Hans-Jörg Moser in blau-grün kariertem Kurzarmhemd und Jeans – «das ist nur für das Foto, normalerweise bin ich im blauen Überkleid unterwegs» – entspricht nicht dem gängigen Bild des Unternehmers. Aber er ist ein Patron mit Leib und Seele.

Das muss so sein, denn er führt in zehnter Generation das Familienunternehmen Minnotex GmbH, der ehemaligen, 1720 gegründeten Seidenbandfabrik. Das verpflichtet. Und er ist in einer schwierigen Branche tätig. Denn kaum ein anderer Industriezweig in der Schweiz wurde so umgepflügt wie die Textilproduktion.

Vom Strudel wurde auch das traditionsreiche Unternehmen erfasst. Das imposante Fabrikgebäude an der Wangenstrasse ist letzter Zeuge der grossen Vergangenheit. Damals, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, waren bis zu 800 Mitarbeitende an Hunderten von Stoff- und Bandwebstühlen beschäftigt.

Heute ist der Betriebsrundgang auf nur noch rund 1500 Quadratmetern rasch absolviert. Auch wenn von der Industrie-Dynastie nach vielen Auf und Ab nur noch ein Kleinstbetrieb übrig geblieben ist, ist der 45-Jährige sichtlich stolz. «Wir sind heute noch die einzige industrielle Seidenweberei in der Schweiz.» Mit wir meint er sich, seine Frau und zwei Mitarbeiterinnen.

Fahnenstoff für das Ausland

Das KMU ist in zwei Bereichen tätig. Einerseits kauft Minnotex Rohgarne – alles Naturfasern wie primär Seide, aber auch Baumwolle, Leinen, Wolle – ein, lässt diese in Schweizer Betrieben färben und bereitet diese dann für den Verkauf auf; in der hauseigenen Spulerei und Zwirnerei, wo die einzelnen Fäden zu dicken Garnen verdreht werden.

Kunden sind Privatpersonen, Schulen für das textile Gestalten und vor allem soziale Institutionen, die eigene Handwebereien betreiben. Andererseits verarbeiten Moser und seine kleine Crew einen Teil dieser Garne in der eigenen Band- und Stoffweberei. Die Bänder verkauft Minnotex vorab an Hutmacher. Die Stoffe gehen an spezialisierte Schneidereien, die sich auf die Fertigung von Trachten spezialisiert haben. Da geht es etwa um Jacquard-Stoffe für Blusen oder Schürzen.

Eine weitere wichtige Kundengruppe sind Fahnenhersteller, die hochwertige Vereinsfahnen produzieren. «Hier können wir sogar rund ein Drittel an Grosskonfektionäre ins Ausland liefern», sagt Moser. Für diesen Erfolg hat er einen einfachen Grund: «Es gibt praktisch niemand anders mehr, der solche Fahnenstoffe aus Seide in höchster Qualität produziert.»

Allein schon die Kundengruppen von Minnotex zeigen: «Wir sind mit unseren Produkten ausschliesslich in Nischenmärkten tätig», sagt Hans-Jörg Moser auf dem Rundgang. Es handle sich eigentlich alles um Anfertigungen in kleiner Menge. Fast alle Produkte werden ab Lager geliefert.

So überrascht der relativ grosse Maschinenpark. Längst nicht alle Webstühle, Spul- und Zwirnmaschinen seien immer in Betrieb, sagt er fast entschuldigend. Beim Erklären, wie die Maschinen funktionieren, wird rasch klar, warum Moser normalerweise im besagten «Übergwändli» an der Arbeit ist.

«Ich mache alles. Vom Büro, Einkauf, Verkauf über das Weben bis hin zu elektrischen und mechanischen Arbeiten an den Anlagen.» Und das ist eine grosse Herausforderung. Stehen doch neben der über 100 Jahre alten Bandschärmaschine aus Eisen und Holz modernste Anlagen.

Es sei eine gute Mischung zwischen «uralt und topmodern», meint er lachend. «Im vergangenen Sommer haben wir über eine halbe Million Franken in Anlagen investiert.» Er hält fest, dass der bald 300-jährige Betrieb zwar massiv geschrumpft, aber nicht abgewirtschaftet sei. «Wir arbeiten mit Gewinn, der uns die Investitionen erlaubt.»

Der stattliche Mann, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, weiss, dass er in keinen Wachstumsmärkten aktiv ist. Deshalb hat er reagiert. Als Ergänzung führt er ein Sortiment an Handelsware, die aber speziell für Minnotex in der Schweiz und im nahen Ausland produziert wird.

Künftig will er zudem vermehrt Endkunden ansprechen. Dazu hat er in einem ersten Schritt nach eigenem Design eine erste Kollektion an Seidenkrawatten kreiert, die bald im Fabrikladen erhältlich sein werden.

Swissness: «Schlüssel zum Erfolg»

Um sich von anderen Stoffherstellern abzuheben, hat sich der gelernte Kaufmann und Textilfachmann zudem ganz der Swissness verschrieben. Zwar müsse er die Rohstoffe mangels Angebot in der Schweiz importieren, aber danach sei alles «Swiss Made».

So komme es für ihn nicht infrage, Stoffe im Ausland fertigen zu lassen, dann in der Schweiz konfektionieren und unter «Swiss Made» zu verkaufen. «Das wäre dem Kunden gegenüber nicht ehrlich.» Er ist überzeugt, dass die Nachhaltigkeit in der Produktion – auch in anderen Branchen – von den Konsumenten zunehmend geschätzt werde. «Darin sehe ich den Schlüssel zum Erfolg.»

Deshalb überrascht es nicht, dass Moser beim Projekt des Vereins Swiss Silk mitmacht. Dessen Präsident Ueli Ramseier züchtet in Hinterkappelen Raupen für die Seidenproduktion. Im kommenden Jahr sollen 30 bis 50 Kilogramm Seide produziert werden. Aus einem Teil daraus wird Minnotex einen robusten Faden zwirnen für die Weiterverarbeitung. «Damit kann erstmals seit 100 Jahren wieder Seidengewebe zu 100 Prozent in der Schweiz gefertigt werden.»

Mit der Spezialisierung und der Ausrichtung auf die Swissness sei ein Überleben der Firma, zumindest im Kleinstformat, möglich. Moser, der den Betrieb seit 2006 leitet, ist überzeugt, dass Minnotex auch noch in zwanzig Jahren bestehen wird. «Reich werden wir damit nicht, aber das ist zweitrangig.»

Die Zufriedenheit und die Freude im Job seien das höchste Gut. Wenn man mit ihm spricht und ihn beim Rundgang durch den Betrieb begleitet, glaubt man ihm – dem Unternehmer mit Herzblut für den Betrieb.