Biberist
«Du fliehst, oder du landest im Gefängnis»

50 Männer leben in der Asylunterkunft in Biberist – zwei von ihnen gewähren Einblick in ihren Alltag hier in der Schweiz.

Christof Ramser
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Asylunterkunft Biberist
9 Bilder
Zwei Duschen müssen reichen für 50 Personen
Schuhgestell im Eingangsbereich
Einen Schrank für persönliche Sachen gibt es nicht
Die Arbeitshosen werden aufgehängt
Die Asylbewerber haben eine lange Reise hinter sich
Das Essen wird in Kanistern aus dem Bürgerspital geliefert
Deutschstunde bei Frau Stölken
Blick in den Waschraum

Asylunterkunft Biberist

Thomas Ulrich

Auf den Strassen Biberists, entlang des Emmeufers, auf den Jurahöhen. Da und dort sind sie seit einigen Wochen zu sehen: Männer mit dunkler Hautfarbe in leuchtgelben Westen. Sie klauben Zigarettenstummel zusammen, reissen invasive Pflanzen aus, reparieren Wanderwege. Wenn um 16 Uhr Feierabend ist, kehren sie zurück zum Restaurant Biber und steigen die 23 Treppentritte hinunter in den Luftschutzbunker. Dort hängen sie die zerknitterte blaue Arbeitshose über die Holzstange und holen bei Betreuer Dani Staub die Zehnernote Lohn. Erledigen ihr Ämtli und putzen die Toilette oder wischen den Boden. Und dann? Vielleicht eine Dusche in der Kabine mit den beiden Brausen. Fünf Minuten Privatsphäre auf zwei Quadratmetern Keramik, während das Wasser über die Haut rinnt. Ansonsten: Stunden, Tage, Wochen in der Horizontalen auf einem der drei Stöcke im Kajütenbett oder Langeweile vor dem Flachbildschirm im Aufenthaltsraum.

«Hier ist es sicher»

Um 18 Uhr bringt der Kurier vom Bürgerspital das Abendessen. Wenn im Bettenhochhaus in Solothurn Schweinefleisch serviert wird, gibt es für die 50 Bewohner der Asylunterkunft Grüngen ein Alternativmenü. In Eritrea, wo 49 von ihnen herkommen, leben Christen und Muslime zu gleichen Teilen. Gibt es Pasta zum Znacht, freuen sich fast alle.

Für Tekle Temelde bietet das Essen keine Befriedigung. Zu lange hat er nicht mehr Injera gegessen, das gesäuerte Fladenbrot aus der Heimat. Seit sechs Jahren ist der 38-Jährige auf der Flucht vor dem repressiven Regime in Eritrea. Laut dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen UNHCR flüchten monatlich 4000 Eritreer aus dem verarmten Land. «Du hast die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten», sagt Temelde. «Entweder du fliehst oder du landest im Gefängnis.» Von Eritrea ging es nach Äthiopien und Kenia, dann via Südsudan und Nordsudan nach Libyen. Schlepper brachten ihn über das Mittelmeer nach Italien. Jetzt ist er in der Schweiz. «Hier ist es ruhig und sicher», sagt er.

Temelde spricht leise, wenn er von sich erzählt. Von seiner Frau und der Tochter, die in Eritrea zurückgeblieben sind. Immer am Donnerstag, wenn er die 14 Franken Wochengeld erhält, kauft er sich eine Telefonkarte fürs Handy. Irgendwann, so hofft er, können die beiden in die Schweiz nachreisen. Bis dahin möchte er, der ein Examen in öffentlicher Verwaltung und eine Ausbildung als Lehrer hat, einen Job finden. «Aber ohne Deutschkenntnisse ist das unmöglich», sagt er in lupenreinem Englisch. Einmal pro Woche besucht Temelde für 40 Minuten einen Deutschkurs.

Keine Zwischenfälle

Die Holztheke vor dem improvisierten Büro des Unterkunftsleiters ist mit blauem Kugelschreiber verkritzelt. Einer hat eine Blüte hingemalt, ein anderer den Namen einer Frau geschrieben. «Das ist die Klagemauer», sagt Peter Wenger von der Firma ORS, die die Asylheime im Kanton Solothurn im Auftrag des Kantons führt. Der Betrieb in Biberist sei eine Herausforderung. «Die Anlage ist extrem eng, enger kenne ich es nicht.» Umso wichtiger sei es, ein gutes Miteinander zu kreieren. Die Stimmung unter den 50 Bewohnern in Biberist sei ruhig – bis jetzt. Denn viel brauche es in solchen Verhältnissen nicht, bis die Stimmung kippt. Auch ausserhalb der Anlage kam es zu keinen Zwischenfällen, sagt Stefan Hug, Leiter zentrale Dienste in Biberist. Das Bürgertelefon, das die Gemeinde eingerichtet hat, bleibt stumm.

Im Eingangsbereich bei der Dusche und den Toilettenkabinen riecht es nach Urin. Weiter hinten in den beiden Schlafräumen leuchten die Leintücher in allen Farben. Die Querstangen der Stockbetten sind vollbehängt mit Frotteetüchern und Plastiksäcken. Einen Kasten für persönliche Gegenstände haben die Bewohner nicht. Ausser ihren Handys aber auch kaum wertvollen Besitz. Er habe Leute gesehen, die barfuss auf der Flucht waren, sagt Temelde. Alles, was sie hatten, waren die Kleider an ihren Körpern.

Einige Bewohner liegen auf ihrer Matratze und versuchen zu schlafen. In einer Ecke kniet einer auf einem kleinen Teppich und betet. Vor einem der Kajütenbetten steht Menok Afewerki. Der 19-Jährige ist vor zwei Jahren aus politischen Gründen geflüchtet. Wer in Eritrea desertiert, ist ein Volksfeind und riskiert Gefängnis. Seine Reise führte ebenfalls durch die Sahara nach Libyen und übers Mittelmeer nach Italien. «Es gibt so viele Tote in der Wüste, die noch nicht entdeckt sind», sagt er. Und: «Ich vermisse meine Familie.» Dass er in der Schweiz unter der Erde leben würde, wie so viele in den Gefängnissen seiner Heimat, hätte Afewerki nicht erwartet. Es sei nicht einfach mit 50 anderen in einem fensterlosen Raum zu schlafen. Die Luft sei schlecht, Krankheiten würden sich schnell übertragen. Viele stünden unter Stress und weinten in der Nacht. «Sie haben sich ein besseres Leben erhofft.»

Ungewisse Zukunft

Auf dem schmalen Weg vor der Unterkunft steht eine Gruppe Eritreer. Sie blicken hinüber zum Turm der katholischen Kirche und fragen sich, ob sie als Orthodoxe dort beten dürfen. Ein junger Mann mit verkrümmter Nase will seinen Frust loswerden. Er klagt über die Situation unten im Bunker, über die stickige Luft, Probleme mit den Augen, Hautausschlag, Stress, mangelnden Respekt und Aggressivität. Dann streckt er ein Arztzeugnis entgegen. «Aufgrund seiner Schiefnase nach rechts hat der Patient das Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen», steht dort. «Eine Verlegung in ein Zimmer mit Fenster wäre zu begrüssen.» Noch wird er sich gedulden müssen. Die Asylunterkunft in der früheren Klinik Fridau soll im Spätherbst bezugsbereit sein.