997. Sie fischen Leichen aus dem Meer und werfen sie wieder zurück, um keine Zeit mit der Bürokratie der Küstenwache und Carabinieri zu verlieren. Es gibt Meldungen über einen gewaltigen Schiffbruch zu Weihnachten 1996, südöstlich von Sizilien. Nur die Zeitung ‹Il Manifesto› berichtet.

300 Menschen sollen ums Leben gekommen sein. Überlebende, die an einer Küste des Peloponnes ausgesetzt worden waren, erzählen davon. Niemand glaubt ihnen. Halbherzige Suchaktionen bleiben ohne Ergebnis. Ausserhalb von Portopalo weiss man nichts über die makabren Funde. In Portopalo wissen bald alle davon. Noch im Jänner 1997 beweist John Hooper der englischen Zeitung ‹Observer›, dass tatsächlich ein Schiff gesunken ist. Trotzdem bleibt es der ‹Geisterschiffbruch› - ‹naufragio fantasma›.

Erst 2001 wird die Geschichte neu aufgerollt und aufgeklärt. Einer der Fischer, die jahrelang nichts offiziell meldeten, übergibt dem Reporter Giovanni Maria Bellu von ‹La Repubblica› eine plastifizierte Identitätskarte eines jungen Tamilen. Bellu rekonstruiert nach und nach die Geschichte: rund 300 Flüchtlinge werden in der Nacht des 25. 12. 1996 gezwungen, vom Frachtschiff Yiohan in eine kleine Holzfähre umzusteigen. Sizilien ist das Ziel. Die See ist rau.

In einem ungeschickten Manöver rammt das Frachtschiff die kleine Fähre. Die Fähre sinkt, nur 29 Menschen werden gerettet, 283 (manche sagen 286) finden den Tod. Es ist das grösste Schiffsunglück im Mittelmeer seit dem 2. Weltkrieg.» (uby)

Das Drama hat Jürg Robert Tanner, der in Themen arbeitet, wie er sagt, die nächsten 17 Jahre immer wieder beschäftigt. «Wir leben in der besten aller Welten und dort sterben sie, weil sie hierherkommen wollen. Himmeltraurige Schicksale.» Er wollte diesen Namenlosen eine Stimme geben, sammelte alles, was er über das Unglück lesen konnte. Zeitungsnotizen, Dokumente. Er nahm Kontakt auf mit dem Journalisten, der das Drama publik machte. Und er verarbeitete die Katastrophe in seinen Werken. «Jetzt ist es genug, ich ertrage es nicht mehr.»

Hier in der Schweiz hat tanner aktuell die Möglichkeit, im Näijere-Huus in Hersiwil (Drei Höfe) einen Teil seines dreiteiligen Werks zur Katastrophe zu zeigen. Den Teil, der in der Ausstellung im Kloster Finalborgo, Italien, keinen Platz gefunden hatte: 36 Blätter auf Zeitungspapier über das Schiffsdrama «Portopalo» vom 25. Dezember 1996. Warum diese unermüdliche, vielleicht manchmal auch unerträgliche Auseinandersetzung mit diesem Unglück? In seinem Haus im Wohnzimmer im ersten Stock steht ein Büchergestell mit seinen Lieblingsbüchern. Es sind nicht wenige und sie sind alphabetisch geordnet. «Wie alles eine gewisse Ordnung haben muss bei mir.» Ein weiteres Gestell birgt Tonträger, ebenfalls alphabetisch eingeordnet. Im Parterre hat Jürg Robert Tanner ein kleines Atelier. Perfekt gespitzte Bleistifte, dass es fast schmerzt, liegen wohlgeordnet neben Papiernastüchern (ausgepackt und säuberlich gestapelt), diversen akribisch genau platzierten Tintenfässern, Ziegelsteinen mit Pinseln in den Löchern, einem Föhn, Klebestift. Diesen bis ins Detail versessene Ordnungssinn habe er schon immer gehabt. «Ich bin so erzogen worden. Es macht mich nervös, wenn ich etwas nicht finde.»

Die tückische Schönheit des Meers

Und er erzählt von Wanderern, die ihn vor seinem Haus in Boissano sitzen sahen, als er das Meer beobachtete. Als sie ihn fragten, was er da mache. «Ich arbeite, habe ich jeweils gesagt.» Das Meer, die immer wieder wechselnden Farben des Wassers, versuchte er zu ergründen. Und vielleicht auch, warum das Meer für Tausende von Menschen zum Grab werden kann. Das hat ihn nicht losgelassen. «In der Zeit, in der ich in Boissano lebte, sind im Mittelmeer nachweislich 19 372 Menschen ertrunken. Tag für Tag zwei Menschen.» Flüchtlinge meistens. Namenlose. «Nicht dabei sind die später Gestorbenen, die nicht registrierten und die Menschen, die von Zentralafrika herkommend in der Wüste verdursteten.»

Jürg Robert Tanner hat die Namen der 283 Opfer erfahren und diese auf schwarze Tafeln geschrieben. Zum Werk über das Unglück gehören 100 kleine Bilder mit den Farben des Meeres sowie als dritter Teil ein grosses Bodenbild, auf dem der Rumpf des gesunkenen Schiffes eingezeichnet ist. Ebenso wichtig ist ein Zeichen, wie ein chinesisches Schriftzeichen. Es ist Tanners ureigenes Zeichen für das Schiffsunglück, Konzentrat einer jahrelangen Suche. «Eine Chiffre für den Schiffbruch.» Das Zeichen ist seine Antwort, die ihn zur Ruhe kommen lässt. Er hat den Ausweg gefunden. «Jetzt kann ich anderes machen.» Neues kündet sich an in Form von «Manifesti poetici». Lieder und Gedichte, die ihm wichtig sind und die er malerisch umsetzen will.