Altreu
Ein Dorf fürchtet Fluglärm, die Anwohner wollen sich dagegen wehren

Das Komitee gegen die Pistenverlängerung Ost hat am Donnerstagabend zur Informationsveranstaltung nach Altreu eingeladen. Das Interesse war gross. Rund 200 Personen verfolgten die Veranstaltung.

Lucien Fluri
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Interesse und Diskussionsbedarf waren gross. Eine stattliche Zahl Besucher hörte Komitee-Präsident Simon Winkelhausen zu.

Interesse und Diskussionsbedarf waren gross. Eine stattliche Zahl Besucher hörte Komitee-Präsident Simon Winkelhausen zu.

Hansjoerg Sahli

Es war ein deutliches Zeichen: Rund 200 Personen sind am Donenrstagabend aus Bettlach, Selzach, aus Berner Gemeinden und natürlich aus Altreu selbst zum «Grüene Aff» gekommen, um zu zeigen, dass sie keine Osterweiterung des Grenchner Flughafens wollen. Die Stühle und Bänke, die das Komitee «Gegen Osterweiterung Flughafen Grenchen» zuerst bereitgestellt hatte, reichten bei weitem nicht aus, weitere mussten gebracht werden.

Naturschützer waren gekommen, denen die Witi – im Osten und Westen des Flugplatzes – am Herzen liegt. Betroffene nahmen auf den Bänken Platz, die nicht nur mehr «Lärm und Dreck» über ihren Häusern fürchten, sondern auch weniger Lebensqualität und eine Wertverminderung ihrer Häuser. Aufgeschreckt hat sie der Masterplan des Flughafens, der bei einer Pistenverlängerung 9000 zusätzliche Flüge von Business-Jets vorsieht. «Nein», tönte es im Chor zur 400-Meter-Verlängerung der Grenchner Piste in die Witi hinein. Spontanapplaus gab es für den Piloten, der den Pistenausbau als «Gemeinheit gegen die Bevölkerung» bezeichnete.

Druck machen auf Regierung

Vor die Besucher trat Simon Winkelhausen, Selzacher Alt-Kantonsrat und Präsident des Komitees, das die Osterweiterung verhindern will. Er rief noch einmal in Erinnerung, wie die Regierung plötzlich wieder die Ostvariante aus der Schublade zog. Noch 2013 bekräftige der Regierungsrat, nur eine Verlängerung nach Westen käme infrage. Dann gab es Wahlen, eine neue Regierung und einen neuen Baudirektor. «Mit Regierungsrat Roland Fürst wurde der ehemalige Handelskammer-Präsident und Mitstreiter der Flughafenlobby zum federführenden Baudirektor», kritisierte Winkelhausen. Diesen Mai habe die Regierung dann «eine 180-Grad-Kehrwende» gemacht: Heute steht nur noch die Ostvariante zur Debatte. Die Westvariante käme zu teuer, argumentierte Baudirektor Fürst – müsste doch die Kantonsstrasse für zweistellige Millionenbeträge umgelegt oder untertunnelt werden. Bis Anfang 2015 will die Solothurner Regierung den Grundsatzentscheid treffen, ob die Pistenverlängerung überhaupt in Angriff genommen wird.

«Der Nutzen der Pistenverlängerung steht in keinem Verhältnis zu den massiven negativen Auswirkungen auf Bevölkerung, Raum und Umwelt», sagte Winkelhausen. Es brauche jetzt viel Druck, um zu verhindern, dass die Regierung Anfang 2015 entscheide, die Ostvariante tatsächlich zu realisieren.

«Die lokale und regionale Wirtschaft braucht die Verlängerung nicht – entgegen anderen Beteuerungen», bekräftigte der Komitee-Präsident. Die Behauptung des Flughafens, es brauche eine Verlängerung, nachdem 2008 EU-Richtlinien geändert hätten, sei falsch. Die Richtlinien bestünden nämlich bereits seit 1997. «Die Geschäftsfliegerei funktioniert also seit 14 Jahren.» Und schliesslich, so Winkelhausen habe der Flughafen 1999 die Piste bereits von 850 auf 1000 Meter verlängert. «Die Bewilligung erfolgte mit dem Argument, dass damit die Bedürfnisse des Flughafens für alle Zukunft abgedeckt seien.»

Nur eine Seite war vertreten

Flughafenvertreter waren keine geladen, die ihre Meinung hätten vertreten können. Und so ertönte nur die Stimme der Pistengegner. Die wirtschaftliche Wertschöpfung werde vom Flughafen massiv überzeichnet, sagte Simon Winkelhausen. Hauptsächlich gehe es den Verantwortlichen darum, neue Wartungsfirmen anzusiedeln und so das rückläufige Hobby-Flieger-Geschäft zu kompensieren. Grundsätzlich meinte er zu den Ausbaugründen: «Zwei bis drei lokale, solvente, einflussreiche und flugbegeisterte Wirtschaftsgrössen aus der Uhren- und Medizinalbrachen haben einen etwas zu grossen Business-Jet gekauft.» Schliesslich gebe der Flughafen auch nicht preis, wie viele Flieger pro Jahr auf eine Pistenverlängerung angewiesen sind. «Der Flughafen macht das nicht, weil dabei herauskommen würde, dass es sich wohl nur um eine Handvoll Flüge pro Jahr handelt.»

Tunnel nicht vergebens

Kantonsrätin Barbara Wyss (Solothurn) rief die Anwesenden auf, nicht nur gegen die Osterweiterung, sondern die Pistenverlängerung insgesamt, also auch gegen Westen, zu protestieren. Selzachs Alt-Gemeindepräsident Viktor Stüdeli ergänzte, man habe beim Autobahnbau extra die Witischutzzone geschaffen und in langen Verhandlungen einen Tunnel für 150 Mio. Franken zum Schutz der Natur realisiert. Man müsse jetzt zeigen, dass es künftig in der Witi gar nichts mehr zu bauen gebe. Die Solothurner Pro Natura-Präsidentin und Grenchner Kantonsrätin Nicole Hirt ergänzte, dass vom Flughafen aus ökologischer Sicht wohl nicht mit genügend Kompensationsmassnahmen zu rechnen sei.

Über den Köpfen der Anwesenden zeigten grosse rote Ballone in luftiger Höhe an, wie tief die Flugzeuge über Altreu hinwegfliegen werden. Noch während der Versammlung erhielt Viktor Stüdeli das Telefon von der Luftüberwachungsbehörde und den Befehl, die Ballone sofort herunterzunehmen. Man habe wohl vergessen, die Behörde im Voraus zu informieren, sagte Stüdeli schelmisch. «Aber so haben sie uns jetzt in Grenchen wahrgenommen.» Und überhaupt: In Altreu will sich nicht von den Flugbehörden sagen lassen, was man im eigenen Garten noch tun darf.