Lüsslingen-Nennigkofen
Ein Dorf fürchtet die Überfremdung durch New Age

Im beschaulichen Lüsslingen-Nennigkofen klafft ein tiefer Graben. Der Kirschblüten-Gemeinschaft steht seit Mittwoch die Gemeinschaft «Üses Dorf» gegenüber. Dabei gibt es durchaus Ähnlichkeiten.

Max Dohner
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Mathias Marx

Gesellschaftsforscher hätten daran ihre helle Freude: Wie ein Feldstudien-Labor liegt eine Gemeinde vor ihnen, wo sich zwei gegenläufige Strömungen beobachten lassen: hier Gewohntes mit seinen eingespielten Abläufen. Und dort Ungewohntes mit alternativen Mustern. Sozusagen «Altbewährtes» und «New Age».

Das wirft eine interessante Frage auf: Kann eine dem Bauerntum entwachsende Gemeinschaft sich nicht nur von ausländischen Zuzügern «überfremdet» fühlen, sondern auch von «New Age»? Dafür böte ein Dorf im Mittelland gegenwärtig wohl einmaligen Stoff zur Feldstudie.

«Die Lage scheint verkachelt»

Der Ort heisst Lüsslingen-Nennigkofen, rund 1000 Einwohner stark, wenige Fahrtminuten von Solothurn entfernt. Vermutlich der Ort mit der weltweit höchsten Dichte von Psychotherapie-Praxen. Wunderbarer noch für Feldforscher (wenn es die Studie auch komplizierter macht): In der Gemeinde fusionierten erst vor kurzem zwei Dörfer, die Alteingesessene ihrerseits als ziemlich konträre Soziotope beschreiben. Ein Streifen Kulturland werde bewusst freigehalten dazwischen, um die traditionellen Streusiedlungen nicht in eine beliebige Zersiedelungssosse zu verwandeln. Es gehe hierbei keinesfalls ums Zementieren alter Gräben.

Dennoch gibts einen Graben, allerdings einen unsichtbaren. Es gibt zwei Lager. Irgendwas zwischen ihnen scheint beide Seiten zu beunruhigen. Keine Seite nennt es «Angst». Keine Seite redet bisher gross mit der anderen. Aber beide Seiten legen eine eigentümliche Nervosität an den Tag. Dazu Anflüge von impliziter Animosität, gerade auch dort, wo sie das explizit in Abrede stellen.

Und das durchwabert Lüsslingen-Nennigkofen seit Jahren. Kein Gift. Aber etwas, wovon kurioserweise beide Seiten fast deckungsgleich sagen, dass es ihnen irgendwie die Luft zum Atmen nehme, die eigene «Individualität beschränkt». Das eine Lager sagt: «Es ist wie ein Zug, der nicht mehr zu bremsen ist; und auch wenn wir wollten, wir können aus dem fahrenden Zug nicht mehr raus.» Die andere Seite sagt: «Ja, die Lage scheint definitiv verkachelt. Darum wollen wir jetzt etwas unternehmen.»

Das ist neu – und deshalb sind wir nach Lüsslingen-Nennigkofen gefahren. Wie gesagt: Das Miteinander im Dorf schwelt seit Jahren untergründig als Gegeneinander. Nur hat sich das bisher nie klar strukturiert oder mit Köpfen verbinden lassen.

Seit Mittwochabend ist das anders.

Ansichten auf Messers Schneide

Ein Kopf ist indes über die Region hinaus bekannt: Samuel Widmer, von seinen Anhängern «Kristallisationspunkt» genannt, der Kopf der Gemeinschaft der Kirschblütler.

Widmer, 1948 geboren, lebt mit zwei Frauen und elf Kindern im Dorf. Sein Bekenntnis zur «Polyamorie», zur Freiheit, mit mehreren Partnern zu leben, hat ihm am Stammtisch das zweifelhafte Siegel «Sex-Guru» eingebracht. In seinen Büchern und «Briefen an die Welt» äussert er Ansichten, deren praktische Weiterungen auf Messers Schneide führen könnten, nicht müssen. Sätze etwa zum «ehrbaren Inzest». Oder Behandlungsmethoden mit Drogen, die dunkle Gefilde der Seele öffnen. Illegale Substanzen scheinen nicht (oder nicht mehr) angewendet zu werden; Anzeigen in dieser oder anderer Hinsicht gegen Widmer gab es bis dato offensichtlich keine. Hingegen schien das Mittel der Klage, Klageandrohung oder Beschwerde phasenweise den Kirschblütern relativ locker im Revers zu sitzen.

Samuel Widmer weile gerade in Brasilien bei einem befreundeten Heiler, sagen Kirschblütler im Dorf. Die Gelegenheit, uns ohne den Meister zu empfangen, scheint ihnen willkommen zu sein. Nicht weil sie mal befreit wären von Widmers Aura, sondern weil der stete Fokus auf Widmer allein einen Eindruck von Hierarchie oder Abhängigkeit erwecke, die in der Gemeinschaft keinesfalls obwalte.

Das knapp zweistündige Gespräch mit den Kirschblütlern Cornelia Principi, Anke Edelbrück Schwarzer und Ramon Mullis, alle seit über zehn Jahren wohnhaft im Dorf, wird nach anfänglicher Vorsicht alles andere als ein Eiertanz. Die zunehmende Lebhaftigkeit spiegelt vielleicht die Erleichterung oder das Bedürfnis, auch mal gegen aussen umfassender über ihre Erfahrungen und Anschauungen zu reden. Die Dinge, die zur Sprache kommen, umkreisen die Suche nach Seele; deren Auslegung ist weder unerhört noch krass, sondern stützt sich auf mittlerweile grossväterliche Geister. Man kann zwischendurch ohne weiteres eine Lippe riskieren; auch Selbstironie blitzt auf.

Wir fragen direkt: «Sind Sie eine Sekte? Ist Inzest bei Ihnen erlaubt?»

Natürlich nicht. «Aber wenn Journalisten ‹Sekte› schreiben wollen», sagt Mullis, «werden sie es tun.» Nun – bezüglich der Begrifflichkeit halten wir uns an unabhängige Stimmen, die bei den Kirschblütlern von einer «vereinnahmenden Gemeinschaft» sprechen. Ihre libertäre Lebensweise scheint im Dorf der geringste Punkt zu Unmut zu sein, anders als die Kirschblütler vermuten. Ramon Mullis etwa sagt, dass ihre «Polyamorie» möglicherweise den Neid von Leuten wecke, die im bürgerlichen Raster oder Gitter darbten. «Das wäre doch auch mal eine Nachricht wert», sagt Cornelia Principi, «wenn 200 Menschen glücklich miteinander sind.» Wirklich glücklich? «Ja», antwortet Frau Principi, ohne jedes Zögern.

Kurz darauf im «Rössli», gut besucht über Mittag, mit Menüs für «Hand- und Kopfwercher», wie es auf der Speisekarte heisst, fällt der bemerkenswerte Satz: «Auch wenn du mit zwei Frauen pennst, kannst du verspiessern.» Es ist das Jahr 2013: Da weiss auch das einstige Bauerndorf, dass jeder nach seiner Fasson selig und unselig wird. «Früher gab es ein solches Clanwesen auch bei uns», sagen sie am Tisch, «da bestimmten gewisse Familien, wo es langgeht.»

Die anderen vom «Üses Dorf»

Umso verwunderlicher ist darum, was dann, nur ein paar hundert Meter weiter die Strasse runter, geschah: Da trafen sich am Mittwochabend siebzig Leute aus dem Dorf, eine Zahl, die auch die Veranstalter überraschte, um zu hören, was die Gegenseite zu sagen hat: die sogenannte «IG Lüne – üses Dorf». Sie war vor kurzem ins Leben gerufen worden, wodurch sich der diffuse Graben im Dorf jetzt wieder deutlicher zeigt. Indes müsse sich das nicht unbedingt fatal auswirken, sagen – auch da – beide Seiten. Im ortsbildgeschützten Dorfkern trafen wir den Sprecher der «IG Lüne», den 1970 geborenen Personalberater und Entertainer Reto Sollberger, auch er ein Zuzüger.

Auch dieses Gespräch verläuft ohne Eifer, ohne Hitzigkeit, selbst da, wo Sollberger von «Schikane seitens der Kirschblütler» spricht: «Einen Kampf führen wir nicht.» Den Grund des Unbehagens sieht er «in der drohenden Vereinnahmung des Dorfes durch eine Gemeinschaft». Einige Dinge der Kirschblütler seien ihm sogar «sympathisch»: der Biolandbau etwa, eine gewisse Nähe zur Occupy-Bewegung usw. Trotzdem hält er viele Nickeligkeiten mit den Kirschblütlern für Zeichen steter «Zwängerei». Er befürchtet, dass das Image vom «Sektendorf» auch den Wert von Immobilien beeinträchtige.

Der Dorfladen – eine Brücke?

200 Kirschblütler leben in Lüsslingen-Nennigkofen, etwa gleich viele Erwachsene wie Kinder, ein Fünftel davon sind Deutsche. Rund 30 Häuser werden von ihnen bewohnt. Weitere Baupläne wurden vor kurzem gestoppt, was die Kirschblütler als «Brüskierung» empfinden, weil der (alte) Gemeinderat ihnen schriftlich grünes Licht versprochen habe.

Mit der neuen IG kommt sicher Bewegung ins Spiel. Es deuten sich gar gewisse Gemeinsamkeiten an. Beide Seiten wollen wieder einen Laden im Dorf. «Warum nicht zusammen?», fragen uns die Kirschblütler, als wären wir Dorfkurier. «Ja, warum nicht?», fragt Sollberger zurück.

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