Bellach
Ein junger Asylbewerber macht den Job, den Schweizer verschmähen

Der Afghane Fahim Rahimi wohnt in Bellach und arbeitet in Solothurn - als Migrant integriert in den Arbeitsmarkt. Der Asylbewerber arbeitet seit September 2013 im Bistraito auf dem Märetplatz.

Christof Ramser
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Asylbewerber Fahim Rahimi bei der Arbeit vor dem Bistraito in Solothurn. «Mir gefällt meine Arbeit», sagt er.

Asylbewerber Fahim Rahimi bei der Arbeit vor dem Bistraito in Solothurn. «Mir gefällt meine Arbeit», sagt er.

Hanspeter Bärtschi

Fahim Rahimi fischt einen Berliner aus dem Frittierfett, füllt ihn sorgfältig mit Konfitüre und platziert das Gebäck in der Vitrine. Es ist kalt und nass an diesem Nachmittag, der Wind streicht über den Solothurner Märetplatz. Aber Fahim Rahimi friert nicht. «In den Bergen, wo ich geboren bin, gibt es viel Schnee. Wie auf dem Balmberg.»

An sechs Wochentagen steht er vor dem Bistraito und verköstigt Passanten. Der 22-Jährige verdient genug, um für sich selber zu sorgen, er bezahlt Mietzins und Krankenkasse. Das ist nicht selbstverständlich: Rahimi ist Asylbewerber. Als solcher musste er einige Hürden überspringen, bis er einen Job fand.

Jobs: Ordnung im Bus und im Garten

Wer als Asylbewerber in die Schweiz kommt, darf drei Monate nach Einreichen des Asylgesuches nicht arbeiten. Nach dieser Karenzfrist erhalten Asylbewerber eine Arbeitsbewilligung, solange die Arbeitsmarkt- und Wirtschaftslage es zulassen. Zudem gilt der Inländervorrang. Im Kanton Solothurn gibt es drei Kategorien von Arbeitsplätzen: Gemeindearbeitsplätze, also öffentliche Jobs in den Kommunen wie Strassenwischen. Dafür erhalten die Asylsuchenden fünf Franken pro Halbtag. In den Beschäftigungsprogrammen pflegen Asylbewerberinnen Gärten in der Solothurner Weststadt, oder sie sorgen für Ordnung im Bus auf den Balmberg. Die dritte Kategorie sind Festanstellungen in der Privatwirtschaft. Dort verdienen Asylsuchende genug, um für sich selber zu sorgen. Sie zahlen Krankenkasse oder den Mietzins selber. (crs)

Asylsuchende dürfen in der Schweiz unter gewissen Voraussetzungen arbeiten. Gemeindepräsidenten aus der Region berichten oft Gutes über deren Erwerbstätigkeit. «Sie sind beschäftigt, lungern nicht herum, sind wirtschaftlich unabhängig.» Manchmal ist die Integration in den Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und für die Behörden eine Erfolgsgeschichte – so wie im Fall Rahimi.

«So viele wie möglich beschäftigen»

Asylkoordinatorin Angela Sauser betreut 72 Asylbewerber im mittleren und unteren Leberberg. «Ziel ist es, dass so viele wie möglich beschäftigt sind», sagt sie. Sei es in einem Beschäftigungsprogramm, in Gemeindearbeitsstellen oder in der Privatwirtschaft. «Ich freue mich für jeden, der etwas findet.» Dabei sei die Stellensuche oft schwierig, mitunter zermürbend. Viele Menschen würden aufgrund ihrer Hautfarbe keinen Job finden, so fleissig sie auch seien. Gerade Schwarze hätten wenig Chancen, weil sie mit dem Drogenhandel in Verbindung gebracht würden. «Das bedaure ich», sagt Sauser.

Fahim Rahimi arbeitet seit September 2013 im Bistraito. Er verkauft Berliner, Bratwürste, packt an, wo er gebraucht wird. «Es sind Arbeiten, für die ich keine Schweizer finde», sagt Lionel Privé. Der Bistraito-Chef beschäftigt seit 27 Jahren Asylbewerber in seinem Restaurant. Grösstenteils mache er gute Erfahrungen mit ihnen. Sie könnten ihre Sprachkenntnisse verbessern und sich beruflich steigern.

Am Anfang zahle er einen Minimallohn, doch wenn sich ein Angestellter engagiere, könne er gut verdienen, sagt Privé. «Natürlich ist eine soziale Dimension dabei, wenn ich einen Asylsuchenden einstelle. Aber in erster Linie geht es ums Geschäft.» Wer gute Arbeit leiste, trage zu mehr Umsatz bei. Mit Fahim Rahimi sei er sehr zufrieden.

Rückkehr? Keine Chance

In seiner afghanischen Heimat war der junge Mann Schafhirte. Vor zwei Jahren flüchtete er aus seinem Dorf in der Zentralprovinz Maidan Wardak. Die Taliban töteten Leute und Tiere, zerstörten Häuser, auch die Schule. Von 70 Wohnungen seien noch 7 bewohnbar. «Ich kann nicht mehr in Afghanistan leben», sagt Rahimi.

Der Vater verkaufte ein Stück Land, mit dem Geld konnte der Sohn in die Schweiz reisen. Bald zwei Jahre ist er hier, zuerst war er im Durchgangszentrum in Selzach, jetzt wohnt er in einem Haus mit anderen Asylbewerbern an der Bellacher Grederstrasse. Mit Bus oder Velo fährt er zur Arbeit. Einen Teil seines Lohnes schickt Rahimi seiner Familie. 10 Prozent des Einkommens zieht das Bundesamt für Migration BFM direkt für entstandene Unkosten ab.

Ruhig und sicher sei es in der Schweiz. Ungewohnt war es für ihn, mit einem Löffel zu essen. Fahim Rahimi brauchte in Afghanistan dafür kein Besteck, sondern seine Hände. Auch an die Pünktlichkeit musste er sich gewöhnen. Doch der junge Afghane lernt schnell. Angela Sauser ist zufrieden, auch mit dem Fortschritt beim Deutschlernen. Wie alle Asylsuchenden muss Rahimi einen Sprachkurs besuchen.

«Sonst sind sie schnell weg»

Die Sprache ist eine Voraussetzung, damit Asylsuchende Arbeit finden. Angela Sauser unterstützt zwar bei der Jobsuche, eine Verantwortung dafür trägt sie aber nicht. «Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe.» In der Regel würden Asylbewerber nicht schlecht verdienen. Es gebe aber Fälle, in denen sie von den Chefs ausgenutzt werden. Das hänge auch damit zusammen, dass sich manche unterwürfig zeigten. «Sie wissen, dass sie sich nichts leisten können. Sonst sind sie schnell weg.»

Bald wird Fahim Rahimi vor dem BFM in Bern angehört. Dann entscheidet sich seine Zukunft. Derzeit hat der den Status N, das Asylgesuch ist in Prozess. Rahimi würde gern hier bleiben und einen Antrag für eine Aufenthaltsbewilligung stellen. Er will auch künftig Berliner verkaufen am Märetplatz in Solothurn.