D-Day
Ein Bellacher kämpfte am Tag der Invasion in der Normandie

Hans-Rudolf Dreyer lag am Tag der Invasion im Hinterland der Normandie-Küste, wo er in den Reihen der Deutschen die Flanke der Artillerie schützen sollte. Als am 6. Juni 1944 feindliche Fallschirmspringen landeten, war das Chaos perfekt.

Urs Byland
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«Wir packten sie und nahmen ihnen Kekse und allerlei Dinge ab», erinnert sich Hans-Rudolf Dreyer an die Nacht, als die feindlichen Fallschirmspringer landeten.

«Wir packten sie und nahmen ihnen Kekse und allerlei Dinge ab», erinnert sich Hans-Rudolf Dreyer an die Nacht, als die feindlichen Fallschirmspringer landeten.

Urs Byland

Der Tag der Invasion bleibt eingebrannt im Gedächtnis von Hans-Rudolf Dreyer (Jahrgang 1923). «Es war die kürzeste Nacht», spielt er an auf Titel des weltbekannten Filmes «Der längste Tag». Der damals 21-jährige Dreyer lag in den Reihen der Deutschen mit einer Batterie Feldgeschütze bei Carentan (Normandie). Zehn Kilometer entfernt liegt Sainte-Mère-Eglise, bekannt aus dem Film wegen des Fallschirmspringers, dessen Schirm sich in der Kirchturmspitze verfing. Mit seinem Maschinengewehr sollte er die Flanke der Artillerie schützen. Im Vorfeld der Invasion wurden umliegende Städte bombardiert, anschliessend Verbindungen lahmgelegt. «Wir wussten nicht, was los war, und hatten keine Orientierung. Wir sahen die vielen Flieger. Es war ein grosses Durcheinander.»

In der Nacht zum D-Day, zum Tag der Invasion in der Normandie, lag Hans-Rudolf Dreyer auf einem Feld. «Plötzlich landeten Fallschirmspringer.» Widerstandslos hätten sich die schwarz bemalten Fallschirmspringer ergeben. «Die hatten natürlich Angst. Sie kamen einzeln herunter und konnten sich nicht sammeln. Wir packten sie und nahmen ihnen Kekse und allerlei Dinge ab.» Kommuniziert haben die feindlichen Fallschirmspringer mit einem «Quakie».

Tag der Invasion

Am 6. Juni 1944, am D-Day, schafften es die Alliierten an fünf Stränden der Normandie an Land zu gehen. 150 000* amerikanische, britische und kanadische Soldaten wurden mit 1200 Kriegsschiffen und 3100 Landungsbooten an den Strand gebracht, um dort einen Küstenstreifen zu erobern. Am Abend dieses Tages waren 8 000 tot oder verwundet. 23 000 Fallschirmjäger sprangen im Hinterland ab. 7500 Flugzeuge unterstützten das Unternehmen und bombardierten die deutschen Stellungen. In der Normandie kommen heute 19 Staats- und Regierungschefs zusammen, um des 70. Jahrestags des D-Day zu gedenken. Auch sonst wird viel organisiert. Feuerwerke, welche die Küste in einen hellen Lichterglanz tauchen, ein Konzert für die Freiheit, Militärfahrzeugparaden oder Fallschirmspringen über Sainte-Mère-Eglise. (uby)
* Zahlenangaben ohne Gewähr.

Er habe aber keinen einzigen Schuss abfeuern müssen. «Nein, in der Nacht wurde kein Maschinengewehr bedient», sagt er. Die Gefahr, vom Feind geortet und beschossen zu werden, sei zu gross gewesen. «Auch die Geschütze, die auf die Flieger hätten schiessen sollen, blieben stumm. Es gab so viele Flieger in der Luft, unmöglich. Bei einem Schuss hätten die Geschütze sofort die Stellung wechseln müssen.» Denn in der Zwischenzeit waren die Alliierten gelandet und hatten ihrerseits Panzer in Stellung gebracht.

Sofort wurde ein Melder auf dem Motorrad losgeschickt, der aber nicht zurückkam. «Also waren sie bereits gelandet und haben ihn erledigt oder gefangen genommen.» Dreyer erfuhr, dass ihr General schon am Morgen der Invasion von den Alliierten
erschossen wurde. Er war auf dem Nachhauseweg nach einer Geburtstagsfeier. «Mit ihm war auch unser Nachrichtenzentrum lahmgelegt.» Dreyer blieb noch einige Tage in der Region, andauernd die Stellung wechselnd, wenn Panzer näher
rückten.

Aussichtsloser Kampf

Als die Front begradigt werden sollte, habe das Oberkommando neue Führungsleute eingesetzt. «Rabiate Kerle kamen mit ihren Elitedivisionen, darunter auch Fallschirmtruppen, die in der Schlacht um Monte Cassino kämpften. Da hiess es dann: kein Zurück.» Am 12. Juni erfolgte ein Gegenangriff. «Es war aussichtslos. Die Elitetruppen marschierten Richtung Strand ins Bombardement der Schiffsartillerie.»

Dreyer meldete sich für einen Materialtransport. «Ich war zwei Tage weg. In dieser Zeit wurde die Stellung meiner Batterie überfahren.» Dreyer zog sich Richtung Avranches zurück. Er wurde von drei Offizieren geschnappt, denen er dolmetschte und das Quartier besorgen musste, bis nach Holland. «Sahen wir Panzer, liessen wir alles stehen und liegen, auch wenn es eine Bratpfanne voller Kartoffeln war, und zogen uns weiter zurück.» Bei Arnheim erlebte er die Luftlandung der Engländer mit, musste aber nicht in den Kessel kämpfen gehen. Via Xanten, Aachen zog sein Haufen nach Bonn, wo er an die Ostfront verladen wurde. Wieder verschlug es ihn an verschiedene Schauorte, bis er im Erzgebirge vom Ende des Krieges erfuhr.

«Nicht einmal habe ich jemanden erschossen», berichtet er stolz.

In der Schweiz geboren, in Deutschland aufgewachsen

Hans-Rudolf Dreyer wurde in Aarau geboren. Die Mutter war Schweizerin, der Vater Deutscher. Als sein kriegsversehrter (1. Weltkrieg) Vater eine Stelle vom Staat in Deutschland erhielt, lebte die Familie im deutschen Freiburg, wo Hans-Rudolf Dreyer die Volksschule besuchte. «Ich ging aber oft in die Ferien zu den Verwandten in die Schweiz.» Gut erinnern kann er sich an den Ausflug an die Schweizerische Landesausstellung 1939. Am 1. September überfielen die Deutschen Polen und erfolgte die erste Generalmobilmachung in der Schweiz. Am 12. September reiste Dreyer zurück nach Freiburg. «An der Grenze wurden wir frech angeschnauzt, weshalb wir erst jetzt zurückkommen. Der Krieg hatte ja schon begonnen.»

Wer als Soldat den Krieg überleben wollte, musste mehr als einmal Glück haben. Dreyer hatte Glück. 1941 hätte er zur Infanterie gehen müssen. Er erfuhr von der überfüllten Ausbildungskaserne der Gebirgsjäger in Garmisch. «Ich meldete mich freiwillig.» Weil die Ausbildung erst ein Jahr später beginnen konnte, blieb ihm ein Jahr Krieg erspart. «Ich wurde nicht nach Russland verfeuert. Mein Jahrgang wurde arg dezimiert im deutschen Angriffskrieg.» Die Ausbildung zum Gebirgsjäger war hart. «Wir mussten mit Rucksack den Berg hochrennen.» Richtung Russland ging es danach trotzdem. Rostow an Don war seine erste Etappe nach längerem Marsch durch die ausgedorrte Ukraine. Eine Krankheit ersparte ihm das weitere Vordringen. Im Gegenteil ging es zurück ins Sudetenland in ein Lazarett, wo er bis Ende 1942 blieb. Nach einem Winterurlaub folgte ein zweiter Einsatz. «Afrika oder Russland, ich wählte Russland und hatte Glück, weil ich nach Radom (Polen) zur Aserbaidschanischen Legion und nicht nach Stalingrad kam.» Noch vor Winteranfang wurde Dreyer nach Rodez in Südfrankreich verlegt. «Ich wurde in die 91. Luftlandedivision integriert. Es war die Zeit der Neuaufstellungen.» Seine Einheit war vollmotorisiert und bediente eine Batterie Feldgeschütze. Nach kurzer Ausbildung reiste die Einheit ab in die Normandie nach Periers, Coutance und Carentan. Eigentlich sei seine Truppe Teil der Luftlandedivision gewesen. «Das war geheim. Wir hätten in England abspringen sollen und wurden vorher kurz im Häuserkampf ausgebildet. Mit Bombardements wurde unser Einsatz vorbereitet. Aber das war eine Wahnsinnsutopie.»

Dank Fremdsprachenkenntnissen und seiner freundlichen Art fand er schnell Kontakt zu Familien, sei es in Frankreich oder Belgien. «Ich bin mit allen gut ausgekommen.» Deswegen war er auch enttäuscht, dass er nach dem Krieg in ein Lager in Belgien gesteckt wurde, wo er in einer Kohlenmine arbeiten musste. Im Dezember 1945 durfte er erstmals übers Lager schreiben. Abwechslung bot ab 1946 die Korrespondenz mit einer Jugendfreundin aus Freiburg. Am 23.9.47 wurde er entlassen. Er ging zurück nach Freiburg. Bald versuchte er in die Schweiz auszureisen. Am 1. Mai 1954 begann er als Steinmetztechniker in der Firma Biberstein in Solothurn zu arbeiten. Im September reiste seine deutsche Frau nach. 1967 wurde er eingebürgert.(uby)