«Zum 25-jährigen Bestehen des Dorftheaters Utzenstorf haben wir uns mit ‹Mein Nachbar Urs› einen literarischen Stoff des bekannten Schriftstellers Alex Capus ausgesucht und in unsere ‹5 × Urs› betitelte Bühnenfassung verwandelt», berichtet Charles Benoit. Der frühere Schauspieler und SRF-Regisseur inszeniert mit dem Utzenstorfer Liebhaber-Ensemble nicht nur zum achten Mal, sondern er hat auch die Theaterversion und vor allem die Übersetzung aus dem Hochdeutschen ins Berndeutsche geschaffen. Er bedient sich dabei eines bühnenwirksamen Kniffs, indem er die nachbarschaftlichen Dialoge, wie sie Capus in Zeitungskolumnen in Olten und später im Buch veröffentlicht hat, auf sechs Rollenträger verteilt.

Da ist Capus selbst, der in Max (Andreas Eberhard) ein sprachgewandtes Bühnen-Double findet. Und da sind seine fünf Nachbarn alle namens Urs (Markus Jakober, Matthias Klopfenstein, Peter Lüdi, Ernst Moser, Ueli Röthlisberger, Fritz Scheidegger), die ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Lebenssichten mal plaudernd, mal intensiv diskutierend austauschen. Gegliedert ist das Stück in kurze Episoden, die jeweils mit sympathischen Abschweifungen ein Thema behandeln und von Peter Siegenthaler mit gespielten Klaviersequenzen unterteilt werden.

Sich selbst aufs Korn nehmen

Wie im Buch mit Blick in die Oltner Nachbarschaft des Autors treffen sich hier auf der erweiterten Kleintheaterbühne die fünf Urse in wechselnder Gruppierung mit Max: mal als gemütliche Jassrunde mit dem «beschte Bireschnaps» der Welt, mal bei Feierabend-Bier oder Wurst, um aus ihrem Leben, demjenigen von Bekannten und Zeitgenossen, von Gerüchten und sonst wie Gehörtem zu erzählen. Geradezu ansteckend wirkt ihre treffend-lebendige Sprache, mit der sie humorvoll, aber feinsinnig Hintergründe ausleuchten. Gelegentlich nehmen sie sich gegenseitig mit feiner Ironie aufs Korn, wenn das Berichtete dem Freundeskreis zu aberwitzig vorkommt.

Als Zuschauer, der sich fast inmitten des Geschehens befindet, ist man gefangen und bezaubert von diesen Gesprächen, die pralles Leben real und gelegentlich mit einer Prise Surrealismus schildern. Da geht es um die vielen Katzen, die bei etlichen Paaren inzwischen schon Kinder ersetzen, um die Ein-Kind-Politik in China, die dortige Pädagogen in den Selbstmord treibt, um die Rente, die von der Nachwuchs-Generation finanziert werden muss, um den ökologischen Fussabdruck, um Langeweile in älteren Lebensgemeinschaften.

Die einzige Frau, die mehr zufällig an der Runde teilnimmt, ist Ursle (Rosmarie Steiner). Sie stellt richtig, dass ihre Mutter nie die angedichtete Liaison mit Humphrey Bogart hatte. So mäandrieren die Themen durch die Weltgeschichte heiter weiter: Von der Migration über den «Masseneinwanderer» aus Süddeutschland schliesslich zum früheren Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei, der mit seiner Geliebten vom Balkan dorthin als Migrant auswanderte, bis zur stets gehörten Frage: «Was machst Du denn da?», wenn man Bekannte in entfernten Weltgegenden trifft. Aber auch hierzulande stösst man auf Berühmtheiten. So erzählt Max davon, wie er gemeinsam mit «Your royal highness», dem Blaublüter Charles, tatsächlich mal am Käsebuffet stand.

Alle Mitwirkenden, auch die in Kleinstrollen beteiligten Frauen (Margrit Glanzmann, Barbara Scheidegger, Denise Köhli, Susanne Höchenberger), agieren so natürlich, dass man dieses Theaterspiel als spontane Eingebung des Augenblicks empfindet. Die Premiere, an der auch Alex Capus teilnahm, wurde jedenfalls begeistert aufgenommen.

14 Aufführungen im reformierten Kirchgemeindehaus Utzenstorf bis zum 4. Juni. Daten und Tickets unter www.dorf-theater.ch.
Am 21./22. Mai, 20 Uhr, gastiert das Dorftheater Utzenstorf in Olten in der Galicia-Bar.
Spielsequenzen sind online unter DRS Regionaljournal Bern/Freiburg/Wallis zu sehen.